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Kunstbetrieb beschäftigt sich in Frankfurt mit Geheimgesellschaften

Ausstellung in der Kunsthalle Schirn Kunstbetrieb beschäftigt sich in Frankfurt mit Geheimgesellschaften

Geheimbünde sind Thema einer Schau in Frankfurt. Unter anderem sind Werke zu sehen, die sich etwa mit italienischen Loge P 2 beschäftigen oder Einblicke in das Versteck von Saddam Hussein gewähren.

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So schleierhaft wie das ganze Ausstellungsthema, das viel Kauziges enthält: Fabian Martis Arbeit "Uhu" von 2007.

Quelle: haz

Frankfurt. Das Einzige, was bei einem Geheimnis auf keinen Fall geheim bleiben darf, ist seine Existenz. Es muss enthüllt werden, dass etwas verhüllt wird. Die Unwissenden wissen nun, was sie noch nicht wissen, und die Wissenden genießen umso mehr ihren Wissensvorsprung. Geheimgesellschaften inszenieren ihr geheimes Wissen deshalb so pompös, damit ihre Mitglieder das Gefühl des Auserwählt- und Eingeweihtseins auskosten können. Wie ihnen das gelingt, gehört zu den Fragen, mit denen sich die Frankfurter Kunsthalle Schirn in ihrer Ausstellung „Geheimgesellschaften. Wissen, Wagen, Wollen, Schweigen“ beschäftigt, die gemeinsam mit dem Museum CAPC in Bordeaux erarbeitet wurde – wo die Ausstellung ab November gezeigt wird.

Den beiden Kuratoren Cristina Ricu­pero und Alexis Vaillant ging es allerdings nicht um eine wissenschaftliche Ausstellung (sozialpsychologische oder historische Aspekte werden ansatzweise im dreisprachigen Katalog abgehandelt). Es ist eine Kunstausstellung, die eine Atmosphäre schaffen will, die das Publikum empfänglich macht für den Zauber, aber auch für die Mechanismen des Geheimnisvollen. Mehr als 50 Künstler bemühen sich, das Unsichtbare sichtbar zu machen, ohne es zu „killen“, wie die Kuratoren betonen.

Der Besucher wird zunächst in einen abgedunkelten Raum geführt, was geradezu provozierend konventionell Erwartungen bedient. Hier begegnet man etwa einem Minotaurus, einer Installation von Aaron Curry, jenem Wesen, das in der griechischen Sage im düsteren Labyrinth auf Opfer wartet. Aber das ist nur das „Vorzimmer“ der Ausstellung, die vielmehr Rituale, Symbole und Zeichen in fast greller Helligkeit präsentiert.

Der Ausstellungsraum enthält fünf Abteilungen, die sich der Initiation, dem Symbol, dem „verborgenen Meister“, den Ritualen und den Verschwörungstheorien widmen, die freilich weder räumlich noch thematisch wirklich scharf voneinander abzugrenzen sind. Nachvollziehbar wird, dass sich ein Kandidat erhöht fühlen kann, wenn er die Riten der Initiation durchläuft und sich so zu einem Wesen transformiert, das nun zu diesem Schattenreich der Geheimgesellschaften gehört. Die haben ihre eigenen Gesetze, bieten einen hierarchisch gestuften Zugang zu höherem Wissen, das nur erlangt, wer letztlich die Autorität eines Meisters anerkennt und Beweise seiner Schweigsamkeit erbracht hat.

Die Ausstellungsbesucher bleiben freilich in der gleichen Situation wie jene Personen, die in dem Video von Donghee Koo um einen Tisch sitzen, auf dem ein nackter Mann, dessen Kopf verhüllt ist, sich im Kreis dreht. Die wissen ebenso wenig, was los ist und was sie machen sollen, wenn der Tänzer auf den Tisch fällt – und dort bäuchlings liegen bleibt.

Die Künstler nutzen nicht nur die unterschiedlichsten Ausdrucksmittel – neben Installationen Zeichnungen und Gemälde, Fotografien und Videos –, sie nähern sich ihrem Gegenstand auch mit unterschiedlichen Haltungen. Einige verweisen mit ihrer Symbolik (etwa Federn) auf den Schamanismus, andere verwenden Motive des Horrorfilms, wenn einem da Gesichter mit irrem „Dr. Mabuse“-Blick von der Wand anglotzen oder blutrot gewandete Priesterinnen, die, umgeben von in Mönchskutte gehüllten Gestalten, düsteren Erhabenheitskitsch zelebrieren.

Markus Schinwald erinnert mit seinem „Radetzky“ betitelten, komisch verfremdeten Gruppenbild von Offizieren an den grotesken Humor von Monty Python. Betrachtet man die von Sean Snyder arrangierten Fotos von Saddam Husseins Versteck und die dazugestellten Zitate der Medien, die den ärmlichen Schlupfwinkel detailversessen beschreiben, ahnt man, dass das aufdringlich Sichtbare beschrieben wurde, um die sichtbare Unsichtbarkeit der Massenvernichtungswaffen zu verdecken.

Bei der vom italienischen Künstler Luca Vitone monumental gestalteten Mitgliederliste der verschwörerischen Loge P 2, die nicht zuletzt mithilfe rechtsradikaler Kreise die italienische Politik, unter anderem mit Attentaten, beeinflussen wollte, muss man genau hinschauen, um Silvio Berlusconi nicht zu übersehen. Damit ist es gar nicht mehr so geheimnisvoll, dass er Ministerpräsident wurde – ein unlösbares Rätsel bleibt es allerdings, wie ein schmieriger, ­offenen Machtmissbrauch betreibender Selbstdarsteller über Jahre so viele Italiener faszinieren konnte.

Eva Grubinger will mit „The Trial of Henry Kissinger“, einer tiefschwarzen Installation von bombastischer Schlichtheit, dagegen protestieren, dass der ehemalige amerikanische Außenminister (wohl ein „verborgener Meister“) für seine Unterstützung des blutigen Putschs in Chile 1973 nie angeklagt wurde. Hätte man dem massiven Ausstellungsmöbel etwa den ­Titel „Bauklötze eines trauernden Riesenbabys“ verpasst, müssten wir uns über die Lage der Kinder oder das Erwachsenwerden in unserer Gesellschaft Gedanken machen. Die Benennung eines Kunstwerks ist ein mystischer Akt, mit der Dinge beseelt werden, ein Aufnahmeritus, nach dem sie in der Welt der Zeichen und Symbole metaphysische Karriere machen können.

Eine gewisse Glaubensbereitschaft fordern nicht nur Geheimgesellschaften, sondern ebenso der Kunstbetrieb. Dort wacht ein Zirkel von Insidern über seine Deutungshoheit, behauptet mit einschüchternder Rhetorik, die ihre Magie aus ästhetischen Theorien bezieht, gebieterisch das Bedeutungsvolle des Kunstwerks und erwartet auch Gefolgschaft vom breiten Publikum, das sich dieser Kunst mit einer gewissen Ehrfurcht nähern soll und sein Unverständnis nicht dem Kunstwerk anlasten darf.

Außer dieser strengen Wissenshierarchie stoßen wir auf weitere Parallelen von Geheim- und Kunstgesellschaft. Ihre gesellschaftlichen Bedeutungen hängen auch von ihrer Sanktionsmacht ab, die sie haben oder die man ihnen zuspricht oder zutraut. Ob uns beispielsweise in der Kunst Bedeutungsbehauptungen Ehrfurcht einflößen oder wir sie als Firlefanz verspotten, hängt davon ab, ob uns der Vorwurf des Banausentums schreckt.

Aber es gibt ein spezifisch modernes Bedürfnis, die metaphysische Leerstelle zu füllen, die die Entzauberung unserer Lebenswelt hinterlassen hat – und das sichert dem Geheimnisvollen in jeder Form, den Geheimgesellschaften und dem Kunstbetrieb, eine solide Existenz.

Bis zum 25. September. Infos: www.schirn.de. Der Katalog kostet in der Ausstellung 29,80, im Buchhandel 34 Euro.

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