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Kunsthalle Bremen recherchiert bei Roncalli

Clownerie, ungeschminkt Kunsthalle Bremen recherchiert bei Roncalli

Am Anfang dieses Treffens steht die Begegnung mit Beckmann: Die Kunsthalle Bremen recherchiert bei Roncalli in Hannover über Zirkus als anderes "Welttheater".

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Kunst- und Zirkuswelt: Das Team der Kunsthalle Bremen mit Bernhard Paul, Weißclown Gensi und Kuratorin Verena Borgmann (Mitte).

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Am Anfang dieses Treffens steht die Begegnung mit Beckmann. Genauer: damit, wie der Maler sich selbst gesehen hat. „Einen Harlekinskragen um den Hals, in der Hand die Narrenpritsche, Maske und Tröte auf dem Schoß - das sind ja Requisiten des Clowns“, sagt die Kunsthistorikerin Verena Borgmann über das Bild, das Max Beckmann (1884-1950) „Selbstbildnis als Clown“ genannt hat. „Keine Schminke und eine Maske der Commedia dell‘arte“, kontert der Clown Gensi. „Das passt eher zum Varieté oder ins Theater.“ „Das ist also kein richtiger Clown?“, fragt Borgmann nach. „Nein“, sagt Gensi, lächelt kopfschüttelnd und fügt diplomatisch hinzu: „Noch nicht.“

Zirkus als Gesamtkunstwerk

Wie stark sich das kunsthistorische Urteil von dem des Künstlerkollegen unterscheiden kann - das ist an diesem Morgen im Zelt von Circus Roncalli auf dem Waterloo-Platz zu erleben. Dort trifft Verena Borgmann, Kuratorin der Kunsthalle Bremen, Fulgensi Mestres, den Weißclown Gensi von Roncalli.

Hat nicht einmal Beckmanns düsterer Blick eine Entsprechung im asymmetrischen Brauenstrich, den sich Gensi für seine Auftritte verleiht? „Dass Clowns im Innersten zutiefst traurig sind und dies als Spaßmacher überspielen, ist auch nur ein Klischee“, sagt Gensi. „Was uns selbst am meisten amüsiert“, ergänzt Roncalli-Direktor Bernhard Paul, der selbst lange als rotnasiger „dummer August“ aufgetreten ist, „sind die Deutungen unserer Arbeit.“

Der Impuls zu diesem Tête-à-Tête von Kunst- und Zirkuswelt kommt von der Kunsthalle Bremen, wo man sich gern auch über den Stoff kundig macht, dem sich die ausgestellten Kunstwerke widmen. In diesem Fall ist das Kuratorenteam für die bald startende Schau „Welttheater“ unterwegs, die Beckmanns Vorliebe für Zirkus, Theater und Varieté nachspürt. „Am wesensverwandtesten fühle ich mich dem Zirkusclown“, hat er einmal gesagt - und so seiner Wertschätzung für den Zirkus als Gesamtkunstwerk Ausdruck verliehen.

Circus Roncalli ist in der Stadt - und zeigt bei seiner Jubiläumsshow, dass er sein Publikum noch immer begeistern kann.

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Da liegt ein Besuch bei Roncalli in Hannover nahe. Hier erzählen Verena Borgmann und ihr Team, wie Beckmann diese Kunstwelten zum Gegenstand seiner Malerei gemacht hat. Dass er als Jugendlicher am liebsten selbst im Zirkuswagen unterwegs gewesen wäre. Dass er gern hinter die Kulissen blickte. Und etwa den Seiltanz auch als Sinnbild für den schmalen Grat des Lebensweges verstand. Hier erfahren die Bremer Kuratoren aber auch von den Traditionen der Clownsfigur. Dass die Commedia dell‘arte, „den Konflikt zwischen Volk und Obrigkeit durchspielte“, wie Paul sagt. Dass auch mittelalterliches Mysterienspiel zu den Vorläufern zählt, dass die rote Wange auf Pestmale, der Weißclown auf Todgeweihte, das rote Flammenhaar auf Teufelsdarstellungen zurückgeht. Und dass es nichts macht, dass all das heute zum Stereotyp zu erstarren droht.

Die Wahrheit des Klischees

„Entscheidend“, sagt Bernhard Paul, „ist doch, was die Betrachter, was unsere Besucher dort hineininterpretieren und für sich herausholen - das ist die eigentliche Kunst.“ Und das wäre dann wohl die Wahrheit des Klischees.

Was Max Beckmann daraus für sich gemacht hat, ist von Ende September an ausführlicher denn je in der Kunsthalle Bremen zu besichtigen. Immerhin 120 seiner Werke zu diesem Themenkreis werden dort gezeigt. Größtenteils sind es Leihgaben - vor allem aus den USA, aus Großbritannien und von einigen deutschen Häusern. Was man sich vielleicht auch deshalb leisten kann, weil die Kunsthalle dabei mit dem Potsdamer Museum Barberini kooperiert, das die Ausstellung ab Ende Februar zeigt.

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