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Kultur Künstler setzt Seife aus menschlichem Körperfett ein
Nachrichten Kultur Künstler setzt Seife aus menschlichem Körperfett ein
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00:30 31.03.2018
Viel Schaum fürs Reinwaschen: Szene aus Julian Hetzels „Schuldfabrik“. Quelle: BAM Photographers
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Braunschweig

  Wie ein Theater sieht das nicht aus. Eher wie ein Shop für Edelkosmetik. „Self“ steht in coolen schlanken Lettern an der Fassade. „Self“ ist auch der Name der Seife, die in diesem Shop angeboten wird. Sie wird aus menschlichem Körperfett hergestellt. 

„Schuldfabrik“ heißt die Produktion von Julian Hetzel. Sie war bisher beim „steirischen herbst“ in Graz zu sehen und wurde auch auf Theaterfestivals in Groningen und Utrecht gezeigt. Und sie wird bei der nächsten Ausgabe des niedersächsischen Theaterfestivals „Theaterformen“ zu sehen sein, das vom 7. bis zum 17. Juni in Braunschweig veranstaltet wird. In Braunschweig wird die Schuldfabrik“ zum ersten Mal in Deutschland installiert; hier hat der Vorgang, Seife aus menschlichem Fett herzustellen, noch eine weitere Bedeutung – er erinnert an die industrielle Verwertung menschlicher Körper in den Konzentrationslagern. 

Fett aus Grundstoff für Seife 

Julian Hetzel spielt in seiner Produktion auf die Doppelbedeutung des Wortes Schuld an. Es geht zum einen um moralische Schuld im Sinne von schuldig werden, zum anderen um ökonomische Schuld, um Schulden also. Und es geht darum, wie man glaubt kann, sich mit Geld von seiner Schuld freikaufen zu können. Es geht ums Reinwaschen.

Die Besucher der Perfomance betreten das vermeintliche Kosmetikfachgeschäft, in dem sie die Seife erwerben können. Hinter dem Verkaufsraum befindet sich ein Korridor mit verschiedenen Kammern, in denen Schuldfragen aller Art durchgespielt werden. In einer dieser Kammern erklärt eine vermeintliche Ärztin, wie die Fettabsaugung funktioniert, die in der Schönheitschirurgie üblich ist. In einer anderen Kammer der begehbaren Installation wird erklärt, wie Seife hergestellt wird.  Fett ist ein Grundstoff von Seife – aus Sicht eines Chemikers kann man problemlos  auch Körperfett dafür nehmen. 

Körperfett spenden

Mit dem Erlös, der mit dem Verkauf der Seife erzielt wird, soll ein Brunnenbauprojekt im südostafrikanischen Malawi unterstützt werden. So funktioniert die „Schuldfabrik“: die satten Westeuropäer machen ihr Körperfett zu Geld. Sie spenden es, und versuchen sich damit von ihrer Schuld reinzuwaschen. 

Mit einer begehbaren Installation war Julian Hetzel schon einmal bei den Theaterformen“ vertreten. Vor zwei Jahren präsentierte er in Hannover „Still“, eine Performance über das Warten. Dazu hatte er ein Containerdorf auf dem Opernplatz aufgebaut. In den Container berichteten Experten des Wartens über ihre (Nicht-)Tätigkeit. Mit dabei waren auch ein Museumswärter und eine Obdachlose. Vor der Eröffnung der Installation wurde dem Theatermacher vorgeworfen, er würde eine Art „Menschenzoo“ errichten. Nach der Premiere gab es keine derartigen Vorwürfe mehr.

Das Festival Theaterformen findet im jährlichen Wehsel in Hannover und Braunschweig statt. Die nächste Ausgabe des Festivals wird vom 7. bis zum 17. Juni in Braunschweig zu sehen sein. Am 11. April soll das Programm bekannt gegeben werden. Dann startet auch der Vorverkauf.

„Theaterformen“-Chefin Martine Dennewald im Interview

Julian Hetzel stellt in seiner „Schuldfabrik“ Seife aus menschlichem Körperfett her. Haben Sie die Produktion zu den Theaterformen eingeladen, um einen Skandal zu provozieren?

Nein. Dafür wäre es auch zu spät. Die Aufführung gibt es ja schon.

Aber sie wurde noch nicht in Deutschland gezeigt.

Das ist richtig. Aber sie war in Österreich, Belgien und den Niederlanden zu sehen, und sie hat nirgendwo für einen Skandal gesorgt. Dieser installative Theaterparcours ist nicht nur inhaltlich, sondern auch formal etwas Besonders. Als Zuschauer ist man auf jeden Fall immer sehr beteiligt. Es gibt sieben Räume und in jedem Raum wird das Thema Schuld und Schuldgefühl verhandelt.

Das Fett, aus dem die Seife hergestellt wird, die man in der „Schuldfabrik“ kaufen kann, stammt aus Schönheitskliniken. Bekommt man das so einfach?

Nein, es ist recht kompliziert, an dieses Abfallprodukt von Schönheitsoperationen zu kommen. Man muss den rechtlichen Rahmen genau klären: Es gibt Schenkungsverträge zwischen den Patienten und dem Künstler. Das wird in der Aufführung aber auch erklärt.

In Deutschland und Österreich hat das Thema noch eine andere Bedeutungsebene.

Ja. Die wird aber nicht bestärkt. Es geht um die verschiedenen Dimensionen von Schuld, um Schuldgefühle und um den Wunsch nach Absolution. Die Herstellung von Seife aus menschlichen Körpern im Dritten Reich steht hier nicht im Mittelpunkt.

Warum haben Sie die „Schuldfabrik“ zu den Theaterformen eingeladen?

Ich habe noch kein Stück gefunden, das die Frage, wie wir unser Verhalten vor uns selber rechtfertigen, so genau beschreibt.  Wir haben es oft mit einer Doppelmoral zu tun: Wir wissen, dass viele unserer Handlungen nicht gut sind, weil sie etwa der Umwelt schaden oder Ungerechtigkeit zur Folge haben. Wir tun das alles und verspüren dann den Wunsch nach Befreiung von der Schuld, nach Absolution.

Es geht nicht um kalkulierte Provokation?

Die gibt es in der Kunstgeschichte ja schon seit langer Zeit. Und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass wir es hier mit einer extremen Zuspitzung eines Dilemmas zu tun haben. In diesem Sinne ist es natürlich auch eine Provokation.

Ist das der Höhepunkt der Theaterformen?

Jedenfalls nicht der einzige! Das Programm wird  am 11. April vorgestellt.

Von Ronald Meyer-Arlt

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