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20:58 22.07.2013
Selbstentblößung – aus dem Video „Little Frank and His Carp“ (2001) von Andrea Fraser. Quelle: Galerie Draxler Nagel / Silberkuppe
Langenhagen

Im vergangenen Jahrhundert haben die Frauen mehr Rechte für sich durchgesetzt als je zuvor. Unter anderem das aktive und passive Wahlrecht, den ungehinderten Zugang zu Studium und Beruf, die freie Verfügung über ihr Geld oder auch das sexuelle Selbstbestimmungsrecht. Noch aber liegt weiter vieles im Argen. Für gleiche Arbeit erhalten Frauen oft weniger Lohn als Männer, Frauen in Chefetagen sind selten, männliche Gewalt in der Ehe ist häufig, und Alleinerziehende, in der Regel Frauen, müssen oft gegen Armut kämpfen. All das sind Gründe, das Projekt der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern als immer noch unabgeschlossen zu betrachten.

Das ist nicht nur ein Thema für die Politik, sondern auch für die Kunst. Kein Wunder, dass sich der Kunstverein Langenhagen der Sache angenommen hat. Er hat in den vergangenen Jahren in seinem Haus gute Künstler vorgestellt und wichtige Themenausstellungen organisiert. Als Lohn seiner Arbeit kann er es sich zur Ehre anrechnen, häufiger als jeder andere Kunstverein in Hannover und Niedersachsen für den „Art Cologne“-Preis der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine nominiert worden zu sein. Nun steht in Langenhagen „Der feine Unterschied“ auf dem Programm. Dabei geht es nicht nur um sozioökonomische Differenzen zwischen Mann und Frau, sondern auch um solche des Blicks und des Empfindens. Insofern ist es kein Zufall, dass die Leiterin Ursula Schöndeling ausschließlich Künstlerinnen ausgesucht hat, die dabei als Anwältinnen in eigener Sache auftreten. Da sie zwischen dreißig und siebzig Jahre alt sind, wird einmal mehr deutlich, dass die Rechte der Frau nicht allein von Generationen übergreifendem Interesse, sondern auch noch lange nicht in allen Bereichen durchgesetzt sind. Den Auftakt der Schau macht eine kluge Installation von Margaret Harrison aus den achtziger Jahren: In einen von Stacheldraht bewehrten Zaun hat sie Strampelhöschen, Teddybären, Kochgeschirr und Haushaltsgeräte gehängt. Das Werk geht auf eine Demonstration der Künstlerin gegen die Stationierung von Pershing-Raketen zurück. Losgelöst davon wirkt es wie ein immer noch aktuelles Manifest. Es erinnert uns daran, dass Mutterglück auch heute mit realer Verelendung einhergehen kann.

Zu den Kämpferinnen für mehr Freiheiten der Frau gehörte in den sechziger Jahren beispielhaft Valie Export – Künstlername und Markenzeichen der  österreichischen Künstlerin Waltraud Höllinger. In großartigen Performances, die in eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Fotografien überliefert sind, schmiegt sie damals ihren Körper an die von Männern erbauten Architekturen Wiens an, als wolle sie jeden Stein erweichen, den sie umarmt. Wie ein Reflex darauf erscheint eine im Videofilm festgehaltene, ebenso ironische wie amüsante Aktion von Andrea Fraser. Sie spaziert durch das von Frank O. Gehry gebaute Guggenheim Museum in Bilbao und nimmt die pathetischen Lobreden vom Audioguide beim Wort. Wenn dort von den sinnlichen Kurven des Gebäudes geschwärmt wird, verbunden mit der Aufforderung, den Sandstein des Museums zu streicheln, drängt Fraser ihren Körper gegen Wände und Säulen, wie um sie sich zu unterwerfen.

Als rotzfrecher Enkel Valie Exports tritt in dieser Generationenfolge Klara Lidén auf. Sie treibt in ihrem Videobeitrag die Aneignung des männlich dominierten, öffentlichen Raums vielleicht am radikalsten voran. Maß nimmt sie dabei an den brachialen Herrschaftsgesten der Hooligans. In einer solchen Maske, die sie schnell abwirft, um darunter als junges Mädchen zu erscheinen, besetzt sie für sich einen U-Bahn-Wagen. Sie springt über die Sitzbänke, tanzt an den Haltestangen, macht Purzelbäume und rollt sich ins Gepäcknetz. Spielerisch, slapstickhaft, theatralisch und poetisch, begleitet von einer mörderisch lauten Musik, die zugleich den Jahrmarkt und das Fußballstadion zitiert, bricht sie in die ureigene Domäne männlicher Jugendlicher ein, was Betrachter beiderlei Geschlechts mit großer Sympathie verfolgen.

Lidéns Beitrag hat das Zeug, zum Lieblingswerk der Besucher des Kunstvereins zu werden. Doch in dieser Ausstellung ist noch viel mehr zu entdecken. Die wunderbare „Semiotik der Küche“ beispielsweise von Martha Rosler oder die Vermischung von braven Web- und aufrührerischen Schreibfäden in den Objekten von Jenni Tischer. Sodann die „Re-actionen“ von Kerstin Cmelka, die sich ebenfalls an Valie Export, aber auch an den Zimmerschlachten des Ehedramas „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ orientieren. Weiter die jedes weibliche Klischee unterlaufenden Frauenporträts von Simone Gilges, das anrührende Werk von Diane Newen über Filmdiven im Dritten Reich und die öffentliche Liebeserklärung von Sharon Hayes im Frankfurter Bankenviertel. All das sollte man auf keinen Fall versäumen!

Michael Stoeber

Bis zum 22. September im Kunstverein Langenhagen, Walsroder Straße 91a.

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