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Video-Oper über das 20. Jahrhundert wird bejubelt

Kunstfestspiele Video-Oper über das 20. Jahrhundert wird bejubelt

Es ist eine Reise in die Vergangenheit: Steve Reichs Video-Oper „Three Tales“, die nun bei in den Kunstfestspielen Herrenhausen im ausverkauften Richard-Jakoby-Saal der Musikhochschule zu sehen war und am Ende heftig bejubelt wurde, erzählt anhand von drei historischen Stationen eine ganz eigene Geschichte des 20. Jahrhunderts.

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Musik und Video gehen eine Einheit ein: "Three Tales" von Steve Reich bei den Kunstfestspielen Herrenhausen.

Quelle: Samantha Franson

Hannover. Schlüsselmoment sind für den amerikanischen Komponisten und seine Frau, die Videokünstlerin Beryl Korot, der Absturz des Luftschiffes „Hindenburg“ im Jahr 1937, die amerikanischen Atomversuche auf dem Bikini-Atoll in den Fünfzigerjahren und schließlich die Experimente und Gedankenspiele der Gentechniker, die vom Klonschaf „Dolly“ bis zum künstlichen Menschen führen.

Die drei historischen Situationen sind in Videos, die das originale Filmmaterial künstlerisch verfremden und mit einem Rhythmus versehen, auf einer großen Videowand zu sehen. Beryl Korot hat vor allem eine Art Collage-Technik benutzt. Sie schneidet einzelne Motive oder Personen aus einem Film auf und montiert sie auf eine eher abstrakte Fläche. Das wirkt manchmal wie eine bewegte Schwitters-Arbeit, manchmal wie der Vorspann zu einem James-Bond-Film. Auf ähnliche Weise werden auch die Ausschnitte aus Radioreportagen und Zeitzeugen-Interviews behandelt, die die Videos schon mit einer sehr rhythmisch aufgebauten Tonspur zum Klingen bringen.

Verstärkt wird das von den Streicher und Schlagzeugern des Ensembles Modern und den Sängern der Synergy Vocals, die unter Leitung Brad Lubman Reichs Musik zu den Bildern spielen. Bei diesem Komponisten heißt das vor allem: Die Musiker erzeugen Bewegung, einen lang anhaltenden rhythmischen Fluss. Doch Reich, der mit seiner abstrakten Minimal Music der Sechzigerjahre zu einem der einflussreichsten Komponisten der Gegenwart geworden ist, hat sich in seinem 2002 aufgeführten Stück auch der Musikgeschichte geöffnet. Seine Klänge reagieren nicht nur auf die gesprochenen Worte und Geräusche, die auf den Videos zu hören sind, sie kommentieren das Geschehen auch mit musikalischen Zitaten: Wenn die „Hindenburg“ Feuer fängt und der Zeppelin brennend zu Boden taumelt, ahnt man in der Musik den Klagegesang eines Psalms. Und als das Luftschiff gebaut wird und stolz auf der mit Nazifahnen geschmückten Werft präsentiert wird, klingt in Reichs Partitur das Nibelungenmotivs aus Richard Wagners „Ring“ auf.

In Hannover werden die „Three Tales“ erstmals durch Reichs Stück „WTC 9/11“ von 2010 ergänzt. Hinter das offenen Ende, das Reich seinem Stück über das 20. Jahrhundert gegeben hat, indem er Wissenschaftler über die Zukunft einer Technologie sprechen lässt, wird so  ein Schlusspunkt gesetzt. „WTC 9/11“ ist ein Stück über den Anschlag auf das World Trade Center. Doch Bilder wie beim Absturz der "Hindenburg“ braucht der New Yorker Steve Reich hier nicht. Das vorgefertigte Material, mit dem die Musiker – ein Streichquartett – in Interaktion treten, beschränkt sich auf wenige Worte, die die Katastrophe splitterhaft beleuchten. Stets wird der Klang der Stimme vom Band von dem Cello des Quartetts überlagert, als wolle Reich das Geschehen mit Musik gleichzeitig ausradieren und verstärken. Wie im ersten Akt der „Three Tales“ bezieht Reich auch Psamvertonungen in sein Stück ein. In dem jüngeren Stück ist dabei allerdings kaum historische Distanz zu spüren: „WTC 9/11“ ist vielmehr die musikalische Zeugenaussage eines Betroffenen.

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