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Kultur Künstler baut Haus nach einem Gedicht
Nachrichten Kultur Künstler baut Haus nach einem Gedicht
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07:34 25.07.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Auf der Gedichtbaustelle: Pablo Hirndorf (l.) und Bert Strebe. Quelle: Meyer-Arlt
Warpe

Normalerweise, sagt Bert Strebe, würde er bei seinem Morgenspaziergang keiner Menschenseele begegnen. Sechs Kilometer durch Wald und Heide, und keiner kommt einem entgegen. So muss das sein. Das schätzt auch Scott, der Hund (halb Border Collie, halb Schäferhund); er hat’s nicht so mit anderen Hunden - und wo wenig andere Menschen sind, da sind auch wenig andere Hunde. Jeden Nachmittag wandert Bert Strebe mit seinem Hund noch einmal zehn Kilometer durch die Wälder und Wiesen bei Warpe, einem Dorf zwischen Nienburg und Bremen, so weit jenseits der Bundesstraße, dass das Grundrauschen des Autoverkehrs nicht zu hören ist. Wenn man hier ein Auto hört, dann kommt auch eins.

Bert Strebe, 1958 geboren, hat sich in Warpe niedergelassen, weil er einen Ort zum Schreiben gesucht hat und weil er zum Schreiben einen Waldweg braucht und Wolken am Himmel und Einsamkeit. „Die Spaziergänge sind Arbeitszeit“, sagt der Dichter. Oft spricht er die Gedichtzeilen halb laut vor sich hin, die er zuvor in seinem Arbeitszimmer in dem ehemaligen Landarbeiterhäuschen am Ortsrand von Warpe geschrieben hat. Noch so ein Grund, wieso es ganz gut ist, wenn ihm und Scott niemand entgegenkommt.

Ein Notizbüchlein, um Einfälle zu notieren, hat der Dichter nicht dabei. „Es geht nicht um Einfälle“, sagt Strebe. „Schreiben ist kein intellektueller Prozess. Die Geschichte ist immer schon da, sie muss nur zu dir kommen.“ Von Einfällen und Ideen spricht er nicht gern; es geht ihm um Größeres: um Kunst.

Einige Gedichtbände, einige Hörspiele, ein Theaterstück und einen Roman hat er bereits veröffentlicht. Gerade ist ein neuer Gedichtband von ihm erschienen. „Rauhtier“ heißt er. In seinen Gedichten scheut er das Dunkle nicht und auch nicht das Große. Schöne Worte sind in den Gedichten zu finden: „herzschlagweise“, „tauwasserweiß“, „gefiederhauch“ oder „februarschatten“. Oft geht es im Kleinen ums große Ganze oder auch ganz Große, und am Ende wartet der Tod.

Eines seiner Gedichte heißt „Wir kommen nach Hause“. Es geht so:

„und hier werden wir sterben hier / wo wir leben

wo schnee ist und hitze und stein / auf stein

und rauhtier und schmerzkind und das glück -

wo alles wächst und vergeht wo wir wachsen / und alt werden und verrückt

bis der wind / die asche hinaus in den wald trägt

ich streune / durch efeu und bärenfellgras“

Wer sich darauf einlässt, könnte sich in diese Gedichte verlieben. Eine andere - durchaus auch verständliche - Reaktion wäre: Abstand wahren. Die Gedichte eher aus der Ferne betrachten. Sich lieber nicht gefangen nehmen lassen.

Einige Gedichte im neuen Band sind schon ein bisschen älter: Die sieben Texte des Zyklus‘ „Haus der Sonne“ hat er noch zu der Zeit geschrieben, als er als Redakteur bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung gearbeitet hat. Und schon damals - mehr als zehn Jahre ist das jetzt her - hat er gedacht, dass diese Gedichte auch irgendwie anders Wirklichkeit werden müssten als nur in Worten. Vielleicht könnten sie ein Ballett ergeben, oder - wie der Titel der Reihe sagt: ein Haus. Strebe hat mit Architekten Kontakt aufgenommen, aber die Sache starb den langsamen Tod durch Verschieben und Überlegen, den viele Kunstprojekte sterben.

Und dann hat er vor vier Jahren seine Redakteursstelle gekündigt, ist aufs Land gezogen, hat das literarische Schreiben und das Spazierengehen mit dem Hund zu seinem Lebensinhalt gemacht - und einen neuen Nachbarn gefunden. Am Ortsrand von Warpe, gleich neben dem Haus des Dichters, wohnt der Künstler Pablo Hirndorf. Der hat an der FH Hannover freie Kunst studiert und arbeitet mit Blech und Stroh und Holz. Der Kreis gehört zu seinen Lieblingsformen, auch wenn seine Werke eher still sind, geht es in ihnen oft rund. Sein Arbeitsmotto lautet: „Ich suche nicht danach - ES findet mich.“ Und das trifft sich ziemlich gut mit der Arbeitseinstellung seines dichtenden Nachbarn.

Strebe hat Hirndorf den Zyklus vom „Haus der Sonne“ zum Lesen gegeben. Der Künstler hat erst ein bisschen gezögert, Kunst zu fremder Kunst zu machen - dann aber doch eine Idee gehabt. Er wollte das Haus der Sonne bauen. Weil in Warpe viel Platz ist und ein Wäldchen auch zum hirndorfschen Anwesen gehört, hat er angefangen, den Worten ein Haus zu bauen. Weil das erste Gedicht „Das Höhlentier“ heißt, hat der Künstler zuerst ein Loch gegraben. Er hat es mit Kieferstämmen ausgekleidet und einen Metallturm in die Mitte gesetzt, der ein gläsernes Dach hat. Später soll das Haus der Sonne von Bäumen und Büschen bewachsen werden. 25 Personen werden in dem Haus gewordenen Gedicht Platz haben. Dann könnte man hier auch Dichterlesungen veranstalten.

Bert Strebe wird hier so einiges vorzulesen haben. Im kommenden Jahr soll ein Band mit Kurzgeschichten erscheinen, außerdem arbeitet er an einem Roman und - natürlich den weiten Wald durchwandernd - immer wieder an Gedichten.

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