Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 4 ° wolkig

Navigation:
Schlossers Geschichte geht in die sechste Runde

„Künstlerroman“ von Gerhard Henschel Schlossers Geschichte geht in die sechste Runde

Der Preisträger des Nicolas-Born-Preises Gerhard Henschel präsentiert mit „Künstlerroman“ den mittlerweile sechsten Band der Martin-Schlosser-Chronik. Darin geht es vor allem um eine große Lebenshandlung: den Alltag bewältigen, älter werden, reifen. HAZ-Kulturredakteur Roland Meyer-Arlt stellt den 500-Seiten-Roman vor.

Voriger Artikel
Max Greger ist tot
Nächster Artikel
Casting-Gewinner aus Hannover will zum ESC

Kaffee und Kuchen bei Onkel Immo: Gerhard Henschel (Mitte) mit einigen Familienmitgliedern – die alle auch in seinen Romanen auftauchen. 

Quelle: Meyer-Arlt

Hildesheim. Das Leben geht weiter. Nach dem „Kindheitsroman“, dem „Jugendroman“, dem „Liebesroman“, dem „Abenteuerroman“ und dem „Bildungsroman“ erschien nun der „Künstlerroman“ von Gerhard Henschel. Auch der umfasst wieder mehr als 500 Seiten. Auch der erzählt von Martin Schlosser.

Im „Kindheitsroman“ haben wir Martin als kleinen Jungen kennengelernt, es folgten Pubertäts- und Liebesgeschichten. Jetzt, im „Künstlerroman“, ist Martin Schlosser Student in Berlin, seine Freundin Andrea wohnt in Aachen und studiert dort Sozialpädagogik, sein Freund Hermann studiert in Göttingen, die Eltern von Martin Schlosser leben in Meppen. Der junge Mann ist also viel unterwegs. Er reist vornehmlich per Anhalter. In den Achtzigern, kurz vor Tschernobyl, ging das noch.

Große Fragen innerhalb der großen Lebenshandlung

Wie das Leben keine schlüssige Handlung hat, haben auch die Martin-Schlosser-Romane keine Handlung. Jedenfalls keine Handlung im engeren Sinn. Es gibt keine dreiaktige, mehrfach gebrochene Plot-Point-Struktur, es gibt keinen Konflikt, der zu lösen, keinen Feind, der zu besiegen wäre. Es gibt nur diese eine große Lebenshandlung: den Alltag bewältigen, älter werden, reifen.

Martin Schlosser steht im neuen Roman vor einigen wichtigen Entscheidungen: Soll er weiter in Berlin studieren oder besser zu seiner Freundin nach Aachen ziehen? Hat die Andrea-Beziehung (deren verabredete „Offenheit“ jeder etwas anders interpretiert) überhaupt eine Zukunft? Soll er das Wagnis eingehen und versuchen, Schriftsteller zu werden? Das sind große Fragen.

Schlossers Sicht auf die Welt

Aber so ein Leben besteht nicht nur aus großen Fragen und schon gar nicht aus großen Antworten. Es besteht vor allem aus Alltag. Und den fängt Gerhard Henschel wie gewohnt auf wunderbare Weise ein. Allergenauestens, hochdetailliert, und ohne dabei kleinkrämerisch oder buchhalterisch zu werden, schildert er, was so passiert. Sein Schreiben ist an der dokumentarischen Arbeitsweise Walter Kempowskis geschult, aber doch etwas ganz Eigenes, Spezielles. Das Besondere ist die Personalisierung: Wir kommen diesem Menschen Martin Schlosser sehr nah. Die Zeit – hier die Achtzigerjahre – nehmen wir aus seiner Sicht wahr.
Henschel, der für die ersten Bände der Reihe den Nicolas-Born-Preis, die wichtigste literarische Auszeichnung Niedersachsens, erhalten hat, schreibt dokumentarisch, aber persönlich, er wechselt die Perspektive nicht. Sein „Echolot“ bleibt gewissermaßen immer nur an einer Stelle. Das aber hat einen ganz besonderen Reiz. Denn beim Lesen der Schlosser-Romane kann man sich so fühlen, als lebte man ein zweites Leben. Deshalb kann man süchtig danach werden. Wer die ersten Bände gelesen hat, wird diesen verschlingen.

Literaturverweise, die Spaß machen

Martin Schlosser reift im „Künstlerroman“ zu einem kritischen Geist heran. Er reibt sich an anderen. Witzige Kommentare zu anderen Autoren finden sich oft in dem Roman. Einmal schreibt er über Günter Grass: „Seinen neuen Roman ,Die Rättin‘ eröffnete Günter Grass mit dem Satz: Auf Weihnachten wünschte ich eine Ratte mir. Schon faul.“ Genau so geht das: Literaturkritik in zwei Worten. Macht Spaß. 

Karl Kraus, Arno Schmidt und Eckhard Henscheid sind in diesen Jahren die literarischen Hausgötter von Martin Schlosser. Sie liefern den Maßstab zur Beurteilung der Dinge. Die Latte liegt also hoch. Aber man kann natürlich auch unten durchspazieren. Erstaunlich jedenfalls ist, wie der Autor von den Höhen der Kulturkritik immer wieder in die Niederungen des Alltags findet, ohne dass das jemals wie ein Absturz wirken würde.

Zwischen Hochkultur und Spülbecken

Einmal zitiert er Eckhard Henscheids Kritik am postmodernen Dampfplauderer Dietmar Kamper (der Martin Schlossers Professor war). Henschel beendet die Passage mit den Worten: „Greulich. Und auch sehr bedauerlich, denn Dietmar Kamper war ein überaus freundlicher und grundsympathischer Herr. Nach dem Kuchenessen setzte Onkel Immo den Gartengrill in Betrieb. Schnitzel, Bratwürste und Steaks.“ Und nach der Beschreibung des – erfolglosen – zweiten Leseversuchs von Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“ kommt er ohne Umwege auf Klempnerprobleme: „Ich kam nicht einmal über die erste Seite hinaus. Dann war mein Abfluß verstopft, in der Küche, und ich mußte unten das Rohr auseinandernehmen und den Dreck herauspolken. Schwärzlichen Schmadder, kalkiges Gestein und verklumpte Haare. Die Welt mit den Augen eines Klempners gesehen.“

Diese Sprünge zwischen Hochkultur und Spülbecken sind komisch. Und schöne Worte in der Liga von polken und Schmadder gibt es hier auch reichlich. Den größten Reiz des Buches aber macht die Haltung dieses Martin Schlosser aus, der ein interessierter Beobachter der Zeitläufte ist und unverkrampft und angstlos seinen Weg geht. Ein überaus freundlicher und grundsympathischer junger Mann.

Alles rund?

Sicher gibt es viele, die seinen Weg weiterverfolgen wollen. Schließlich ist er schon so etwas wie ein Teil der Familie geworden. Ob Gerhard Henschel diesen großen Lebensroman fortsetzen wird? Bei der Lektüre stellt sich eine gewisse Skepsis ein: Am Ende des „Künstlerromans“ beginnt Martin Schlosser seine Schriftstellerkarriere mit kleineren Geschichten für ein Oldenburger Stadtmagazin. Irgendwie rundet sich da etwas. Die Kindheit und Jugend sind zu Ende. Die fulminante Offenheit eines Lebensentwurfs, die kindliche Sicht auf die Welt werden weitere Romane dieser Art wohl nicht bieten können.

Aber Henschel hört nicht auf. Beim Kaffeetrinken bei Onkel Immo (ein kleiner Werbegag zur Buchvorstellung) erzählt er, dass die nächsten Folgen der Schlosser-Saga schon im Werden sind: der „Arbeiterroman“ und der „Schauerroman“. Wie schön.

Gerhard Henschel – Künstlerroman

Gerhard Henschel: „Künstlerroman. Der sechste Band der Martin-Schlosser-Chronik“. Hoffmann und Campe. 576 Seiten, 25 Euro.

Veranstaltungstipp: Am 23. September liest Gerhard Henschel im Literaturhaus Hannover. Beim Literaturfest Niedersachsen, das sich dem Thema „Abenteuer“ widmet, präsentiert er den schon etwas älteren „Abenteuerroman“.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Milow spielt im Capitol