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Kultur Sieben Telefone, 18 Kunstwerke im Konnektor
Nachrichten Kultur Sieben Telefone, 18 Kunstwerke im Konnektor
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00:15 27.03.2017
Von Ronald Meyer-Arlt
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Hannover

Schon merkwürdig: Da verkleinert eine Galerie ihre Ausstellungsfläche – und damit gelingt ihr etwas ganz Großes. Mitten durchs Lindener Kunstforum Konnektor hat man eine Wand gezogen, so dass als Ausstellungsfläche nur noch ein schmaler Schlauch zur Verfügung steht. An der Wand hängen sieben hornhautfarbene Tastentelefone wie sie früher (und wohl auch heute noch) in Krankenhäusern oder bei Behörden benutzt werden. Blöcke, dick wie Telefonbücher liegen herum. Die Besucher dürfen sich Blätter abreißen. Darauf stehen Künstlernamen und Telefonnummern. Man muss wählen: erst den Titel einer akustischen Installation, dann die Nummer. Dann kann Erstaunliches geschehen. Bei Thomas Depners „Machen“ etwa tritt der Telefonierende in einen Dialog mit der Maschine.

„Wollen Sie etwas machen?“

„Nein!“

„Dann legen Sie bitte auf.“

Zweiter Versuch. Doch, ja, ich will etwas machen. Taste zwischen eins und sechs drücken; dann beschreibt mir die Maschine einen Weg: zur Kreuzung und dann rechts. Dort befindet sich eine Musikalienhandlung. Ich soll mir ein Instrument nehmen und etwas spielen. Oder mir etwas vorspielen lassen. Schöne Idee eigentlich.

Aber losgehen kommt nicht in Frage, denn es stehen ja noch so viele andere Telefonnummern auf dem Zettel. 18 junge Künstler (aus der Klasse von Asta Gröting an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig) sind an der Gruppenausstellung beteiligt.

Einige lassen den Computer sprechen. Es gibt poetische Miniaturen vom Band, akustische Geheimnisse und Überraschungen. Und es gibt Hans. Der wohnt in Braunschweig und ist gerade dabei sich ein Spiegelei zu braten, als ich ihn unter 375 anrufe. Hans ist freundlich. Er erzählt, dass er der Künstlerin Paula Löffler (von der die akustische Installation „Hans“ stammt) früher eine Wohnung vermietet hatte („Ist sie da irgendwo? Sie erkennen sie gleich. Sie ist klein und blond und ein sehr netter Mensch“), dass er Chemiker sei und auch schon mal sein Auto für eine Performance verliehen habe. Man hätte noch lange mit ihm weitersprechen können. Aber die Telefoniererin am Nebenapparat guckt plötzlich so geschockt. Was ist passiert? „Ich habe gerade Salami bestellt“, sagt sie. Sie wundert sich über sich selbst. Und auch über die Arbeit „Salamischeiben“ von Lucila Pacheco (erreichbar unter der 342).

Bei großem Andrang an den sieben Telefonen mag manche Nummer zeitweilig nicht zu erreichen sein, aber das ist nicht weiter schlimm; man kann es immer wieder versuchen, es handelt sich ja nicht um Münztelefone. Wählt man die 289, hat man es mit der Arbeit von Jakob Wächtersbach zu tun: Zu hören ist ausgelassenes Lachen. Und über die 668 erreicht man Swetlana König „Rede einfach“ hat sie ihre Arbeit genannt. Genau das kann man hier tun.

Das Telefonprojekt trägt den Titel „Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“ und erinnert damit an den ersten Satz, der per Telefon übermittelt wurde. Aber hier geht es nicht um die Geschichte einer Kommunikationsform. Und auch nicht um Theorien der Fernmündlichkeit. Hier geht es – passend zum Namen des Ausstellungshauses – um Verbindungen. Das Überwinden von Distanz geschieht in mehrfacher Hinsicht. Erstaunlich, wie leicht man im Rahmen einer Kunstaktion mit Fremden ins Gespräch kommt. Und dabei kann es einem durchaus auch erstaunlich vorkommen, dass das sonst so schwer ist.

Hier, in dieser kleinen und für diese Schau noch weiter verkleinerten Lindener Galerie, zeigt Kunst unvermittelt ihr utopisches Potenzial und ihre Relevanz für die Gegenwart: Sie kann das Fremde überwinden. Wie schön.

Bis 2. April im Konnektor, Kötnerholzweg 11

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