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Was wird aus den Museen?

Kulturangebot in Hannover Was wird aus den Museen?

Die Gesamtzahl der Museumsbesucher in Hannover war in 2015 zwar konstant, es hat jedoch Verschiebungen in der Gunst der Gäste gegeben. Das Sprengel-Museum hat seine Besucherzahlen 2015 deutlich gesteigert. Beim Historischen Museum sind die Zahlen eingebrochen.

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Da strömen die Besucher: Kunstfest „Das neue Sprengel Museum für alle“.

Quelle: dpa

Hannvoer . Zahlen seien nicht alles, sagt Hannovers Kulturdezernent Harald Härke. Und wirkt doch sichtlich erfreut, dass die Besucherquote der städtischen Kultureinrichtungen 2015 nahezu konstant geblieben ist – zumal sich die Kultur in Hannover, so Härke, „auf gutem bis sehr gutem Niveau“ befinde. Die Gesamtzahl der Besucher ist zwar konstant, es hat jedoch Verschiebungen in der Gunst der Gäste gegeben. Der große Gewinner in der am Freitag präsentierten Bilanz der Kultureinrichtungen ist das Sprengel-Museum. Das Haus zählte im vergangenen Jahr 170 717 Besucher – im Jahr zuvor waren es nur 108 124 Kunstfreunde. Die beiden großen Verlierer sind zum einen das Museum Schloss Herrenhausen, das 2015 im Vergleich zum Vorjahr rund 34 000 weniger Gäste verzeichnet hat, und das Historische Museum, das mit einem Minus von gut 24 000 Besuchern in der Bilanz auftaucht.

Was Museen uns wert sind

Kommentar

Das frisch erweiterte Sprengel-Museum ist 2015 der große Gewinner. Davon zeugen seine guten Besucherzahlen. Die schlechten Zahlen des 2013 gestarteten Schlossmuseums zeigen indes, dass mehr Ausstellungsfläche nur anfangs mehr Besucher garantiert. Erneut musste die Stadt jedes Ticket mit einem Vielfachen seines Preises bezuschussen, damit die Museen auf ihre Kosten kamen – umso mehr, je geringer die Besucherzahl war. 

Was tun? Die Preise steigern bis zur Kostendeckung? Dann dürften sich die Häuser leeren. Die Kosten senken? Das macht die Museen nicht attraktiver. Wie schwer es ist, in Zeiten digitaler Vielfalt Leute ins Museum zu locken, davon zeugt das schwache Abschneiden des Historischen Museums. Denn dort bemüht man sich ja durchaus beispielhaft multimedial und lebensnah ums Publikum – und doch mit wenig Erfolg.

Im Fall des Kestner-Museums waren 2014 je Ticket 66,80 Euro Zuschuss nötig. So viel sind uns Museen wert. Allerdings nur als Steuerzahler, kaum aber als aktive Museumsbesucher: Nicht einmal jeder dritte Einwohner der Region Hannover war 2015 auch nur in einem der städtischen Museen – eine neue Zweidrittelgesellschaft zeigt den Museen die kalte Schulter. Die Häuser endlich stabil auch für diese Mehrheit zu öffnen ist die Zukunftsaufgabe. Damit die Museen von denen, die sie mit ihren Steuern bezahlen, auch wirklich in Besitz genommen werden.

Von Daniel Alexander Schacht

Man dürfe selbst gute Zahlen nicht überbewerten, sagte Sprengel-Chef Reinhard Spieler, es gehe schließlich nicht nur um Quote, „sondern unser Job ist es, intensive Begegnung mit Kunst zu ermöglichen“. Wie intensiv die Begegnungen auch immer gewesen sein mögen: Besonders viele Menschen (91 500) strömten nach dem 19. September ins Museum, dem Tag also, als der umstrittene Erweiterungsbau eröffnet wurde.

So schön das Interesse von Hannoveranern und Auswärtigen am Museum auch ist: Dass der Besucherzuwachs beim Sprengel, „unserem Flaggschiff“ (Härke), so spektakulär wirkt, hat auch damit zu tun, dass das Jahr 2014 im Sprengel besonders schlecht gelaufen ist und das Plus von 60 000 Besuchern dadurch extrem hoch wirkt. Zum Vergleich: 2013 besuchten etwa 138 000 Kunstfreunde das Haus.

Wenig zu deuteln gibt es hingegen beim Historischen Museum. „Das Haus macht uns in der Tat Sorgen“, sagt Thomas Schwark, Direktor der Museen für Kulturgeschichte Hannover, zu dem – neben dem Museum August Kestner und dem Museum Schloss Herrenhausen – auch das Haus am Hohen Ufer gehört. Dort sind die Besucherzahlen, die seit Jahren kontinuierlich sinken, regelrecht eingebrochen: Kamen 2014 noch

78 614 Menschen ins Museum, waren es im vergangenen Jahr gerade mal 54 337 – das ist ein Verlust von fast einem Drittel.Das Haus sei, meint auch dessen Chef, nicht mehr auf der Höhe der Zeit: Die Dauerausstellung sei seit 25 Jahren nicht verändert worden. Besucher, die es gewohnt sind, in Museen multimedial unterhalten und informiert zu werden, dürften sich am Hohen Ufer tatsächlich wie in einer Welt von gestern, wenn nicht gar von vorgestern fühlen. Beim Historischen Museum bestehe „deutlicher Optimierungsbedarf“, betonte Schwark gestern auch auf der Sitzung des Kulturausschusses. Vom Herbst an werde das Museum grundlegend neu gestaltet. Man wolle näher an den Besuchern dran sein, aktuellere Themen aufgreifen. In der Ausstellung „Typisch Hannover!“, die im Herbst 2016 laufen soll, wird sich das Museum mit der Identität der Hannoveraner beschäftigen. Dafür sollen Bewohner befragt werden und in Podiumsdiskussionen zu Wort kommen.

Ebenfalls ins Arbeitsgebiet von Thomas Schwark fällt das Schlossmuseum Herrenhausen, dessen Besucherzahlen wenig erfreulich sind: Um 34 000 im Vergleich zum Jahr 2014 sind die Zahlen auf 62 489 zurückgegangen. Das liege daran, argumentiert der Direktor, dass 2014 besonders viele Menschen in die Ausstellung „Als die Royals aus Hannover kamen“ gegangen seien. Man müsse jetzt schauen, wo sich die Zahlen in „normalen“ Jahren einpendelten.

Ein Haus, immerhin, hat es geschafft, die Rolle des Sorgenkinds loszuwerden: Das Museum August Kestner hat seine Besucherzahlen gesteigert. Die kommende Schau unter dem Titel „Macht und Ohnmacht“ werden alle Abteilungen des Hauses gemeinsam konzipieren. Dieses Beispiel zeigt: Mit Ideen und Anstrengung – und hier auch: mit der Hilfe  eines einsatzfreudigen Freundeskreises, wie Schwark hervorhebt – lassen sich sogar Sorgenkinder aufpäppeln.

Neue Formate will auch das Komunale Kino im Künstlerhaus demnächst präsentieren. Der Besucherzahl täte das womöglich gut, denn die ist auf 26 596 gerutscht (2014: 29 000). Laut Kulturbüro-Chef Benedikt Poensgen liegt das vor allem daran, dass im vergangenen Jahr das besucherstarke Jugendfilmfest „Sehpferdchen“, das nur alle zwei Jahre stattfindet, nicht lief. Außerdem, so Poensgen, leide das Künstlerhaus darunter, dass es dort keine Gastronomie gebe. Man arbeite daran, sagte der Leiter des Kulturbüros. Gut so, denn das ehemalige Maestro hat vor fast vier Jahren geschlossen. Seitdem steht das Restaurant in Innenstadtlage leer.

Positiv immerhin sind die weiteren Zahlen der Kulturbilanz: Die städtische Galerie Kubus, die Musikschule, die Stadtbibliothek, das Stadtarchiv und auch die Stadtteilkultureinrichtungen waren im vergangenen Jahr besser besucht als 2014.

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