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Landesmuseum stellt Madonna-Ausstellung vor

Kultfigur Landesmuseum stellt Madonna-Ausstellung vor

Ein Mammut-Projekt um eine Kultfigur: Vier Kuratorinnen haben für die Ausstellung „Madonna“ im Landesmuseum Hannover eine über vier Jahrtausende umspannende Überblicksschau auf die Beine gestellt. 

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„Still Life“ von Sam Jinks zitiert die Pose der Pietà.

Quelle: Michael Thomas

Hannover. Sie trägt Zepter, Reichsapfel und Krone. Ihr linker Fuß drückt den ganzen Mond, ihr rechter die Schlange der Häresie, der Ungläubigkeit, zu Boden. Und der sie umgebende Strahlenkranz wirkt wehrhaft wie ein Panzer. So gewappnet und überlebensgroß tritt die „Madonna mit dem Kind im Strahlenkranz“ dem Betrachter entgegen – und damit der geringeren Wertschätzung Marias im Gefolge der Reformation.

Die mehr als zwei Meter hohe Holzskulptur aus dem 18. Jahrhundert ist eines der historischen Prunkstücke von „Madonna“, der neuen Sonderausstellung im Landesmuseum. „Frau – Mutter – Kultfigur“, lautet der Untertitel der Schau, die dem Publikum gleich mehrere Premieren beschert. Erstmals leistet das Landesmuseum damit einen Beitrag zum 2017 heraufziehenden Reformationsjubiliäum – weshalb die dafür zuständige EKD-Botschafterin Margot Käßmann die Schirmherrschaft für „Madonna“ übernommen hat. Erstmals, sagt Museumschefin Katja Lembke, wird dabei dem Muttergottesbild umfassend nachgespürt. Und zum ersten Mal hat sie dafür eine Kooperation mit dem Sprengel-Museum-Chef Reinhard Spieler angeschoben. Anders wäre eine Schau mit Exponaten von der Antike bis zur Gegenwart freilich schwerer zu realisieren gewesen. „Bernhard Sprengel war nie für eine strikte Trennung der beiden Häuser“, sagt Spieler bei der Präsentation der Ausstellung. „Es gab sogar Pläne, die Museumsstraße vom Sprengel- zum Landesmuseum weiterzuführen – das große gesellschaftliche Thema dieser Ausstellung ist die Gelegenheit, die Kooperationsidee mit Leben zu füllen.“ Immerhin 43 der 250 Exponate dieser Ausstellung stammen aus dem Sprengel-Museum.

Seit Jahrhunderten wird sie auf der ganzen Welt verehrt: die Figur der Madonna. In der Bibel nur eine Randfigur wird der Inbegriff des Weiblichen in Gestalt der Gottesmutter in der Kunst- und Kulturgeschichte eine wichtige Rolle zugewiesen. Jetzt startet eine Ausstellung über die Kultfigur im Landesmuseum Hannover.

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Groß angelegt ist „Madonna“ zweifellos. Immerhin vier Kuratorinnen, darunter neben Dörthe Wilke vom Sprengel-Museum auch die Landesmuseumschefin, haben hier eine fast vier Jahrtausende umspannende Überblicksschau auf die Beine gestellt. Katja Lembke erinnert daran, dass der Muttergotteskult Vorläufer schon in antiken Visionen von einer Mutter aller Götter hat. In der Bibel spiele Maria noch keine besonders herausgehobene Rolle, erst seit dem Konzil von Ephesos im Jahr 431 werde sie als Gottesgebährerin verehrt. Kein Wunder, dass die Museumschefin besonders stolz die gut einen Meter hohe, reich geschmückte und mit Löwen bewehrte Marmorfigur der Artemis von Ephesos, eine Leihgabe der Musei Capitolini aus Rom, in der Ausstellung präsentiert. Aus der Zeit um 1100 lassen sich darin Marienskulpturen mit einem auch überregional recht einheitlichen Erscheinungsbild besichtigen. Sie sind oft mit Insignien weltlichen Reichtums und sakraler Macht ausgestattet und teils auch mit Tragegriffen versehen, damit sie als Prunkstücke bei Prozessionen mitgeführt werden können. In die Defensive gerät der Marienkult zwar mit der Reformation. Doch eine pauschale Geringschätzung Marias, sagt Margot Käßmann bei der Ausstellungspräsentation, sei auch bei Luther keineswegs festzustellen. „Die Muttergottes lehrt uns, wie man Gott lieben und loben soll“, zitiert Käßmann den Reformator. Und im Gefolge der feministischen Theologie herrsche heute ein geradezu ökumenischer Konsens darüber, dass Maria in ihrer religiösen Kraft wie in ihrem Mitleiden und ihrer Fürsorge eine wichtige Vorbildfigur sei. „Maria“, folgert Landesmuseumssprecher Dennis von Wildenrath, „ist also so ein bisschen für alle da.“

Dass das außer für sakrale auch für weltliche Kunst gilt, wird in dieser Ausstellung eindrucksvoll dokumentiert. Wie im Mittelalter die Marienskulpturen sind in der frühen Neuzeit und bis in die Gegenwart Madonnendarstellungen – stolz mit dem kleinen Jesuskind auf dem Arm oder auch in den Trauerposen vieler Pietà-Darstellungen. Aus der Masse ragt etwa die „Madonna mit stehendem Kind“ (1615) hervor, für die Peter Paul Rubens seine Familie als Modell genutzt haben soll. Und gezeigt werden in der Ausstellung auch Lithografien nach Raffaels „Sixtinischer Madonna“, die noch im späten 19. Jahrhundert so große Verbreitung fanden, dass Kurt Schwitters 1921 in seiner Collage „Madonna mit Pferd“ diesen Marien- und Kunstkult karikierte.

So unerbittlich ist die Moderne. „In der Gegenwart“, sagt Katja Lembke, „geht es eher antimarienkultisch zu.“ Wohl wahr. Im Foyer des Landesmuseums fallen zuerst die inszenierten Fotografien von Julia Krahn in den Blick, darunter „Vater und Tochter“ (2011), auf dem die Künstlerin selbst ihren nackten Vater in den Armen hält – und damit die Mutter-Sohn-Inszenierung unzähliger Madonnenbilder in eine Tochter-Vater-Konstellation verkehrt. Die erste Station des ansonsten weitgehend chronologischen Ausstellungsparcours ist ein Video des Songs „Like a Virgin“ – im Original von Madonna und in jener Version, mit der die italienische Nonne Cristina Scuccia 2014 die Castingshow „Voice of Italy“ gewonnen hat. Im letzten Drittel gibt es eine weitere Video-Installation, in der die Künstlerin Ulrike Rosenbusch Pfeile auf das Bildnis der „Maria im Rosenhag“ abschießt – zum Glück nur auf eine Reproduktion. „Man hat Maria alles genommen, was das Menschsein erträglich macht“, sagt Rosenbusch zu dieser Marienzerstörung. „Darauf zu schießen, war mir ein wahres Bedürfnis.“

Maria – einst die wehrhafte Kämpferin wider den Unglauben, jetzt nur noch Inbegriff von Pietà und Caritas, Trauer, Leiden und Fürsorge? Ganz am Ende der Ausstellung ist noch ein Werk zu sehen, das diesem Frauenbild immerhin männliche Konkurrenz verschafft: Der australische Künstler Sam Jinks spielt dabei mit ähnlichen Motiven wie Julia Krahn in ihrer (Selbst-)Inszenierung „Vater und Tochter“. Doch Jinks hat dafür nicht fotografiert, sondern eine Skulptur aus Silikon und Textilien, Kunst- und Echthaar geformt. „Still Life“, heißt das Werk, dessen Titel von der Schwere des Abschieds zeugt. Denn das kann „Stillleben“ heißen, aber auch: „Immer noch Leben.“

Ausstellungstipp

„Madonna. Frau – Mutter – Kultfigur“. Vom 16. Oktober bis zum 14. Februar 2016. Für die Ausstellung gibt es ein Kombiticket, mit dem man zum Preis von 12 Euro auch das Sprengel-Museum besuchen kann. Der gleichnamige Ausstellungskatalog (Sandstein-Verlag, 240 Seiten) kostet im Museumsladen 24,90 Euro, im Buchhandel 48 Euro.

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