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NSU-Anwalt macht jetzt Theater

Premieren-Kritik NSU-Anwalt macht jetzt Theater

„Alles wird gut“? Ein Stück des NSU-Opferanwalts über Rechtsterrorismus wurde jetzt in Celle uraufgeführt. Eine Theaterkritik von Ronald Meyer-Arlt.

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An falschem Ort: Johann Schibli, Eva-Maria Pichler und Dirk Böther in „Alles wird gut“.

Quelle: Alex Sorokin

Celle. Oft werden auf der Bühne Fälle verhandelt, flammende Anklagen, geschliffene Plädoyers und leidenschaftliche Verteidigungsreden sind zu hören, jedermann spielt eine Rolle, und am Schluss urteilt das Publikum oder die Theaterkritik - aber trotzdem sollte man die Bühne nicht mit einem Gerichtssaal verwechseln. Denn Wahrheit wird im Theater nicht gesucht. Im Gegenteil: Die Wirklichkeit verliert auf der Bühne ihre Brisanz, Fakten passen nie gut in den Als-ob-Raum des Theaters.

Mehmet Daimagüler, Vertreter der Nebenklage im NSU-Prozess, hat ein Stück geschrieben, das viel mit ihm und mit seiner beruflichen Praxis zu tun hat. In „Alles wird gut. Traum und Albtraum eines unverbesserlichen Deutschen“, das jetzt in der Halle 19, der kleinen Außenspielstätte des Schlosstheaters Celle, zur Uraufführung kam, nennt er einige spannende Fakten aus dem laufenden Prozess gegen Beate Zschäpe. Der Verfassungsschutz soll maßgeblich zum Aufbau der rechtsradikalen Szene in Deutschland beigetragen haben, der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) soll seit Langem in ein Netzwerk der rechten Szene eingebettet gewesen sein. So brisante Fakten werden genannt. Aber es sind Schauspieler, die sie nennen. Sie machen das (in der Inszenierung des Intendanten Andreas Döring) gut und können nichts dafür - aber Fakten schrumpfen auf der Bühne, sie werden Teil des Rollenspiels. Eva-Maria Pichler, Dirk Böther und Johann Schibli stehen auf der Bühne. Sie spielen Ermittler, die sich mit einem Mordfall beschäftigen. Auf den Container einer rechtsextremen Band wurde ein Brandanschlag verübt. Ein Sänger kam zu Tode. Verdächtigt wird der Anwalt Mehmet Daimagüler. Über den wird viel erzählt, später kommt er in Interviews und einem Verhör selbst zu Wort.

Dass ein Autor sich selbst zur Figur macht, kann vorkommen, dass er so umfassend und so schonungslos aus seinem Leben berichtet, wie Daimagüler es hier tut, ist allerdings ungewöhnlich.

Beide Erzählstränge - die NSU-Geschichte und Daimagülers Lebensgeschichte - sind für sich genommen sehr spannend. Doch leider behindern sie sich gegenseitig. Und am Ende siegt der Vortrag über das Spiel. Das Stück wirkt wie ein geschliffenes, aber an falschem Ort gehaltenes Plädoyer. Ganz verloren ist die Sache freilich nicht. Mit mutiger Regie ließe sich wohl etwas fürs Theater daraus machen. Vielleicht sollte man sich überlegen, die Geschichte zu tanzen.

Wieder am 26. Oktober sowie am 3., 8. und 10. November, Halle 19, Schlosstheater Celle.

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