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Kulturwandel in der Kestnergesellschaft

Ausstellungspläne Kulturwandel in der Kestnergesellschaft

Stellung nehmen – das ist offenbar die Devise von Christina Végh für dieses Jahr, in dem sich die Gründung der von ihr geleiteten Kestnergesellschaft zum 100. Mal jährt. Am Donnerstag hat sie das Programm für das Jubiläumsjahr vorgestellt.

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Tobias Madison und Christina Végh in der Kestnergesellschaft.

Quelle: Ditfurth

Hannover. Sie tragen graue Helme, güldene Hauben oder große Gewehre, sie sind ganz jung und nehmen doch die Kestnergesellschaft in Besitz - um dort an einem Film mitzuwirken. Den dreht der Schweizer Künstler Tobias Madison derzeit mit diesen Kindern aus Hannover-Hainholz. Und die sind keineswegs nur Darsteller, sondern Mitgestalter, beziehen Stellung und prägen damit das filmische Geschehen.

Stellung nehmen - das ist offenbar die Devise von Christina Végh für dieses Jahr, in dem sich die Gründung der von ihr geleiteten Kestnergesellschaft zum 100. Mal jährt. Stellung genommen haben schon ihre Gründer im Jahr 1916. Gegen den damals provinziell-konservativen hannoverschen Kunstverein. Und für eine weltoffene Moderne, die die Kestnergesellschaft nach Hannover geholt hat. Stellung zu beziehen ist aber auch eine Haltung, die Direktorin Végh bei den Besuchern der Kestnergesellschaft auslösen möchte - zu den Kunstwerken und zum Rest der Welt. Wofür sie nach dem Schweizer Madison deutsche, britische und amerikanische Künstler zeigt - und mehrere Ausstellungen dem Impuls der Kestnergesellschaft widmet, wovon die größte denn auch „Stellung nehmen“ heißt.

„Tobias Madison: Das Blut, im Fruchtfleisch gerinnend beim Birnenbiss“: Der 30-jährige Installationskünstler verwandelt die Räume der Kestnergesellschaft in ein teils mit Sand gefülltes, begehbares Raumkunstwerk, dessen Installationen auch in dem derzeit gedrehten Film auftauchen - eine Welt mit und von Kindern, die die Frage aufwirft, wie die Kindheitsprojektionen Erwachsener das Verhältnis zwischen den Generationen prägen (6. Februar bis 24. April).

„Stellung nehmen“: Für diese Gruppenausstellung von rund einem halben Dutzen international renommierter Künstler hat Kuratorin Lotte Dinse Werke ausgewählt, die in besonderer Weise auf eine Aktivierung des Publikums abzielen und so dazu provozieren, Stellung zu nehmen, wie dies die Kestnergesellschaft bis zur Selbstauflösung 1936 gezeigt hat, mit der sie sich der Kollaboration mit den Nazis verweigert hat. Gezeigt werden unter anderem Werke von Joseph Beuys, Christian Falsnaes, Martin Kippenberger, Christian Philipp Müller, Ahmet Ögut, Britta Thie und Franz Erhard Walter (28. Mai bis 21. August). In zwei Archivausstellungen (21. April bis 14. August und 25. August bis 13. November) versammelt die Kestnergesellschaft außerdem historische Dokumente und aktuelle künstlerische Positionen zur eigenen Geschichte.

„Monika Baer“: Die deutsche Malerin widmet sich nach Véghs Worten „bissig, humorvoll und mit Leichtigkeit“ der Geschichte der Malerei und testet dabei Grenzen des Mediums aus. Nach Jahren, in denen sie in Chicago und New York ausgestellt worden ist, erhält sie jetzt in der Kestnergesellschaft eine große Werkschau (3. September bis 13. November).

„Rochelle Feinstein“: Die US-Amerikanerin reflektiert in ihren Werken den oftmals hilflosen Umgang mit Kunst. So setzt sie „Love Your Work“ in spiegelverkehrter Schrift auf großflächigen monochromen Grund - Liebe, man ahnt es, ist im Umgang mit Kunst nur ein ganz ratloses Wort (3. Dezember bis 12. Februar 2017).

„James Richards“: Der britische Videokünstler, für seine Reflexion von TV-Wahrnehmungsweisen bekannt und mit dem Film „Rosebud“ 2014 für den Turner-Preis nominiert, richtet in der Kestnergesellschaft eine sich über mehrere Räume erstreckende Videoinstallation ein (3. Dezember bis 12. Februar 2017).

Christina Véghs Programm zeugt von einem Kulturwandel, der vor allem darin besteht, dass sie das Publikum zur Inszenierung in der Kestnergesellschaft einlädt. Schon mit Pipilotti Rists Videoinstallationen, die zum Hinfläzen einluden, oder mit Rita McBrides Arena, die als Forum für Debatten diente, inszenierte die Kestner-Chefin nicht nur Ausstellungen, sondern bot Spielraum für eine Inbesitznahme der Goseriede und zur (Selbst-)Inszenierung von Künstlern und Publikum. Diese Vernetzung mit dem Publikum dürfte sich 2016 fortsetzen. Und das Programm zeugt noch von anderer Netzwerkarbeit: Die Baer-Ausstellung entsteht mit dem Mönchen-Gladbacher Museum Abteiberg, James Richards wird auch im norwegischen Bergen und in London gezeigt, die Feinstein-Schau ist außer in Hannover auch in Genf, München und New York zu sehen.

Nicht übel, mit welchen Kunstorten die Kestnergesellschaft so in Augenhöhe zusammenarbeitet.

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