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00:15 02.10.2013
Von Ronald Meyer-Arlt
Draußen keine Kännchen: Irina (Johanna Bantzer) und Tusenbach (Hagen Oechel) im Kaffeeregen. Quelle: Katrin Ribbe
Hannover

Es ist, als verfaulten ihr die Worte im Mund. Weil sie so oft, zu oft wohl, von „Moskau“ gesprochen hat, und weil sie gerade „Mein Mann“ sagen wollte, stellt sich das „M“ in Maschas Mund quer. Und ihr Satz von denen, die allmählich grob und böse werden, wenn sie das Glück nur hin und wieder und nur in kleinen Happen zu fassen bekommen und es dann meist auch wieder verlieren, wird zu einer merkwürdigen Sprechübung. Vom „Mlück“ murmelt Mascha statt vom Glück, und kämpft sich weiter mit vernähtem Mund durch den Mmmonolog. Die Verzweiflung hat sogar ihre Sprache mürbe werden lassen.

Das ist groß gedacht. Das ist mutig. Denn Tschechows Sprache ist ja eigentlich heilig. Da darf man vielleicht hier und da ein bisschen was streichen. Aber Sascha Hawemann, der „Drei Schwestern“ im Schauspielhaus inszenierte, geht weiter; er ergänzt Tschechow um heutige Alltagssprache, remixt Kernsentenzen für ein Vorspiel vor dem eisernen Vorhang und lässt die Darsteller große Dialoge immer mal wieder mit dem Wort „Pause“ unterbrechen. Dann frieren sie einen Moment lang ein, um gleich darauf wieder weiterzumachen.
Alles Theater.

Aber warum auch nicht? Theater ist schließlich einer der bevorzugten Orte, an denen das Leiden an der Welt, am Schicksal, an sich selbst und an den anderen artikuliert werden darf. Also Theater: Schon das Bühnenbild mit seiner Schminkspiegelglühlampen am Portal und der in der Tiefe offenen Bühne weist darauf hin, dass das hier ein Theaterraum ist. Vorn, vor dem Portal, liegen Bücher: Der Untergrund des Spiels ist Literatur. Und die wird hier mit Füßen getreten. Bücherfreunden tut das weh. Schön ist das nicht, wie hier die Bücher mit Wasser bespritzt werden (und es gibt ja kaum noch Schauspielaufführungen, in denen nicht mit Wasser herum gespritzt wird). Aber: Das hat schon seine Richtigkeit. Hawemann hat ein treffendes Bild für die Situation der drei Schwestern in der Provinz gefunden. Sie sind gebildet, aber ihre Bildung war eine Fehlinvestition. Bücher? Wer braucht denn heute noch Bücher?

Tschechow erzählt in „Drei Schwestern“ vom falschen Leben. Mit ihrem Vater, der als Garnisonskommandant hierher versetzt wurde, sind Olga, Irina und Mascha in der Provinz gelandet. Das Stück beginnt ein Jahr nach dem Tod des Vater. Eigentlich könnten die Schwestern zurück nach Moskau, ihrem Sehnsuchtsort. Sie träumen vom Aufbruch, aber sie schaffen ihn nicht. Olga hat sich als Lehrerin am Ort eingerichtet. Mascha hat einen Lehrer geheiratet und Irina wird sich am Ende in eine Vernunftehe mit Baron Tusenbach schicken, die aber doch nicht Wirklichkeit wird, weil der Bräutigam im Duell getötet wird.

Von allen bitteren Tschechowstücken ist „Drei Schwestern“ wohl das bitterste. Das Wissen, dass man ein falsches Leben lebt, die traurige Hoffnung, dass es anderswo besser wäre, die Erkenntnis endlich, dass man diesen Ort doch nie erreichen wird, die Verbissenheit, mit der vieles ertragen wird, die Vermutung, dass andere Generationen bestenfalls mit Mitleid auf diese Zeit zurückblicken werden, die gigantische Erschöpfung am Ende, weil alles Sehnen, alles Streben nichts geholfen hat – das alles fügt Tschechow zu einer großen Melodie der Traurigkeit zusammen.

Das Stück „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow ist im Schauspielhaus zu sehen.

Sascha Hawemann hat diese Melodie auch anderswo gehört: Geradezu mantraartig lässt er wieder und wieder die bekannte Melodie aus Verdis „La Traviata“-Ouvertüre erklingen. Meist spielt sie Andrej, der Bruder, auf den die drei Schwestern so große Hoffnungen gesetzt haben, auf dem Klavier. Andrej (Camill Jammal, der die Figur in ihrer Kindlichkeit gut trifft) hat die schreckliche Natalja Iwanowna (Carolin Eichhorst mischt etwas Cindy aus Marzahn in die Figur) geheiratet. Langsam verfettet er und schnell häuft er Spielschulden an. Eine tragische Figur. Wenn er nicht gerade das „La Traviata“-Thema spielt, stopft er Süßigkeiten in sich hinein. Am Ende steht er aufgeblasen wie ein Michelin-Männchen auf der Bühne.

Der Schauspieler im aufgepumptem Gummianzug? Muss man das so deutlich zeigen? Man muss nicht, aber man kann. Wenn man’s kann. Und Hawemann kann’s. Er quält die Zuschauer mit dem „La Traviata“-Ohrwurm, mit Kaffee, der am Ende hektoliterweise vom Plafond regnet, mit überdrehten Bewegungsmustern, mit vielen, vielen Wodkaflaschen, die gleichgültig leergesoffen werden, mit einem Eissee, in den die Figuren springen, wenn sie einen großen Monolog vorzutragen haben.

Man könnte das leicht als übliches Regietheaterzeug abtun. Aber das ist es nicht. Es ist intelligente Übertreibungskunst. Mit großartigem Gezappel macht Hawemann das Quälende der Situation erfahrbar. Er hat die Verzweiflung radikal herauspräpariert. Knapp vier Stunden dauert dieser Abend. Aber die fühlen sich an wie zwei. Denn dem Regisseur gelingt Großes: Er sorgt dafür, dass uns die armen Seelen auf der Bühne ganz nahe kommen. Schwester Mascha, Schwester Irina, Schwester Olga.

Er hat ein großartiges Ensemble dafür: Lisa Natalie Arnold als Olga: gebremst, vorsichtig geworden nach vielen Verletzungen; Sarah Franke als Mascha: eine Rollenspielerin, exaltiert, cool, nervös und verzweifelt. Wie sie immer wieder ihre Frisur ändert, nur um eine andere sein zu können. Wie sie am Offizier Werschinin (ausgebufft, mit sonorem Charme: Christian Kuchenbuch), Feuer fängt und am Ende regennass zusammenbricht. Johanna Bantzer als Irina: mädchenhaft zuerst, am Ende tief verletzt. Rainer Frank als Arzt Tschebtykin und Henning Hartmann als bemüht lustiger Lehrer Kulygin tragen spielfreudig zu diesem Intensivtheaterabend bei.

Am Ende gab’s begeisterten Applaus für die Schauspieler und vehemente Buhs gegen den Regisseur. Er sollte sich davon nicht irritieren lassen.

Wieder am 4., 16., 20. und 27. Oktober.

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