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Landtagsstreit: Die Säule ist wieder gefragt

Repräsentationsbauten Landtagsstreit: Die Säule ist wieder gefragt

Säulen von gestern, Säulen von morgen? Einige Überlegungen zum repräsentativen Bauen - anlässlich des Formstreits um den Landtagsplenarsaal in Hannover

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Der Tempel-Entwurf des Kölner Architektenbüros Yi.

Quelle: Martin Steiner

Es gibt dorische, ionische und korinthische Säulen. Und es gibt die Claudia-Schiffer-Säule. Mit dem groß gewachsenen, schlanken Model verglich Eun Young Yi die langen Säulen seines Landtagsentwurfs.

Auffallend beim Architektenwettbewerb für den Um- oder Neubau des Plenarsaals des Niedersächsischen Landtags ist, dass gleich mehrere Entwürfe großzügige Säulenordnungen aufweisen. Eine moderne Architektursprache verbindet sich also mit historischen Zitaten, und zwar nicht wie noch im postmodernen Bauen ironisch, sondern durchaus wieder gravitätisch.

Der Siegerentwurf des in Köln tätigen koreanischen Architekten Eun Young Yi und das drittplatzierte hannoversche Büro Martin A. Müller schlagen sogar ausgesprochene Tempel vor, mit haushohen Säulen und Amphitheatern im Inneren. Dadurch evozieren sie den für die sakrale Bauform Tempel typischen Eindruck der Herausgehobenheit aus der Alltagswelt. Die Mitglieder des Landtags werden, sollte der Yi-Entwurf realisiert werden, also in einer Art Supermodel?architektur mit retroantikem Appeal tagen. Während Dieter Oesterlen einen Bunker baute, um die Nachkriegsabgeordneten im fensterlosen Plenarsaal gleichsam vor Gefahren von oben zu schützen, wird nun wieder die symbolische Kommunikation mit dem Götterhimmel anvisiert.
Die Säule ist wieder gefragt in der politischen Repräsentationsarchitektur. Und das ist keineswegs selbstverständlich. Zwar begleitet die Säule, wie auch der Rückgriff auf die griechische Antike, die Geschichte Europas. Und doch trägt die gute, alte Säule seit dem 20. Jahrhundert nicht nur physische, sondern auch historische Altlasten. Das neoklassische Repertoire bestimmte kompromittierenderweise den Nazi- und Stalin-Klassizismus, die Bollwerke der Einschüchterung und Fassaden totalitärer Macht.

Spätestens seit Kriegsende standen prunkvolle Kolonnaden, kolossale Freitreppen und mächtige Zentralportale auf dem Index verpönter Architekturformen. Man baute in Abgrenzung dazu modern. Dieser internationalen „Architectural Correctness“ waren die Parlamentsbauten in der deutschen Nachkriegszeit ausnahmslos verpflichtet, auch der Oesterlen-Anbau in Hannover, den die Kunsthistorikerin Anne Schmedding als „ein geschichtsträchtiges Symbol für die Demokratie“ des jungen Bundeslandes Niedersachsen sieht. Und noch der in den neunziger Jahren errichtete Plenarsaalanbau des Sächsischen Landtags duckt sich demütig, strahlt mehr Ehrlichkeit und Bescheidenheit aus als Grandeur.

Mit der Postmoderne kehrte die Säule in die Architektur zurück, und zwar zunächst in Form der ironischen Distanzierung - in Anführungszeichen. Man wollte wieder etwas mehr repräsentieren als in der repräsentationsskeptischen Nachkriegsmoderne. Gleichzeitig blieb man jeglicher Machtdemonstration abhold.

In diesem Spannungsfeld zeigt sich die sogenannte „Berliner Architektur“. Bei Axel Schultes Regierungsbauten an der Spree wurden architektonische Elemente rehabilitiert (Säulen, Freitreppen), die in Bonn als „nichtdemokratisch“ verpönt gewesen waren. Das geschah nicht ohne ironische Windungen: Das Bundeskanzleramtsgebäude zeigt verselbstständigte und verdrehte Säulen oder genauer Stelen. Aus manchen wachsen Bäume. Die Säule, die sich historisch vom Baumstamm ableitete, trägt dann nichts anderes als einen Baum - ein schöner Humor, der dem Bundeskanzleramt, bei aller Herrschaftlichkeit und Repräsentativität, das allzu Gestelzte austreibt.

Im benachbarten Paul-Löbe-Haus, einem Parlamentsgebäude von Stephan Braunfels aus dem Jahr 2001, geschah die Vertreibung böser Säulengeister durch endlos erscheinende und zerbrechlich wirkende Grissini-Säulen. Diese Filigranität nimmt ihnen das Einschüchternde, Massive und verleiht den Gebäuden zugleich eine transparente Leichtigkeit. Hier knüpft auch der Architekt Yi mit seiner schlanken und zugleich feierlichen Säulenordnung an. Dabei gelingt ihm der optische Brückenschlag zu gediegenen Moderne-Pavillons, etwa der Neuen Nationalgalerie in Berlin, einem Meisterwerk Mies van der Rohes mit Anklängen an antike Podiumstempel.

Nachdem die Resozialisierung der Säule im politischen Raum nun erfolgreich vollzogen erscheint, stellt sich eine neue, grundsätzlichere Frage: Ist der griechische Tempel überhaupt ein gutes Symbol für den Parlamentarismus? Zwar lässt sich mit etwas Schulwissen reflexhaft von Säulen und Architraven ein Bogen zu Perikles und der Wiege der Demokratie im antiken Athen und von dort zur Neoklassik der Aufklärungszeit schlagen. Doch schon ein flüchtiger Blick in die USA macht deutlich, dass Anleihen an die griechische und römische Republik - vom Kapitol in Washington bis zur Milliardärsvilla in Dallas - nicht unbedingt Ausdrucksformen der Demokraten sind, sondern eher der Republikaner.

Wer im 19. Jahrhundert authentischer demokratischer Gesinnung Ausdruck verleihen, sich jedoch von Washington und dem französischen Neoklassizismus abgrenzen wollte, und das konnten auch Anhänger der parlamentarischen Monarchie sein, orientierte sich an der monumentalen Neogotik des Londoner Westminster Palace: Gotisch galt als „christlich“ und „funktional“, zudem gewährte der Stil mehr Freiheiten als die gestrenge Klassik.

Außerdem gibt es auch zunehmend Beispiele für Parlamentsarchitekturen jenseits des Modernismus oder Neoklassizismus, und zwar verstärkt auch von deutschen Architekten, die im Ausland tätig sind. So verbindet das Hamburger Büro Gerkan, Marg und Partner in seinem Parlamentsentwurf für den indischen Bundesstaat Tamil Nadu Moderne und östliche Spiritualität: Der Baukomplex zitiert Mandala-Formen. Im libyschen Tripolis hat das Berliner Büro Léon Wohlhage Wernik das Regierungsareal „Tripoli Greens“ als Mischung moderner und exotischer Formen geplant.

Vor diesem Hintergrund erscheint auch das Zitieren einer griechischen Form durch den Koreaner Yi in anderem Licht. Vielleicht sollte man dies weniger als Hinweis auf die griechische Demokratie lesen, sondern wie Gerkans Mandala als vages Bekenntnis zu einer bestimmten - in diesem Fall: abendländischen - Tradition. In der globalisiert-vereinheitlichten Welt erscheinen solche identitätsstiftenden Zeichen überall begehrt, besonders dann, wenn sie gleichzeitig nicht allzu provinziell erscheinen. Man möchte eine gewisse kulturelle Identität haben, aber sie soll auch geräumig sein. Der Yi-Tempel als Synthese von griechischem Tempel und modernem Pavillon erfüllt solche Sehnsüchte nach Weite und kultureller Identität.

Daher liegen jene Kritiker falsch, die den Yi-Tempel („Schwimmhalle“, „Turnhalle“, „belanglos wie ein Shoppingcenter“) geißeln, vor allem, wenn sie zugleich auch noch das Oesterlen-Baudenkmal befürworten. Denn dieselben Argumente der Gesichtslosigkeit, Beliebigkeit und Austauschbarkeit wurden einst auch gegen Oesterlen - und mit mehr Recht - ins Feld geführt. Vor 50 Jahren handelte es sich dabei um angestrebte Qualitäten. Es war geradezu das Ziel des modernen Bauens, Nationalismen hinter sich zu lassen und mit den Attributen international, ?liberal und modern assoziiert zu werden. Es war Absicht, wenn diese Bauten in aller Welt gleich aussahen.

So wie man den Yi-Tempel also nicht ob seiner angeblichen Gesichtslosigkeit kritisieren sollte, so sollte man ihn umgekehrt auch nicht wegen seiner Transparenz loben - oder tadeln. Denn so transparent ist der Yi-Tempel gar nicht. In Zeiten ständigen Bedeutungsverlusts der nationalen wie der Landesparlamente zugunsten des Europäischen Parlaments erscheint der Entwurf als große Geste, die durchaus den realen Bedeutungsschwund des Landesparlaments verdeckt. Der Säulenschleier des Entwurfs von Yi erschwert nicht nur die Sicht nach innen und außen: Er verschleiert die realpolitische Ohnmacht des Landesparlaments. Und vielleicht ist das sein tieferer Sinn. Wie sagte es der Kulturtheoretiker Robert Hanulak: „Parlamente spiegeln die kulturellen, sozialen und ökonomischen Zustände und Befindlichkeiten einer Gesellschaft, allerdings tun sie dies in dem gleichen Maße, wie sie Teile dieser Realität verdecken.“

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