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21:14 13.05.2016
„A Moon Shaped Pool“: Radioheads Psychedelic-Folk-Album. Quelle: XL Recordings
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Stille. Kein Ton von Radiohead. Und jetzt plötzlich ein ganzes Album. Die fünf Briten haben „A Moon Shaped Pool“ veröffentlicht. Ihr neuntes Studiowerk, ihr erstes Album seit fünf Jahren. Eine Überraschung von einer Band, bei der die Überraschung seit jeher zum Konzept gehört - in einem Metier, das Überraschungen ablehnt. Bands und Künstler in Rock und Pop sollen die immer gleiche, bewährte Masche häkeln. So geraten Neuerungen meist zaghaft klein.

Eine Woche vor „A Moon Shaped Pool“, dessen nicht terminiertes Erscheinen von der Fangemeinde freilich schon seit Monaten erwartet wurde, kam „Burn the Witch“, Radioheads kraftvolle erste Single mit einem putzigen Puppenvideo in Lolek-&-Bolek-Manier. Gezeigt wurde eine dörfliche Gemeinschaft in pastellbunten Farben. Ein Idyll, das von einer Art Menschenrechtskontrolleur besucht wird, der feststellt, dass es auf der Insel der Nettlinge hübsche, blumenumkränzte Pranger und Galgen gibt. Radiohead scheinen von den neuen Nationalismen und Rechtsrucken in der Welt zu künden, die ein Paradies für die Einverstandenen versprechen, schwere Zeiten für Widersprechende und Ausgrenzung für die Fremden.

Auch in den Balladen des Albums sieht man die bösen Zeiten gespiegelt. Die Umwelt ist ruiniert, die Politik geht rückwärts, die Liebe ist passé, die Zeitgenossen trotten einher in schafsgleicher Gedankenlosigkeit. Furcht und Einsamkeit regieren, ein Ausweg ist schwerlich zu finden. Hinter dem romantischen Titel verbirgt sich ein nachtgraues, nur dünn mondbeschienenes Werk. „Du hast wirklich alles kaputtgemacht“, klagt Sänger Thom Yorke in „Ful Stop“, einem der wenigen schnelleren Stücke. Man sei über den „Punkt ohne Wiederkehr hinaus“, der „Schaden ist unwiderruflich“ barmt er in „Daydreaming“.

Die Welt und das Private bluten freilich ineinander und von wem oder was sich der Ich-Erzähler in „Identikit“ genasführt und betrogen wähnt, bleibt offen. Ein großzügiger Schuss Kryptik gehört ebenso zu Radiohead wie Yorkes hypnotische Stimme. Der 47-Jährige hatte sich 2015 nach 23 Jahren „einvernehmlich und in Freundschaft“ von seiner Lebensgefährtin Rachel Owen getrennt. So ist man geneigt, Zeilen wie das traurig wiederholte „mein halbes Leben“ in „Daydreaming“ und das bedauernde „Wird all diese Liebe vergeblich gewesen sein?“ im Bossa-Nova-artigen „Present Tense“ als persönliche Bekenntnisse zu nehmen. Muss man aber nicht. „Verlass mich nicht! Verlass mich nicht!“ heißt es in dem das Album beschließenden Liebeslied „True Love Waits“.

Der Sound ist sanfter denn je. Yorke findet reizvolle Melodien, die Gitarrist und Soundtrack-Komponist Jonny Greenwood („This will be Blood“, „Inherent Vice“) in Akustikgitarren, Keyboards, Percussion und Streicher hüllt. So ist „A Moon Shaped Pool“ vielleicht das wohligste Radiohead-Album, seit die fünf Oxforder Anfang der Neunzigerjahre mit dem Album „Pablo Honey“ und dem Indie-Hit „Creep“ reüssierten. Und vor allem diese Sanftheit ist eine Überraschung, unterläuft die Erwartungen. Durchdacht bis in den letzten nebelverhangenen Piano-Akkord von „Glass Eyes“, ist dies Radioheads Psychedelic-Folk-Album.

Das Ganze gibt es übrigens erst mal nur als Download. Die Anhänger des Anfassbaren müssen sich, so war zu hören, bis 14. Juni gedulden, dann erscheint „A Moon Shaped Pool“ auch auf Compact Disc und Vinyl. Auch was darauf analog klingt, ist mit modernster Studiotechnik erschaffen worden. Die ganze Veröffentlichungspraxis von ­ „A Moon Shaped Pool“ widmet sich freilich einem veralteten Abschiedsgerät: „Bye, CD-Player!“

Von Matthias Halbig

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