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00:15 29.07.2016
Ein Märchenerzähler: Hannes Meinhard (1937-2016). Foto: Behrens Quelle: Christian Behrens
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Baringhausen

Hannes Meinhard war ein Künstler mit einem unersättlichen Schrotthunger. Zeitweilig hatte er sogar sein Atelier auf einem Schrottplatz in Barsinghausen eingerichtet. Dort fand der 1937 im nordrhein-westfälischen Dahlbruch geborene Bildhauer alles, was er für seine Kunst brauchte - Eisen in jeder Form: alte Schrauben, Stangen und aufgegebene Ketten, Räder, Rohre und Flügelmuttern, Kranhaken, Schienen und Kugeln, Bleche und Bänder, Stäbe, T-Träger, Platten und Profile. Die verband der gelernte Schmied und studierte Eisenplastiker zu fantastischen und skurrilen Gebilden. Zu anspielungsreichen und erzählenden Assemblagen, in denen das Material oft genug seine Erdenschwere vergessen lässt und sich in die luftigen Höhen der Poesie schwingt, wohin sich seine Betrachter nur allzu gern entführen lassen.

Natürlich bleibt das Material dabei realiter auf dem Boden, aber dennoch rücken die Werke aus in ferne und exotische Reiche. So setzt sich sein „Echsentier“ (1975) aus geschmiedeten und geschnittenen, schweren Eisenplatten zusammen. Dabei ist die fast zwei Meter hohe Eisenplastik voller figurativer Anmutungen. Mühelos sind Schädel und Hörner, Kuppe und Schwarm, Beine und Körper zu identifizieren. Sie vereinen sich zu einem unbekannten, auf verschiedenen Ebenen lesbaren Fabelwesen. Einerseits legt die Plastik Zeugnis ab von der Fähigkeit des Künstlers, seine Elemente harmonisch im Raum zu verteilen. Andererseits zeigt sie ihn auch als spielenden Menschen, der uns ermutigt, gleichfalls spielerisch mit den Phänomen der Welt umzugehen. Kein Wunder, dass viele dieser erzählenden Assemblagen bei Kindern so beliebt sind und von ihnen mit Leichtigkeit begriffen werden.

Eisen war stets die große Liebe von Hannes Meinhard. Er kommt aus einer Familie von Schmieden und Schlossern. Schon sein Vater, Großvater und Urgroßvater waren Schmiede gewesen. Und auch er wurde Schmied und arbeitete zwei Jahre als Geselle, bevor er sich der Kunst zuwandte und bei Michael Croissant an der Frankfurter Städel-Schule Bildhauerei studierte. In Meinhards Familie hatte man schon immer Augen für die plastische Schönheit von Zweckbauten aus Eisen. So ist nicht erstaunlich, dass Meinhards Anregungen, wie er gerne betonte, stärker aus der Industriegeschichte als aus der Kunstgeschichte kamen. Trotzdem prägte ihn das Studium bei Croissant, der ein großer Verfertiger puristischer, abstrakter Eisenplastiken war.

Und so blieb es nicht aus, dass sich Meinhard unter dem Einfluss seines Lehrers auch Plastiken zuwandte, die einer strengeren Gestaltungssyntax und Grammatik folgten. Ein Beispiel dafür ist seine „Lange Figur“ (1978), die sich im Besitz des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur befindet. Mit einem Wechsel von harten geometrischen und weichen organischen Formen setzte Meinhard in ihr eine Konfrontation ins Werk, die ebenfalls erzählt, indes sehr diskret und weit entfernt vom überbordenden Fabulieren seiner barocken Assemblagen. Noch strenger komponiert sind die „Abwinkelung“ (1987) und die „Doppelsäule zweiteilig“ (1989), die von fern an den spanischen Bildhauer Eduardo Chillida erinnern.

Aber das waren eher Fingerübungen. Augenzwinkernde Ansagen von ihm, auch in die Richtung der Minimal-Künstler, mit solchen Werken keinerlei Probleme zu haben. Wohler fühlte sich Hannes Meinhard zweifellos, wenn er als Künstler sein Material zu bizarren und grotesken Assemblagen anhäufen konnte. Eine Vorliebe, die ihn zum Seelenverwandten des Schweizer Bildhauers Bernhard Luginbühl machten, mit dem er eng befreundet war. Beispiele dafür sind der schöne, sich im Besitz des Sprengel-Museums befindende „Reliquienschrank“ (1981/82) oder der „Erdbeweger Hanomag“ (1983) auf dem hannoverschen Deisterplatz, der dort, ein urzeitliches technoides Ungetüm, von seiner anstrengenden Tätigkeit erschöpft, auszuruhen scheint.

Und am wohlsten fühlte er sich, wenn er wie in vielen seiner Arbeiten, zum Beispiel dem wundersamen „Zackenrüssel“ (1994), zum bildhaften Erzähler wurde. Auch zum großväterlichen Märchenerzähler, dem er im Alter mit seinem weißen Bart immer ähnlicher wurde und der die Kinder mit seiner Kunst erfreute, ohne dass seine Werke in irgendeiner Weise kindlich gewesen wären.

Wer ihn indes je in seiner Schmiede bei der Arbeit gesehen hat, angetan mit einer großen Lederschürze, eine Mütze auf dem Kopf, der weiße Bart bestäubt vom Kohlenruß, eine Schutzbrille vor den Augen, in der einen Hand eine Zange, deren Zähne das rotglühende Eisen hielten, in der anderen Hand einen mächtigen Hammer, wer ihn da stehen sah, der musste glauben, die antike Gestalt des Hephaistos sei wieder erstanden, der Gott des Feuers und der Schmiedekunst, der Sohn des Zeus und der Hera und der Gemahl der Aphrodite, so vital und emotional, so stark und zärtlich zugleich bearbeitete dieser Künstler das Eisen.

Vergangene Woche ist Hannes Meinhard in der Nacht zu Freitag in seiner Wohnung in Barsinghausen am Schreibtisch gestorben, wo er Skizzen für neue Arbeiten fertigte.

Von Michael Stoeber

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