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Kultur L'Opera seria ist ganz und gar nicht seriös
Nachrichten Kultur L'Opera seria ist ganz und gar nicht seriös
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06:15 13.09.2012
Große Tiere und große Gefühle bringen den Tenor Ritornello (Sung-Keun Park) in Bedrängnis. Quelle: Jauk
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Hannover

Diese Diagnose hat viele Väter: „Das Theater ist ein Irrenhaus und die Oper darin die geschlossene Abteilung.“ Besonders gerne schreibt man dieses Urteil wechselnden Operndirektoren (nicht nur in Wien) zu, aber eigentlich kann auch der gemeine Opernzuschauer zu diesem Fazit kommen. Vor allem, wenn er eine Oper erlebt, die nicht nur eine andere Oper, sondern den ganzen Opernbetrieb parodiert.

Was für ein Spaß das sein kann, zeigt die Niedersächsische Staatsoper jetzt in ihrem zweiten Ausweichquartier während der Reparaturarbeiten im Opernhaus. Wie schon bei der Musicalpremiere mit „Kiss me, Kate“ geht es auch in „L’Opera seria“ um Theater im Theater. Aber eben auch um Musik über Musik, was diese Persiflage zu einem Vergnügen für Kenner macht. Man kann sich aber auch ohne Vorkenntnisse köstlich amüsieren. Wenn auch die Oper in der Oper floppt, die erste Opernpremiere der Staatsoper in dieser Saison ist ein großer Erfolg, den sich ein spiel- und sangesfreudiges Ensemble, die Inszenierung von Michiel Dijkema und die musikalische Gesamtleistung unter dem Dirigenten Mark Rohde redlich teilen können.

Komponiert hat diese „Commedia per musica“ Florian Leopold Gassmann, der immerhin das war, was Mozart gerne geworden wäre: Wiener Hofkapellmeister.

Zusammen mit dem Librettisten Ranieri de Calzabigi hat Gassmann 1769 „L’Opera seria“ herausgebracht und damit das Totenglöckchen für diese Gattung zum Tanzen gebracht. Auch wenn Mozart die Opera seria noch einmal wiederbelebte und sich das Siechtum des Genres hinzog – die vertrackten und oft formal erstarrten Geschichten von Helden, Göttern und Begehrten wirkten damals schon recht albern.

Nicht zufällig hat Gaetano Donizetti in seiner Parodie „Viva la Mamma!“ gut 60 Jahre später immer noch die Opera seria aufs Korn genommen. Donizettis Oper ist noch komischer – und vor allem kürzer. Weshalb sie auch öfter gespielt wird. Gassmanns „L’Opera seria“ dagegen wurde 1994 zwar in Berlin und Schwetzingen wiederbelebt, dann aber rasch wieder vergessen.

Worum es geht, erläutert das Programmheft in zwei Sätzen (es gibt aber auch eine längere Inhaltsangabe): „Eine neue Oper wird unter enormem Stress an einem Tag geschrieben, geprobt und aufgeführt. Sie ist ein großer Misserfolg.“

Zwei Akte (und fast zwei Stunden bis zur Pause) lang wird die lange Bühne im Galeriegebäude zum Laufsteg für die Eitelkeiten. Wie neuerdings in Herrenhausen fast schon üblich, bespielt auch Dijkema das Gebäude in Längsrichtung. Das Orchester sitzt in der Mitte, wo sich auch die Spielfläche erweitert, ansonsten aber gibt es einen langen Anlauf für viele kleine Sprünge.

Hier kämpft der Komponist Sospiro (Ivan Tursic) nicht nur mit dem Librettisten Delirio (Christopher Tonkin), sondern auch um das Herz der Nachwuchssängerin Porporina (Ania Vegry). Stonatrilla (Romana Noack) ist ganz Primadonna, die zweite Sängerin Smorfiosa (Carmen Fuggiss) ihr zerbrechlich-zähes Gegenstück. Sung-Keun Park gibt nicht nur den Startenor Ritornello, er tönt auch wie einer. Denn hier wird nicht nachgeäfft, sondern durch gekonnte Übertreibung Witz erzeugt.

Musikalische Scherze gibt es genug. Und wer die nicht gleich heraushört, kann sich an Regieeinfällen erfreuen, die das allzu Menschliche beleuchten.

Nach der Pause kommt endlich die Seria in der Opera – wer da in der Pause gegangen war, hat Pech gehabt. Jetzt zündet Dijkema, unterstützt von Kostümbildnerin Claudia Damm, ein Feuerwerk der schrägen Gags und Pointen. Mal Klamauk, mal Klamotte, auch mal schillernd komisch. Dem Komponisten Gassmann ist es gelungen, mit seiner fiktiven Opera seria das Genre zu veralbern, ohne es zu verraten. Das arbeiten Dirigent Mark Rohe, das reaktionssichere Orchester und das aufgekratzte Ensemble trefflich heraus.

Die erfundene Opera seria fällt durch und wird ausgebuht, was sich trotz Anstiftung durch die fiktive Musikwissenschaftlerin Gundula Grantig-Romberg (Carola Rentz) das echte Publikum anfangs nur zaghaft traut.   

Auch ein (fast) echter Elefant und ein Krokodil konnten die Heldensaga nicht retten. Dann brennt der Impresario (Frank Schneiders) mit der Kasse durch, und die Mütter der Sängerinnen (von Stefan Adam, Tadeusz Galczuk und Mark Bowman-Hester drall verkörpert) hauen sich gegenseitig die Kritiken um die Ohren. Am Ende aber geht es gegen den gemeinsamen Feind: den Intendanten. Dem schwören alle in einem nicht enden wollenden Lied „tiefe Feindschaft“ und wünschen ihm „tödliche Flops“.

Was in diesem Fall aber nicht klappt.Das Publikum ist amüsiert und animiert und klatscht fröhlich. Immerhin wirkte dieser dreieinviertelstündige Opernabend subjektiv kürzer, als er objektiv war. Das ist in der Oper nicht die Regel.

Bis zum 2. Oktober im Galeriegebäude Herrenhausen. Karten: (05 11) 99 99 11 11.

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