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Konzerte bei strömendem Regen

Kulturfestival Konzerte bei strömendem Regen

Bei strömendem Regen harrten die Zuschauer aus, um den Schlagzeuger Martin Grubinger zu erleben. Der Österreicher war begeistert von den Fans bei den Kunstfestspielen Herrenhausen. Außerdem gab es ein Konzert mit Musik von Cage und Scarlatti.

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„Das beste Publikum der Welt“ – von Martin Grubinger selbst in Herrenhausen aufgenommen.

Hannover. Konzerte von Martin Grubinger werden oft mit Superlativen bedacht. Vom „Percussionstar“, sogar vom „Hexer“ ist da die Rede, weil der österreichische Schlagzeuger in Sachen Virtuosität und Musikalität eine Ausnahmeerscheinung ist. Insofern ist es zunächst keine Überraschung, dass auch der hannoversche Auftritt Grubingers als denkwürdiges Konzert in die Annalen der Kunstfestspiele eingehen wird. Diesmal aber waren die Zuhörer die Helden. Bei strömendem Regen harrten sie unter freiem Himmel zwei Stunden lang im fast ausverkauften Gartentheater aus, um den zwar im Trockenen (unter einer Plane) spielenden, aber wegen der Kälte auch in Decken eingemummelten Musikern der Camerata Salzburg unter der Leitung von Ariel Zuckermann zu lauschen.

Viele waren in Regenhosen und -jacken, mit Gummistiefeln und Schirmen ins Gartentheater gekommen. Die anderen bekamen Capes vom Veranstalter, die so sehr den gelben und blauen Säcken der Müllabfuhr glichen, dass das Konzert rein optisch den Charme einer Müllwerkerversammlung verströmte. Der Stimmung tat das aber keinen Abbruch. Grubinger lobte die Hannoveraner gleich zu Beginn als das „beste Publikum der Welt“ und machte sogar ein Foto von den vermummten Gestalten, das er später auf Facebook postete. Dann hielt er mit der Camerata Salzburg, was er zuvor versprochen hatte: nämlich für diese frierenden Musikbegeisterten das Beste zu geben.

Schon in John Coriglianos Schlagzeugkonzert beeindruckte der Percussionist mit virtuosen Trommelwirbeln und zauberhaft schwebenden Glockenspielmelodien. Spätestens bei den von Martin Grubinger senior bearbeiteten Stücken aus Bernsteins „West Side Story“ und Wolf Kerscheks Reise durch die afroamerikanische Musikgeschichte ging die Post im Gartentheater richtig ab. Da groovte, swingte, pulsierte es trotz des Regens: Grubinger und Konsorten boten Musik aus der „Neuen Welt“ vom Allerfeinsten. Manchen Zuhörer hielt es nicht mehr auf den Sitzen, auch Intendantin Elisabeth Schweeger wippte begeistert mit. Sie hatte sich bei den Zuhörern für ihr Kommen bedankt und sie in der Pause mit Glühwein und warmen Decken versorgt. Ein Ausweichen in eine andere Spielstätte war wegen der vielen Besucher nicht möglich gewesen.

Erheblich trockener ging es am Abend zu - weniger anregend allerdings nicht. In der Orangerie trafen Werke aus denkbar unterschiedlichen Epochen aufeinander: Solostücke von John Cage wurden umrahmt von und eingebettet in Domenico Scarlattis „Stabat Mater“. Cage schrieb sein „Songbook“ 1970, bestehend aus 90 Gesangssoli und Theateraktionen, die von den Akteuren frei auszuwählen und zu gestalten sind. Dagegen stand Scarlattis spätbarocke geistlich-musikalische Überzeugungstat. Lassen sich diese Werke überhaupt kombinieren? Da wurde Vabanque gespielt - mit einer zielgenauen, zum Schluss spannenden Punktlandung.

Zehn in einer Reihe aufgestellte Stühle mit Leselampen und Kartons auf den Sitzflächen zierten die Spielfläche vor den erhöht sitzenden Zuschauern in der leider kaum zur Hälfte gefüllten Orangerie. Vorn saß das mit Cello, Chittarrone, Violone und Orgel vertretene Ensemble „aisthesis barock“. Und davor wartete Dirigent Walter Nußbaum auf seinen ersten Einsatz. Denn erst einmal vermaßen die zehn Mitglieder des Vokalensembles Schola Heidelberg die Spielfläche (Szenische Einrichtung: Ludger Engels) und den Klangraum. Man kennt das: Schreiten, Laufen, Verharren und Platz nehmen. Schließlich stand man auf, bildete einen kleinen Pulk und begann mit wunderbar ausbalancierten Tönen scarlattischer Innigkeit nachzuspüren. Dann zerfielen das Bild, der Klang, und man packte die Kartons aus. Wortspiele mit „I can eat without drinking“ ertönten, Bleistifte, allerlei Spielzeug und ein Kickboard belebten die Bühne. Man jonglierte mit Tönen und bezog (leider viel zu zaghaft!), etwa mit einer Partie „Mensch ärgere dich nicht“, das Publikum mit ein. Dazwischen immer wieder Scarlatti - oder war es eher Cage zwischen Scarlatti?

Jedenfalls gelang das Kunststück, die Stücke in eine frappierende Balance zu bringen. Als aber zum Schluss Versatzstücke aus dem „Songbook“ und Phrasen aus dem „Stabat Mater“ gleichzeitig präsentiert wurden, schien Cage die Überhand zu gewinnen: Er wollte eine simultane, zufällig zustande gekommene Aufführung aller Aktionen. Doch einen Scarlatti kann man nicht einfach per Zufall ausblenden: Dessen „Amen“ hatte das letzte Wort. Cage hätte das akzeptiert: Ehre dem Älteren!

Die Veranstaltung „Wie gehen wir mit Unsicherheiten um“ am Dienstag um 19 Uhr in der Orangerie ist ausverkauft. Karten gibt es aber für das Konzert am Mittwoch „Frei, aber einsam“ - unter (01805) 570070.

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