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Kultur Das Immergleiche ins Monströse aufgeblasen
Nachrichten Kultur Das Immergleiche ins Monströse aufgeblasen
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22:48 13.12.2013
Von Stefan Stosch
 Kleiner Mann ganz groß: Martin Freeman als Bilbo Beutlin. Quelle: Warner Bros.
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Hannover

Wie alles begann? So: Ein Oxford-Professor für englische Sprache pflegt seinen Kindern Gute-Nacht-Geschichten zu erzählen. Er erfindet ein freundliches Wesen mit übergroßen Füßen, das in einem unbedachten Moment von Abenteuerlust gepackt wird und sich einer Schar Zwerge anschließt. Das Ziel der ungewöhnlichen Reisegruppe: Es gilt, den von einem Drachen geraubten Goldschatz zurückzuholen. Nehmen wir mal an, dieser Professor würde sich heute in einem 3-D-Kino irgendwo auf diesem Planeten wiederfinden und den güldenen Schriftzug „The Hobbit“ auf der Leinwand lesen. J. R. R. Tolkien, so heißt der Professor, würde sich womöglich erschrocken in seinen Sessel ducken. Die Überwältigungsmaschinerie Kino hat von seiner Story Besitz ergriffen, sie in drei Teile zerstückelt und jeden davon ins Monströse aufgeblasen.

Ein wildes Schlachten und Morden tobt über die Leinwand, insgesamt rund neun Stunden lang, unterbrochen von einigen humoristischen Einsprengseln. Eines jedenfalls ist klar: Zum Einschlafen taugt diese Furcht einflößende Kino-Geschichte nicht – außer vielleicht, der Nachwuchs empfindet das Enthaupten von fiesen Unterwelt-Wesen mittlerweile als so entspannend wie das Schäfchenzählen. Man kann es auch so ausdrücken: Jackson hat Tolkiens Fantasiereich in Ork-Manier erobert. Die neue Trilogie ist schon jetzt mindestens so düster wie der „Herr der Ringe“-Aufgalopp.

So sicher ist sich der Regisseur dabei seiner Sache, dass er sich im zweiten „Hobbit“-Teil mit dem Untertitel: „Smaugs Einöde“ gar nicht mehr die Mühe macht, die Figuren groß einzuführen – mal abgesehen von einem angepappten Prolog mit Zwergenkönig Thorin Eichenschild (Richard Armitage). Inzwischen kennt der Zuschauer ja auch Legolas (Orlando Bloom) oder Gandalf den Grauen (Ian McKellen). Jedenfalls glaubt er sie zu kennen, weil das neue Mittelerde-Personal mehr oder weniger dem aus „Herr der Ringe“ gleicht. Und wo, bitte, ist der Unterschied zwischen der aktuellen Elbin Tauriel (Evangeline Lilly) und ihrer Vorgängerin Arwen (Liv Tyler)?

Mit „Der Hobbit: Eine unerwartete Reis“ startet Peter Jackson ein neues Abenteuer aus Mittelerde.

Jackson setzt alles daran, niemanden merken zu lassen, dass der mittlere Teil einer jeden Trilogie der undankbarste ist. Alles kommt darauf an, die Zeit bis zum Finale schwungvoll zu überbrücken. Tatsächlich hält der neuseeländische Regisseur das ein oder andere Schmankerl in seinem 160 Minuten langen Werk parat. Ein bisschen zu ausführlich bringt er diese zur Anschauung, zum Beispiel eine wilde Verfolgungsjagd, bei der die Reisenden reißende Stromschnellen in Weinfässern hinabtreiben.

Besonders gelungen: die Riesenspinnen im Düsterwald. Sie verpacken Zwerge schneller in ihre Netze als die geschicktesten Weihnachtsbaumverkäufer ihre Nordmann-Tannen. Wie auf Droge krabbeln die Viecher herum. Wer ihnen ins pelzige Gesicht schaut, der erschauert. Spinnenphobiker seien jedenfalls gewarnt. Der Drache Smaug, der schon im ersten Film müde sein stechendes Auge öffnete, ist ein Prachtexemplar – und ein Psychopath. Smaug gehört die Show. Er wirkt trotz all seiner Feuerspuckerei nicht nur böse, wenn er wie einst der Gollum durch seine Höhle wuselt und (Selbst-)Gespräche führt. So wird man eben, wenn man zu viele Jahrhunderte auf Goldreserven schlummert, gegen die sich die im Fort Knox wie ein Notgroschen ausnehmen.

Bilbo Beutlin kehrt zurück auf die Leinwand. In Teil zwei der Hobbit-Saga „Smaugs Einöde“ dringen er und seine Mitreisenden zum Drachen im Einsamen Berg vor.

Überhaupt scheint die Gier das durchaus zeitgemäße Antriebsmotto dieses Films zu sein, ob nun Bilbo Beutlin (Martin Freeman) den berüchtigten Ring in seinen Händen dreht oder der Drache (im Original gesprochen von Benedict Cumberbatch) seinen Schatz hütet. Und gilt das nicht letztlich auch für die Filmemacher rund um Regisseur Jackson, die durch die Dreiteilung weitere Einspielmillionen einsammeln und so tun, als sei diese simple Geschichte nicht auch in zwei oder gar nur einem Film zu erzählen? Am Ende hinterlässt der Hobbit-Trip denselben Eindruck wie ein tausendseitiger Historien-Fantasy-Schinken: Es wird das Immergleiche geboten, davon immer mehr und auf technisch hohem Niveau.

Doch jede Wette: Uneingeweihte könnten bei manchen Szenen gar nicht mehr recht unterscheiden, ob da nun Harry Potters Internatsleiter Dumbledore gegen Voldemort oder Gandalf gegen die dunklen Mächte kämpft. Und erinnern die zotteligen Reittiere der Orks nicht irgendwie an räudige „Twilight“-Werwölfe? Das globale Heer der „Hobbit“-Fans sieht das vermutlich anders. Doch lässt sich der geballte Special-Effect-Reichtum auch als eine Verarmung der Fantasie interpretieren.

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