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19:10 26.05.2017
„Überwältigungskunst“? Florian Fischer (von links), Birgit Hein, Jost Merscher und Volker Bärenklau in der Cumberlandschen Galerie. Quelle: Tim Schaarschmidt

Birgit Hein und Volker Bärenklau haben das Verschwinden des filmischen Materials als Verlust und Chance erlebt. Beide gelten als Vordenker des Umgangs mit dem Medium Film an dessen Schnittstellen zu anderen Disziplinen.

Die Kunsthistorikerin und Experimentalfilmerin Birgit Hein setzt sich seit den Sechzigerjahren für ein Erproben und Weiterdenken von Film als künstlerischem Medium ein. Der Kameramann und Lichtgestalter Volker („Voxi“) Bärenklau ist Christoph Schlingensief in den Neunzigerjahren vom Filmset auf die Theater- und Opernbühnen gefolgt, wo er seither versucht, neue Einsatzmöglichkeiten für das Filmische zu erschließen.

Sehr persönliche Begegnungen

In der Reihe „Kunstfieber“, zu der Florian Fischer und Jost Merscher regelmäßig in die Cumberlandsche Galerie einladen, sind sich die beiden Pioniere nun zum ersten Mal persönlich begegnet - und schildern, gleichfalls sehr persönlich, ihre eigenen Begegnungen mit dem Film.

Birgit Hein erzählt, wie sehr sie im Jahr 1962 eine Szene in Luis Buñuels „Pesthauch des Dschungels“ fasziniert hat. Darin geht eine Aufnahme der Pariser Champs-Élysées in die einer im Dschungel verbrennenden Postkarte über. Für Hein ist das der Auslöser, Film als Material bildender Kunst zu begreifen, Rohmaterial zu zerschneiden, bekleben, verformen und wieder abzufilmen. Sie bezieht sich dabei unter anderem auf die Fotografie- und Filmtheorien des Bauhaus-Lehrers Lázló Moholy-Nagy, den sie als „Vordenker der Materialästhetik“ bezeichnet. In ihren späteren Filmen arbeitet Hein oft mit „Found Footage“, also vorgefundenem Bildmaterial aus anderen Kontexten, das sie neu zu assoziativen Collagen arrangiert. „Heute spielt Aufnahmematerial durch die Digitalisierung keine Rolle mehr“, sagt sie. Vielmehr habe sich der gestalterische Spielraum auf Aufnahmetechniken verschoben: „Ich arbeite deshalb jetzt nur noch mit Handybildern.“

Ob sie ihre konfrontativen Filme als „Überwältigungskunst“ begreife, fragt Moderator Florian Fischer Birgit Hein, die die Frage sichtlich irritiert. Denn bei aller Provokation geht es ihr durchaus darum, konstruktive Auseinandersetzungen anzuregen.

Wiedersehen bei „Aida“

Eher als Heins Ästhetik lässt sich diese Kunstgesprächsreihe mit dem Begriff der Überwältigung umschreiben. Denn Fischer und Merscher setzen dabei weniger auf Vermittlung als auf gezielte Überforderung - durch eine für das Publikum kaum überschaubare Flut an Themen, zu deren Vertiefung es dann an der nötigen Zeit fehlt. „Das Publikum soll durch unsere Gespräche angeregt werden, sich selbst ein Bild zu machen“, erklärt Merscher. Leicht gesagt.

Den Veranstaltungen gehen umfangreiche Gespräche mit den Gästen voraus - die Diskussion wirkt deshalb oft wie der kraftlose Versuch, Versatzstücke aus den Vorgesprächen zu revitalisieren.

Service

Nächster „Kunstfieber“-Termin: Dienstag, 6. Juni, 20 Uhr, mit den Künstlerinnen Ulla Nentwig und Elke Lennartz in der Cumberlandschen Galerie.

Wie viel präzise Komposition solche Collagen erfordern, könnten die Moderatoren von Birgit Heins Filmen lernen. Auch wenn keine Zeit für einen Dialog zwischen beiden Gästen bleibt, wird deutlich, dass Bärenklau seine Motivation aus ähnlichen Erfahrungen und Idealen schöpft wie Hein. Als Kameramann von Christoph Schlingensief, aber auch als Oberbeleuchter bei Martin Scorseses Kino-Epos „Gangs of New York“ entwickelte er große Wertschätzung für die Ästhetik analogen Filmmaterials. Als technikaffiner Tüftler begrüßt er jedoch auch die Möglichkeiten des Digitalen. „Durch geringere Kosten bringt es einen Demokratisierungsprozess mit sich“, sagt er. Zudem erlaubt es ihm, auf Theater- und Opernbühnen neue Wege zu gehen. Bei Schlingensiefs „Parsifal“-Inszenierung in Bayreuth habe er einen ersten Höhepunkt dessen erlebt, was Film auf der Bühne leisten könne, ohne abgefilmtes Theater zu zeigen.

In Regisseur Kay Voges sei er vor zwei Jahren wieder auf einen Gleichgesinnten gestoßen, erzählt Bärenklau: „Uns verbinden Leidenschaft und die Opulenz des Katholizismus.“ Dass neue Ästhetiken auch die Gesellschaft herausfordern, zeigte sich bei der gemeinsamen Arbeit für den „Freischütz“ an der Staatsoper Hannover, die im Dezember 2015 Proteste konservativer Politiker provozierte. Am 14. April 2018 werden wiederum in Hannover Bärenklaus jüngste Filmideen zu sehen sein: bei der Premiere der „Aida“-Inszenierung von Kay Voges.

Von Thomas Kaestle

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