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Kultur Fliegen auf Picasso
Nachrichten Kultur Fliegen auf Picasso
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00:15 07.03.2016
Von Ronald Meyer-Arlt
Kunstverein: »Mehr Sehen? Ein Gespräch über Formen von Ausstellungen, Erwartungshaltungen und Hintergründe« mit Christina Végh, Dr. Reinhard Spieler und Kathleen Rahn moderiert von Bettina Steinbrügge. Quelle: Michael Wallmueller
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Hannover

Es war das erste offizielle Gipfeltreffen dieser Art. Die Direktoren sprachen über Kunst und Vermittlung und - vor allem - über ihre jüngsten Ausstellungen. Bei denen spielte die Leere immer eine ganz besondere Rolle. Im Kunstverein hatte Michael E. Smith einige Räume mit Planen ausgelegt, auch in der Kestner-Gesellschaft hatte Tobias Madison den Ausstellungsraum selbst zum Thema gemacht, im Sprengel-Museum läuft noch bis zum 24. April die Ausstellung des Schwitters-Preisträgers Pierre Huyghe, in der das Publikum feinen Staub von Wänden anderer Museen durch weitgehend leere Räume trägt und sich über die vielen Fliegen wundert, die hier herumschwirren. Auffällig ist die Leere in allen Häusern.

Es scheint, als hätten die Museen ein Problem mit Bildern. Das wiederum hat etwas mit den Bilderwelten zu tun, in denen wir heute leben. „Wir sind von unfassbar vielen Bildern umgeben, und wir verstehen oft nicht mehr, woher die Bilder kommen“, sagt Christina Végh.

Reinhard Spieler meint, dass die Räume der Pierre-Huyghe-Ausstellung im Sprengel-Museum gar nicht leer, sondern voll mit Erinnerungen seien. Und in dem Raum mit den Fliegen würden die Besucher vom Kunstwerk geradezu körperlich bedrängt werden: Die Fliegen registrieren die Körperwärme und nähern sich den Besuchern.

Leider nähern sie sich auch anderer Kunst. Spieler berichtet, dass sich die Insekten nicht an die Vorgabe des Künstlers halten und in dem für sie vorgesehenen Raum bleiben, sondern auch Ausflüge in andere Räume des Museums unternehmen. Eines Tages habe ihm eine Restauratorin wortlos ein Foto geschickt, das eine Fliege auf einem Picasso zeigt. Da war man bei der - besonders für Ausstellungsmacher - interessanten Frage angelangt, ob man Künstlern eine Carte blanche geben und sie nach Belieben agieren lassen sollte, oder ob man eingreifen und Ausstellungen so gestalten sollte, dass sie für ein großes Publikum zugänglicher werden.

Dass sich die Museumsdirektoren ihre Häuser von Künstlern nicht zerstören lassen wollen, ist klar (deshalb hat sich Spieler auch gegen Huyghe durchgesetzt und vor dem Raum mit den Fliegen Gaze-Vorhänge angebracht), aber man will es sich und den Zuschauern auch nicht zu einfach machen. „Wir müssen schon ertragen, dass wir nicht alles verstehen“, sagte Spieler, und Kathleen Rahn ergänzte: „Wir können nicht jedem gefallen.“

Eine Zuhörerin in der erfreulich zügig für Wortbeiträge der Besucher geöffneten Diskussionsrunde mochte das nicht so einfach hinnehmen; sie fragte: „Was ist, wenn die Leute gar nichts mit der Kunst anfangen können? Was ist, wenn die Erwartungen der Museumsleiter zu hoch sind?“ Besucher, die oft auch Förderer sind, würden sich, so ihre Befürchtung, von den Kunsthäusern abwenden.

Die Antworten der Museumsleiter: einerseits aushalten, andererseits abholen. „Kunst lebt davon, dass sie befremdet“, sagte Bettina Steinbrügge, die Direktorin des Kunstvereins Hamburg, die bei diesem Kunstsalon die Rolle der Moderatorin übernommen hatte. Und Reinhard Spieler meinte, dass man einen Picasso oder einen Klee auch nicht ganz verstehen könne, ihre Werke seien uns nur eben vertrauter als die von Tobias Madison oder Pierre Huyghe.

Mit vorsichtigem Stolz wiesen die Museumsleute auf ihre Vermittlungsbemühungen hin: Führungen, Gespräche, Handzettel, Kinderaktionen: In allen Häusern gibt es ein breit gefächertes Angebot der Kunstvermittlung. Andererseits sei Kunstvermittlung aber auch kein Allzweckheilmittel: „Ziel der Vermittlung ist nicht, alles zu erklären, sondern neugierig zu machen“, sagte Christina Végh von der Kestnergesellschaft. Spieler sprach von dem Spagat: Ein Kunsthaus habe einerseits so viele Menschen wie möglich anzusprechen, andererseits aber auch das Niveau hochzuhalten. Das Bild vom Spagat empfanden auch die Direktorinnen als treffend. Christina Végh meinte, es käme darauf an, den Spagat möglichst elegant zu gestalten, und Kathleen Rahn sagte, ihr Ziel sei es, aus dem Spagat eine Pirouette zu gestalten.

Im Zentrum dieses Kunstsalons stand die Komplexität von Kunst und der Distinktionsgewinn derer, die bereit sind, diese Komplexität auszuhalten. Die eigene Rolle in dem großen Spiel der Kenntnisdemonstration wurde kaum offen hinterfragt. Und die besondere Situation der Kunst(-rezeption) in Hannover spielte auch keine Rolle. Es war der Galerist Robert Drees aus dem Publikum (nicht die Moderatorin, nicht die Museumsleiter auf dem Podium), der auf die „Nivellierung“ des Kunstangebots in der Stadt aufmerksam machte, das entstehen kann, wenn die drei großen Kunsthäuser ähnlich ausgerichtet sind.

Für den Galeristen ist das eher das Gegenteil eines Problems: „Mich freut’s - so besuchen mehr Leute die Galerien.“

Beim nächsten Kunstsalon am Montag, 18. April, um 19 Uhr ist Annette Kulenkampff, Geschäftsführerin der Documenta, im Kunstverein zu Gast.

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