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Sperrig, aber faszinierend

Kunstfestspiele Herrenhausen Sperrig, aber faszinierend

Nach einer zähen Konzertparty gelingt den Kunstfestspielen in Herrenhausen mit der Installation „Finsternis 1816“ ein erster Erfolg. Vor allem die Endzeitkulisse ist den Künstlern gelungen.

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Probe zu den „Gurre-Liedern“ mit Thomas Quasthoff (l.), Ingo Metzmacher (r.), zehn Chören und Musikern der Hochschule und der NDR Radiophilharmonie.Foto: Krückeberg

Quelle: Franson

Hannover. Richtige Partystimmung will nicht aufkommen. Der „Prologue“ zu Gérard Griseys „Les Espaces Acoustiques“ ist ein Stück für Solo-Bratsche von 1976, das eine knappe halbe Stunde lang die Töne der Obertonreihe über der Note e mit Kratzgeräuschen des Bogens und anderen Effekten kombiniert. Es ist eine sperrige Musik, die sicher faszinierend sein kann, wenn man sich ganz in sie versenkt. Zur bestens besuchten Eröffnung des Spiegelzelts, dem Festivalzentrum der Kunstfestspiele Herrenhausen mit seinen Bars und der Tanzfläche, wirkt das anspruchsvolle Werk aber doch etwas deplatziert.

Dass das Hamburger Ensemble Resonanz Griseys Musik zusätzlich mit den Geräuschen eines fahrenden Skateboards unterlegt und den Abend so zur „Sk8night“ erklärt, hilft da auch nicht viel. Nach der Pause müssen die Musiker, die in der Hansestadt mit ihren neuen Konzertkonzepten hoch gehandelt werden, das zögernde Publikum schon mit Mozart zurück ins Zelt locken. Doch auch die eher routinierte als souveräne Version des ersten Satzes aus Mozarts C-Dur-Quintett gibt den verbliebenen Zuhörern keinen Anlass, auf den Tischen zu tanzen.

Ungleich beeindruckender und auf imposante Weise an den Ort angepasst ist dagegen die Installation „Finsternis 1816“ von Werner Cee, Klaus Grünberg und Beate Schüler im Großen Garten. Inspiriert vom Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora, der vor 200 Jahren eine Klimakatastrophe bislang unerreichten Ausmaßes ausgelöst hat, haben die Klangkünstler und Lichtdesigner den Garten in ein surreales Endzeitszenario verwandelt. Natürlich lässt sich ein globales Ereignis wie dieser Vulkanausbruch kaum illustrieren. Aber „Finsternis 1816“ vermittelt doch eine Ahnung davon, wie es sich anfühlen könnte, wenn die Welt plötzlich eine andere ist.

Angezogen von grellrotem Scheinwerferlicht, das an eine unheilvoll tief stehende Sonne denken lässt, erwandern die Besucher den hinteren Teil des Gartens entlang der Graft. Dunkles Grollen aus Lautsprechern am Ufer schafft das vage Gefühl einer unbeherrschbaren Bedrohung. Auf dem Weg zu den beiden Pavillons links und rechts tönen dagegen aus Lautsprechern in Bäumen und Hecken Anklänge von Wiegenliedern oder Folksongs. Im dunklen Grün verdichten sich die Gesänge zu einer sphärischen Harmonie, die von Furcht und Hoffnung der Menschen erzählen könnte.

In einem Pavillon, auf dem Bäume und sich nähernde Besucher scharfe Schatten werfen, klingen einzelne Orgelakkorde wie die Ruine eines einst prachtvollen Präludiums, durch das nun kalt der Wind weht. Gegenüber überwuchern mal zarte, mal verzweifelte Gitarrenklänge den Pavillon, bis er wie ein versunkener Tempel erscheint.

Auf dem Rückweg wirft die eigene Gestalt in der tief stehenden Endzeitsonne aus dem Scheinwerfer lange Schatten auf den Kiesweg. Eine tiefe Traurigkeit liegt über dieser verdunkelten Welt. Und eine große Schönheit.

„Finsternis 1816“ ist wieder am Sonntag und am Montag ab 22 Uhr (letzter Einlass: 23.30 Uhr) im Großen Garten zu erleben. Der Eintritt kostet 12 Euro.

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