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Premiere in der Staatsoper Hannover Alles so schön bunt hier!

Zwischen Melodram und Seifenoper: Kurt Weills Oper „Street Scene“ hat in der Staatsoper Hannover Premiere

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Guter Hoffnung: Rose Maurrant (Ania Vegry) mit Seifenblasen in der Turnhalle.

Quelle: Landsberg

Hannover. Seifenblasen steigen plötzlich in der hannoverschen Staatsoper auf, als Rose Maurrant (Ania Vegry) und Sam Kaplan (Ivan Turšic) ihren Traum von der großen Liebe besingen. Seifenblasen, die so schön bunt sind und schillern, dass sie fast wie ein Versprechen auf eine bessere, heile Welt wirken. Die etwas Zartes, Zerbrechliches an sich haben, so wie die Träume der beiden jungen Leute da auf der Bühne: Die Tochter eines Arbeiters und der Sohn eines verarmten jüdischen Weltverbesserers beschwören in einer zentralen Szene in Kurt Weills Oper „Street Scene“ am Ende des 1. Aktes ihren Lebens- und Liebestraum herauf.

Die Seifenblasennummer hat in der Hannover-Premiere des Stücks aber zugleich auch etwas Billiges, Kitschiges an sich, vor allem weil die Dinger von einer ziemlich abgerockten Multikultitruppe in die Luft gepustet werden. Männer in ausgebeulten Trainingsklamotten sieht man in einer Basketballhalle (Bühnenbild: Friedrich Eggert) auf Feldbetten neben Kerlen in verschwitzten Unterhemden sitzen. Alternde Hippiefrauen mit Stirnband hocken neben jungen Punkerinnen. Und – das ist vielleicht das Wichtigste daran, wie Regisseur Bernd Mottl diese Stelle inszeniert – am Ende zerplatzen Seifenblasen eben auch immer.

Eine „amerikanische Oper“ hat der 1935 in die USA emigrierte Komponist Kurt Weill sein „opus summum“ nach dem Erfolgsdrama von Elmar Rice aus dem Jahr 1947 genannt. Eine Volksoper wollte er hier schreiben, ein Stück, das in einem Zeitraum von nur 24 Stunden ein Schlaglicht auf das Leben in einer Mietskaserne an der Lower Eastside in Manhattan wirft. Es zeigt das Alltagsleben einer aus den verschiedensten Nationen zusammengewürfelten Gemeinschaft mit all ihren Verzweiflungen, Frustrationen, aber auch mit ihren Sehnsüchten und der Hoffnung auf ein besseres Leben. Kapitalismuskritik, die von ferne noch an den Weill aus der „Dreigroschenoper“ oder dem „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ erinnert, findet man hier ebenso wie Weills Liebe zur Unterhaltungssphäre: in Form von Songs, die dem Broadwaymusical huldigen.

Bernd Mottl inszeniert Weills sozialkritische Variante des amerikanischen Traums vom stets möglichen Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär als zerplatzte Utopie, als Vision, die glitzert und schillert, bunt ist und billig, und irgendwo zwischen Melodram und Seifenoper angesiedelt ist. Es ist eine der Stärken seiner Inszenierung, dass er vor allem die Szenen, in denen die Protagonisten ihre Wunschträume formulieren, mithilfe einer starken Bildsprache immer wieder konterkariert oder bricht. Als der Büroleiter Easter die junge Rose zu seiner Geliebten machen will, und sie mit einem eigenen Apartment und einem Angebot, am Broadway aufzutreten, lockt, widersteht Rose. Sie formuliert ihre Vorstellungen von der vom schnöden Mammon unabhängigen Liebe in einer Arie, die die großartige Ania Vegry mit einer Mischung aus Leichtigkeit und Innigkeit interpretiert. Gleichzeitig scheint im Hintergrund plötzlich eine Broadwaybühne auf. Mit Licht und Lametta wird nicht gespart und Rose dazu noch mit edelstem weißem Pelz behängt: ein wirkungsvoller Kontrast. Im Eiscreme-Sextett – in dem die insgesamt starke Leistung des 35-köpfigen (!) Ensembles wirkungsvoll zur Geltung kommt – parodiert Eisverkäufer Lippo Fiorentino nicht nur stilsicher eine Verdi-Arie (auch in der kleinen Rolle präsent: Sung-Keun Park). Die Szene wird auch optisch zu einer grellen Satire auf Werte wie Freiheit und Unabhängigkeit. Alles, was von den Idealen des amerikanischen Traums übrig bleibt, ist seichte Unterhaltung: eine glitzernde Cheerleader-Truppe (artistisch: das Team der UBC Cheerleader Hannover) oder Genussware wie das in den US-amerikanischen Nationalfarben präsentierte Eis.

Die Mordgeschichte im zweiten Akt hat unter Mottl Leidenschaft und Tempo – und zwei herausragende Sänger als Akteure: Brian Davis als ständig gewaltbereiter Frank Maurrant, der seinen Frust im Alkohol ertränkt, bis er die untreue Ehefrau erschießt, und die beeindruckend melodramatische Kelly God, die der mit einer Affäre aus dem trostlosen Alltag ausbrechenden Anna Maurrant eine anrührende seelische Tiefe verleiht. Das Staatsorchester unter der Leitung von Benjamin Reimers setzt den von Weill komponierten, anspruchsvollen Stilmix zwischen Melodram und flotter Melodie, Oper, Jazz- und Musicalelementen zudem in weiten Teilen mit viel Drive und Gefühl für feine Details um. Schade ist nur, dass Mottl darauf verzichtet, herauszuarbeiten, dass Weills Oper in der Unterschicht spielt. Im Original sind es arme Leute, deren Träume hier zerplatzen. Dass eine der auf engstem Raum zusammengepferchten Familien das Haus verlassen muss, weil sie die Miete nicht mehr zahlen kann, versteht man bei Mottl gar nicht. Auch die lästernde Schlampe Emma Jones (Mareike Morr) hat man schon geifernder, ordinärer gesehen. Dennoch: großer Applaus.

Wieder am 10., 13., 16. und 28. November, Karten: (05 11) 99 99 11 11.

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