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Ein ganzes Schloss für die Kunst

Sammlung von Andrew Hall Ein ganzes Schloss für die Kunst

Ein neues Ausstellungshaus wird die niedersächsische Kulturlandschaft bereichern. Im kommenden Jahr soll es eröffnet werden. Es wird ein gigantisches und großartiges Museum sein mit einer herausragenden Sammlung zeitgenössischer Kunst. Werke von Baselitz und Immendorff gehören ebenso dazu wie Warhol und Meese. 

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Schloss Derneburg heute: Die Renovierungsarbeiten sind so gut wie abgeschlossen, der Park ist gepflegt, der Kreuzgang ist trockengelegt - und draußen begrüßt die Baselitz-Skulptur „Sing Sang Zero“ (2012) die Besucher.

Derneburg. Werke von Georg Baselitz und Jörg Immendorff, von Joseph Beuys, Julian Schnabel, Anselm Kiefer, Jenny Holzer, Mona Hatoum, Sol LeWitt, Hermann Nitsch, Andy Warhol, Keith Sonnier, Jeppe Hein, Richard Long, Franz West, Luc Boltanski, Olafur Eliasson, Jonathan Meese und vielen, vielen anderen wichtigen Künstlern werden hier zu sehen sein.

Es wird großartig sein.

Und es wird kein Gedränge geben in diesem neuen Museum. Keine Einweihungsfeier mit Kulturdezernenten und Ministern. Keine Schlangen vor den Kassen. Keine Malkurse für Kinder. Keine Diskussionen um Auslastungszahlen. Denn es ist kein öffentliches Museum. Besucher dürfen nur nach vorheriger Anmeldung die Räume betreten. Sie werden in Gruppen durch die Säle geführt.

Das Museum ist ein Schloss. Es gehört dem amerikanischen Multimillionär und Kunstsammler Andrew Hall, der seinen Reichtum vor allem als Rohstoffhändler und Fondsbetreiber erwirtschaftet hat.

Im Jahr 2005 hat er die Kunstsammlung von Georg Baselitz gekauft. Dann hat er erfahren, dass Baselitz auch Schloss Derneburg verkaufen wollte, wo der Maler seit 1975 wohnte. Und das hat Hall dann auch gekauft. Es schien ganz praktisch zu sein, schließlich braucht er Platz für seine Kunstsammlung. Viel Platz.

Deutlich mehr als 5000 Werke umfasst die Kunstsammlung von Andrew und Christine Hall, darunter auch viele Großformate und Skulpturen. Einige Werke der Sammlung werden demnächst in den Räumen von Schloss Derneburg für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Man wird sie besichtigen können, nach Anmeldung und in Gruppen von nicht mehr als 15 Besuchern. Am Anfang wahrscheinlich nur sonnabends. Man weiß es noch nicht genau, die Sache ist noch im Planungsstadium. Man wird ausprobieren, wie es läuft. Jede Kunstbesichtigung wird gleichzeitig auch eine Schlossbesichtigung sein. Ob man dafür Werbung machen soll? Eva-Sabine Hänsel, die Managerin von Schloss Derneburg, ist noch unschlüssig. „Wahrscheinlich eher nicht“, sagt sie.

Noch sind die meisten Wände in den vielen, vielen Räumen des Schlosses weiß und kahl, auf dem Boden liegen Fotokopien der Werke, die gezeigt werden sollen. Andrew Hall überlegt noch, wo welche Werke am besten zur Geltung kommen. Manche sagen, er sei in dieser Angelegenheit ziemlich pingelig.

Hall hat ein „Advisory Board“ eingerichtet, Ausstellungsexperten wie Kasper König, Eske Nannen, Max Hollein und Stephan Berg beraten ihn. Auch Ellen Lorenz, die Vorsitzende des Kunstvereins Hannover gehört dem Beirat an.

Fast zehn Jahre hat die Renovierung von Schloss Derneburg gedauert, nun ist sie weitgehend abgeschlossen. Vieles wurde umgebaut. Managerin Eva-Sabine Hänsel will den genauen Betrag, den die Renovierung gekostet hat, nicht nennen. Nur so viel: „Es handelt sich um einen zweistelligen Millionenbetrag.“

Besonders kostenintensiv waren die Arbeiten am Parkett im Schloss. Hier wurden kunstvoll viele Bereiche neu gearbeitet - erstaunlicherweise ist ein Unterschied zwischen alt und neu jetzt kaum zu erkennen. Viel Geld muss auch geflossen sein, um die Anforderungen an den Brandschutz zu erfüllen - die manchmal auch im Gegensatz zu den Anforderungen der Denkmalschützer standen.

Manche Überraschungen gab es bei den Sanierungsarbeiten. Als der klamme Kreuzgang trockengelegt werden sollte, wurden die Bodenplatten angehoben. Unter dem Kreuzgang kamen Gräber zum Vorschein. Baustopp! Archäologen rückten zur Rettungsgrabung an. Die Gräber wurden dokumentiert. Dann erst konnte es weitergehen.

Vorangegangene Generationen hatten das Schloss nach ihren Bedürfnissen umgebaut. Im zweiten Weltkrieg wurde es als Lazarett genutzt, dann wurden Wohnungen eingebaut und Zwischendecken eingezogen. In einem Raum über solch einer nachträglich eingebauten Zwischendecke hatte Georg Baselitz sein Winteratelier eingerichtet. Was sollte aus dem Raum werden? Die Tragfähigkeit der Zwischendecke war begrenzt, Führungen wären hier nicht möglich. Zusammen mit dem Berliner Architekten Tammo Prinz entschieden sich die Halls, die Zwischendecke und einige Trennwände zu entfernen und die ursprüngliche Halle wieder herzustellen, die es hier einmal gab. Der Rückbau war nicht ganz einfach, die Denkmalschützer forderten eine historische Dokumentation der vorangegangenen Umbauten.

Jetzt nennen die Halls den Raum „New Hall“, demnächst werden hier wohl einige Rundbilder von Baselitz zu sehen sein; mit einer Schablone prüft man schon mal, wie das wohl aussehen wird.

Andere Ausstellungsorte sind schon fertig. Wie etwa die Räume im große Kubus mitten im Schlosspark. Hier befand sich das Atelier, das sich Baselitz in den neunziger Jahren bauen ließ. Jetzt hängen hier auf 300 Quadratmetern Ausstellungsfläche großformatige Werke aus der Serie „Melancholia“ von Julian Schnabel: riesige archaische Zeichen auf dunklen Militär-Planen. In der untern Etage, die ebenfalls 300 Quadratmeter umfasst, sind strenge, geometrische Arbeiten von Barry Le Va zu sehen. Das ehemalige Atelier ist ein fertig eingerichtetes Ausstellungshaus. Und es ist eine merkwürdig, auch melancholisch stimmende Vorstellung, dass hier meist völlige Dunkelheit herrscht und nur selten mal jemand vorbeischaut.

Aber das soll sich demnächst ändern. Dann werden Besuchergruppen Kunst im ehemaligen Atelier und im Schloss besichtigen können. Etwa vier Stunden wird eine Führung wohl dauern, schätzt Eva-Sabine Hänsel. Bei einer Pause in der Schlossküche wird man sich bei einem kleinen Imbiss stärken können. In stilvollem Ambiente: Die Wände der Küche hat Baselitz mit Zeichnungen versehen.

Der Schlossmanagerin ist es wichtig, dass Kunstinteressierte kommen. Die sollen sich die Hall-Sammlung anschauen; anderes findet sie nicht so gut: „Was wir nicht wollen, sind heimatkundliche Schlossführungen.“

Beginnen werden die Führungen ein paar hundert Meter unterhalb des Schlosses in der ehemaligen Schlossschenke. Hier sollen die Gruppen der Kunstinteressierten sich sammeln, dann begibt man sich gemeinsam ins Schloss. 2008 hat Andrew Hall das Gebäude, in dem sich eine in die Jahre gekommene Gastwirtschaft befand, erworben. Die Managerin nennt den Grund: „Er möchte, dass alles in der Umgebung schön ist.“

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