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Kultur Kuss Quartett spielt Aribert Reimann
Nachrichten Kultur Kuss Quartett spielt Aribert Reimann
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00:15 20.12.2017
Das Kuss Quartett mit Sopranistin Mojca Erdmann und Aribert Reimann (Mitte). Quelle: Foto: Katrin Kutter
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Hannover

 Man spürt die Furchtlosigkeit, den unbedingten Willen zum Neuen und Unerhörten, mit denen diese Noten aufs Papier geworfen wurden. Hier entwickelt jemand nicht einfach nur die Tradition weiter. Hier schafft jemand eine eigene Tradition, deren innere Logik und Natürlichkeit allein durch Willensanstrengung ensteht. So wild entschlossen zumindest, wie das Kuss Quartett dieses f-Moll-Streichquartett beim Konzert der Reihe Musik 21 im Kleinen Sendesaal zum Klingen bringt, erscheint Beethoven als der radikalste Neutöner des Abends. Wenn man so wie die Musiker um den hannoverschen Geiger Oliver Wille jedes widerborstige Detail mit Ausrufezeichen versieht, tönt das viel gespielt Opus 95 des Klassikers plötzlich wie ein Klangexperiment. 

Das ist nicht immer schön und manchmal auch überzeichnet – und doch schärft eine derart zugespitze Interpretation das Ohr neu für die Beziehung von Tradition und Moderne. Genau damit beschäftigt sich auch der Komponist Aribert Reimann, der für das Kuss Quartett und die Sopranistin Mojca Erdmann sechs Lieder des Brahms-Freundes Theodor Kirchner bearbeitet und mit eigenen Zwischenspielen versehen hat. Der 81-jährige Komponist war bei der deutschen Erstaufführung von „Die schönen Augen der Frühlingsnacht“ im Funkhaus selbst anwesend. Reimann, einer der wichtigsten Opern- und Liedkomponisten der Gegenwart, hat sich im Laufe seiner langen Karriere immer wieder auch auf Vorgänger bezogen und Lieder von Mendelssohn, Schumann und anderen in eigenen Versionen reflektiert.

Verglichen mit dem 20 Jahre altem Mendelssohn-Zyklus „...oder soll es den Tod bedeuten“, der ebenfalls zu hören war, hat sich Reimann in seinen 2017 komponierten Zwischenspielen stärker vom thematischen Material der Vorlage gelöst und eher eine abstrakte Essenz der Kirchner-Lieder (oder der vertonten Gedichte von Heinrich Heine) zur Grundlage seiner Hinzufügungen gemacht: radikale Romantik. Passend dazu spielte das Kuss Quartett auch György Kurtágs „Officium Breve“, das ebenfalls aus atmosphärisch stark verdichteten Miniaturen besteht.

Erstaunlich eigensinnig tönt bei dem neuen Kirchner-Zyklus auch die Bearbeitung der Klavierstimme für Quartett: Die Streicher scheinen die Stimme von oben und unten einzuschließen und zu umschwirren, sodass die Grenzen zwischen Melodie und Begleitung, zwischen Musik und Sprache geheimnisvoll verschwimmen.

Im nächsten Musik-21-Konzert im Funkhaus spielt das Neue Ensemble am 7. Februar 2018 neue Werke von Harrison Birtwistle.

Von Stefan Arndt

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