Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Wolfsburg zeigt Kunst aus Indien
Nachrichten Kultur Wolfsburg zeigt Kunst aus Indien
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
02:16 16.05.2018
Kluften im Kampf um Wasser – Reena Saini Kellat zwingt auf ihrer Collage „Cleft“ die Flüsse Colorado und Jordan zusammen, um die US-Amerikaner und Mexikaner sowie Israelis und Palästinenser streiten.  Quelle: Fotos (2): Kunstmuseum Wolfsburg
Anzeige
Wolfsburg

 Glitzernde Schaumberge türmen sich, sanft plätschernde Rinnsale glitzern im Sonnenlicht, weiße Tücher sinken auf Wasserflächen, und dazu ertönen sphärische Klänge wie in einer Saunalandschaft. 

Szenen einer Wohlfühlwelt? Die indische Videokünstlerin Vibha Galhotra spielt gern mit mehrdeutigen Mustern, der Irritation von Wahrnehmungsweisen, baut ihre Filme wie Vexierbilder auf: Der Schaum erweist sich, dann begleitet von düsteren Dissonanzen, bald als Ausgeburt giftiger Abwässer, aus sanftem Geplätscher wird sämiges Geschiebe braunen Breis, die Tücher tauchen schlammgetrübt wieder auf. So traurig verwandelt verlässt der längst als Kloake geltende und immer noch als heilig gefeierte Yamuna-Fluss Indiens Metropole Delhi. 

Big Brother und Brutalismus

Der Titel von Vibha Galhotras Video lautet „Manthan“, was auf Hindi so viel wie „Aufwühlend“ heißt. Aufwühlend wirken die meisten Werke, die jetzt das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt – auch weil sie lauter Beispiele dafür bieten, wie sich Künstler mit Folgen rücksichtsloser Industrialisierung, rückhaltlosen Wachstums und rückständiger patriarchaler Muster auf dem indischen Subkontinent auseinandersetzen. Immerhin, sagt Museumsdirektor Ralf Beil, gebe es da einerseits die totale Erfassung aller Inder durch das Identifikationssystem Aadhaar, das über die Daten von 99 Prozent der Bevölkerung verfügt. Und andererseits sei die umweltzerstörerische Brandrodung verbreitet, Archaik und Moderne nebeneinander also, Big Brother und Brutalismus. Aber neben dem Zusammenprall von Zivilisationen ist auch kulturelles Miteinander zu erleben, Globalisierung im Guten wie im Schlechten. 

Indien, da gibt es 1,3 Milliarden Menschen, 29 Bundesstaaten, 120 Sprachen, 330 Millionen Götter. Ein polytheistisches, ethnisches, multikulturelles Mit- oder auch nur Nebeneinander also, das vielleicht tatsächlich als eine Art Großlabor der Globalisierung dienen könnte – weshalb Ralf Beil Indien ein „Labor der Zukunft“ nennt. 

Sehr sublim politisch

„Facing India“ ist der Titel der Kunstschau, ein Blick auf Indien aus Wolfsburg also. Keine schlechte Idee am Stammsitz eines Weltkonzerns. Und eine Kunstschau, mit der Beil das Versprechen seines Auftakts in Wolfsburg einzulösen beginnt. „Internationaler, weiblicher, politischer“ solle das Programm dort künftig sein, hatte er vor zwei Jahren in seinem ersten Interview als Chef des Museums verkündet. Drei Ansprüche, die „Facing India“ geradezu exemplarisch einlöst. Denn Vibha Galhotra ist eine von sechs hier präsentierten Künstlerinnen, die durchweg über internationale Erfahrung verfügen und auf teils ganz direkte, teils auch recht sublime Weise politisch sind. 

Als politisch lässt sich auch die Ausstellungsarchitektur verstehen, in deren Mitte eine Art Marktplatz der Möglichkeiten Sitzplätze und Ausstellungskataloge, Raum und Reflexionsobjekte bietet, ein öffentliches Forum also, das die sechs Einzelpositionen der Künstlerinnnen vernetzt. „Wir machen Stadt und Gesellschaft, die Erfahrung von ökologischen Risiken und patriarchalen Hürden, von Grenzen und deren Überwindung zum Thema“, sagt Ausstellungskuratorin Uta Ruhkamp. 

Netzwerkarbeit in mehrfachem Sinne hat auch die Künstlerin Reena Saini Kallat geleistet: Auf ihrer 40-Quadratmeter-Weltkarte „Woven Chronicle“ stellt sie globale Migrations- und Warenströme und zugleich auch deren Hürden mit Stromkabeln und Stacheldraht dar. Und für ihre Collage „Cleft“, zu deutsch Kluft, hat sie den Kampf zwischen den USA und Mexiko sowie zwischen Israelis und Palästinensern um die Wasserressourcen von Rio Grande und Jordan-Fluss auf einem Bild vereinigt.

Grenzen zum Überschreiten

Grenzen, so scheint es in diesen Arbeiten, sind zum Überschreiten da, und sei es nur, um den eigenen Horizont zu erweitern: Bharti Kher beispielsweise verschränkt Hochkultur und Prekariat mit ihrer Skulpturenreihe „Six Women“, für die ihr Sexarbeiterinnen Modell gesessen haben. Tejai Shah lässt ganze Städte in Müllbergen versinken. Und Mithu Sen vereinigt in ihrem „Museum of Unbelongings“ Zeugnisse unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Alltagswelten, die sonst nie zusammengefunden hätten. 

Dieses Exponat gehört übrigens zu den Werken, die Ralf Beil für das Museum ankaufen will. Schließlich hat er bei seinem Start in Wolfsburg auch betont, dass als Alleinstellungsmerkmal für das Kunstmuseum eine Weltkunstsammlung taugen könnte. Wenn die quer zu den arrivierten Kunsttempeln der westlichen Welt steht, ohne sich in Ethnofolklore zu verlieren - warum nicht? 

Facing India“. Bis 7. Oktober im Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz 1. Den gleichnamigen Katalog haben Ralf Beil und Uta Ruhkamp herausgegeben (Verlag Hatje & Cantz, 240 Seiten, 45 Euro).

Interview: „Eine programmatische Ausstellung“

Ralf Beil ist der Direktor des Kunstmuseums. Im Interview spricht er über das künftige Profil des Wolfsburger Hauses und seine Sammlungspläne.

Ist „Facing India“ der Auftakt zu einer Weltkunstsammlung in Wolfsburg - jenseits von New York, London oder Berlin und doch ohne provinzielle Folklore?

Das ist es. Ohne den Dieselskandal 2015 wäre die globale Erweiterung der Sammlung, die ich bei meinem Start angekündigt hatte, vermutlich schon Realität. Die Indien-Ausstellung bietet nun eine wunderbare Gelegenheit, Mithu Sens magistrales „Museum of Unbelongings“, eine ausdrucksstarke Fotoserie von Gauri Gill sowie bestenfalls weitere Werkkonvolute für das Kunstmuseum Wolfsburg zu sichern. Globaler, weiblicher, politischer sind die Ausstellungen, wie es seit „Dark Mirror“ und „Wolfsburg Unlimited“ mein erklärtes Ziel war, zweifellos geworden. „Facing India“ ist im Gesamtkonzert noch einmal ein besonderer Akzent. Denn all die Probleme Indiens, die hier angesprochen werden, kommen ja auch auf uns zu.

Warum gerade Indien?

In Indien sind diese Probleme auf das Extremste verdichtet, Indien ist ein Labor für das Gelingen oder Scheitern unserer globalen Zukunft. Für mich ist es schiere Notwendigkeit, sich den drängenden Fragen unserer Gegenwart zu stellen – auch und gerade als Ausstellungsmacher. Dabei geht es nicht um gutgemeinte, aber zu diffus agierende „political correctness“ wie bei der Documenta 2017, wo von Barlachs „Bettler“ bis zum Hunger in Bengalen quasi ein Gesamtaufriss aller Weltprobleme präsentiert wurde. Hier, in „Facing India“, geht es zuallererst um Kunst: Kunst von starken Frauen, die eine ganz eigene Sprache haben, aber in dieser Sprache eben auch unsere Themen fokussieren. Daher ist dies eine ganz programmatische Ausstellung für mich.

Von Indien lernen, heißt Zukunftsfähigkeit lernen?

Jedenfalls eher als von Markus Söder, der jetzt als neuer Kreuzritter auftritt. Wie man in kultureller Vielfalt lebt, das lässt sich in Indien derzeit wohl am intensivsten erfahren. Und wie man dies intelligent und sinnlich künstlerisch reflektiert, das lässt sich just in dieser Schau erleben.

Und wie man die Sammlung erweitern kann, erlebt man künftig?

Nicht erst in den nächsten Jahren: In „Käfig der Freiheit“ waren schon 2016 auch neue Positionen zu entdecken und derzeit arbeiten wir an einer Präsentation zu unserem Jubiläum „25 Jahre Kunstmuseum Wolfsburg“.

Von Daniel Alexander Schacht

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Kultur Basteln mit der Nintendo Switch: Labo im Test - Gar nicht von Pappe

Haus, Angel, Auto – Klavier: Mit Labo werden aus Modellen zum Selberbasteln smarte Spielzeuge. Das Zubehör für Nintendos Spielkonsole Switch bringt nicht nur Kinder auf neue Ideen.

13.05.2018
Kultur Neues Album “Lost Souls“ von Loreena McKennitt - Keltische Klänge

Auf ihrem Album “Lost Souls“ gibt die Kanadierin Loreena McKennitt bislang unveröffentlichten Songs eine Heimat. Und spricht über ihren Berufswunsch Tierärztin, ihren Weg zur Musik und ihre Sorge um die Kinder des Internets.

13.05.2018

Männer sind einfach gestrickt, und Frauen können nicht Auto fahren: Paul Panzer begeistert am Sonnabend 2300 Zuschauer – und lässt dabei kein Klischee aus.

15.05.2018
Anzeige