Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Blick auf die koloniale Vergangenheit

Landesmuseum Blick auf die koloniale Vergangenheit

„Heikles Erbe. Koloniale Spuren bis in die Gegenwart“ ist der Titel einer Ausstellung im Landesmuseum in Hannover. Erstmals nimmt ein Museum dafür sein eigenes koloniales Erbe umfassend in den Blick.

Voriger Artikel
„Das ist der Jackpot, Baby“
Nächster Artikel
Gewinnen Sie Tickets für Depeche-Mode-Event

Die Kolonialmacht im Bild
der Kolonisierten: Colon-Figur aus
Kamerun (oben), Vordringen der
US-Industrie in Hawaii in Kapulani Landgrafs „Wächter der Berge“ (links).

Hannover. Die Konturen dieses Konterfeis sind so grob wie der Farbauftrag und die daraus entstehende Mimik - auf den ersten Blick also Volkskunst der naiveren Art aus Afrika? Grob zwar, doch ebenso unschuldig wie der Weg, auf dem die sogenannte Colon-Figur aus Kamerun nach Hannover gelangt zu sein scheint? Alexis von Poser, Kurator für Ethnologie am Landesmuseum Hannover, hat einen schärferen Blick auf die Figur und ihre Herkunft geworfen - und die sogenannte Colon-Figur zum Ausgangspunkt der neuen Ausstellung im Landesmuseum gemacht.

Die ist das erste Resultat einer Spurensuche im eigenen Depot, in Beständen aus der Kolonialzeit, die in allen volkskundlichen Abteilungen deutscher Museen ein alles andere als unschuldiges Erbe sind. „Da stehen hinter dem Erwerb sehr häufig Fragezeichen“, sagt Museumschefin Katja Lembke. „Nicht nur, wenn es um sogenannte menschliche Überreste wie Mumien oder Schädel geht, sondern auch, weil im Einzelfall oft unklar ist, ob es sich um Schenkungen, Kauf oder Raubgut handelt.“

„Heikles Erbe“ heißt die Ausstellung denn auch, die mehrere 100 Exponate aus dieser „Erbschaft“ auf der großen Sonderausstellungsfläche des Landesmuseums zeigt. Durchweg hängen die Ausstellungsstücke mit jenen drei Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg zusammen, in denen es - von Kamerun über „Deutsch-Südwestafrika“, „Kaiser-Wilhelmsland“ oder „Neu-Mecklenburg“ bis nach China - deutsche Besitzungen in Übersee gab. Eine Epoche, deren Folgen noch heute oft unterschätzt werden. Das hat von Poser in Interviews festgestellt, die er mit Passanten in Hannover geführt hat. Die veranschlagen die Schäden deutscher Kolonialherrschaft teils eher gering, teils erblicken sie sogar Vorzüge im Vergleich zu den größeren und länger bestehenden Kolonialreichen von Briten und Franzosen.

Zu sehen sind die Interviews gleich gegenüber der Colon-Figur, die das damalige Provinzialmuseum Hannover dem Sammler Julius Konietzko 1930 abgekauft hat. Das war lange nach der deutschen Kolonialzeit, doch stellen sich damit keine Schuldfragen? Alexis von Poser hat Konietzkos Enkel ausfindig gemacht, angeblich wurde die Figur in einer 1911 von Gouverneur Jesko von Puttkamer durchgeführten Strafaktion im Norden Kameruns beschlagnahmt, doch damit verlieren sich die Spuren. Sicher ist nur, dass die Schnitzarbeit einen Kolonialoffizier darstellt, was wohl die weiße Gesichtsfarbe und vielleicht auch ihre gefletschten Zähne sowie den Blick aus Obersicht erklärt. Bei genauerem Hinsehen zeugt die Figur also von einer eher kritischen als naiven Sichtweise - nämlich auf die weißen Herrscher.

Solche Einsichten sind in dieser Ausstellung mehrfach zu erleben. Dazu gibt es Zeugnisse des seinerseits naiven Blicks auf die kolonialen Besitztümer im zeitgenössischen deutschen Alltag - vom „Sarotti-Mohr“ über affenähnlich gezeichnete Eingeborene bis zu einem offen rassistischen „Conti-Lied von den zehn kleinen Negerlein“. Zwischen den nach deutschen Kolonialregionen geordneten Ausstellungsstationen sind Biografien von Protagonisten des deutschen Kolonialismus nachzulesen, von denen nicht wenige mit Hannover zu tun hatten. Prominenteste Beispiele sind der mit dem damaligen Stadtdirektor Heinrich Tramm befreundete und als „Deutsch-Ostafrika-Gründer“ gefeierte Carl Peters sowie Rudolf von Bennigsen, der erst an der Ost-, dann an der Westküste Afrikas und zwischendurch im ozeanischen „Deutsch-Neuguinea“ deutsche Kolonialinteressen vertreten hat. Aber auch Gustav Cohrs und Bruno Mencke, beide in Hannover geboren, waren Kolonialrepräsentanten in „Übersee“.

Besonders spannend ist an dieser Ausstellung, dass sie weder in der deutschen Kolonialepoche noch bei deren Artefakten verharrt, sondern den Blick in die Gegenwart und über den europäischen Tellerrand hinaus weitet - und dabei dem Blickwinkel der Kolonialisierten viel Raum verschafft. Dazu dient in der zweiten Hälfte der Ausstellung ein Fokus auf die Inselkette Hawaii, die 1898 von den USA annektiert und seither systematisch von US-Amerikanern besiedelt wurde, auf Kosten der ursprünglichen Sprache und Kultur der Inseln. Gleich sechs Künstler beziehen mit ihren Werken hierzu Stellung, darunter auch Kapulani Landgraf, die in ihrem Bild „Wächter der Berge“ das Vordringen von US-Unternehmen in die „Heiligen Berge“ von Mauna Kea schildert. Hinzu kommen die Hoffnungen, die ein Haitianer, eine Chinesin und eine Kongolesin auf den sogenannten Postkolonialismus setzen - in Interviews, die gleichsam das Gegenstück zu den Stimmen hannoverscher Passanten am Anfang der Ausstellung bilden.

„Mit dieser Ausstellung wird umfassend wie nie zuvor Pionierarbeit geleistet“, sagt Kathrin Höltge vom Kulturministerium, das die Schau gezielt mit 30 000 Euro fördert. Tatsächlich geht es bei der Frage nach dem heiklen Erbe des Kolonialismus um mehr als nur Ausstellungsaktivitäten: Das bisher auf Raubkunstprobleme rund um die Nazi-Zeit konzentrierte Netzwerk Provenienzforschung in Niedersachsen soll seine Tätigkeit auch auf koloniale Raubkunstfragen ausweiten, sagt Höltge. Zur ebenso räumlichen wie zeitlichen Horizonterweiterung trägt wohl auch bei, dass außer den Kuratoren Alexis von Poser und Bianca Baumann auch Healoha Johnston vom Honolulu Museum of Art sowie die Provenienznetzwerksverantwortliche Claudia Andratschke mit für die Ausstellung verantwortlich zeichnen.

„Heikles Erbe“ ist zweifellos ein starker Start für dieses Kapitel deutscher Vergangenheitsbewältigung. Aber eben auch nur ein Anfang.

„Heikles Erbe. Koloniale Spuren bis in die Gegenwart“. Bis 26. Februar 2017 im Landesmuseum, Willy-Brandt-Allee 5.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Adventskonzert des Knabenchores Hannover in der Marktkirche

Machet die Tore weit – unter diesem Motto stand das Adventskonzert des Knabenchores Hannover in der Marktkirche. Und eine federnd leichte, hoffnungsfrohe und zuversichtliche Interpretation der gleichnamigen Motette von Andreas Hammerschmidt liefert der Chor dann auch.