Es gibt dorische, ionische und korinthische Säulen. Und es gibt die Claudia-Schiffer-Säule. Mit dem groß gewachsenen, schlanken Model verglich Eun Young Yi die langen Säulen seines Landtagsentwurfs.
Auffallend beim Architektenwettbewerb für den Um- oder Neubau des Plenarsaals des Niedersächsischen Landtags ist, dass gleich mehrere Entwürfe großzügige Säulenordnungen aufweisen. Eine moderne Architektursprache verbindet sich also mit historischen Zitaten, und zwar nicht wie noch im postmodernen Bauen ironisch, sondern durchaus wieder gravitätisch.
Der Siegerentwurf des in Köln tätigen koreanischen Architekten Eun Young Yi und das drittplatzierte hannoversche Büro Martin A. Müller schlagen sogar ausgesprochene Tempel vor, mit haushohen Säulen und Amphitheatern im Inneren. Dadurch evozieren sie den für die sakrale Bauform Tempel typischen Eindruck der Herausgehobenheit aus der Alltagswelt. Die Mitglieder des Landtags werden, sollte der Yi-Entwurf realisiert werden, also in einer Art Supermodel?architektur mit retroantikem Appeal tagen. Während Dieter Oesterlen einen Bunker baute, um die Nachkriegsabgeordneten im fensterlosen Plenarsaal gleichsam vor Gefahren von oben zu schützen, wird nun wieder die symbolische Kommunikation mit dem Götterhimmel anvisiert.
Die Säule ist wieder gefragt in der politischen Repräsentationsarchitektur. Und das ist keineswegs selbstverständlich. Zwar begleitet die Säule, wie auch der Rückgriff auf die griechische Antike, die Geschichte Europas. Und doch trägt die gute, alte Säule seit dem 20. Jahrhundert nicht nur physische, sondern auch historische Altlasten. Das neoklassische Repertoire bestimmte kompromittierenderweise den Nazi- und Stalin-Klassizismus, die Bollwerke der Einschüchterung und Fassaden totalitärer Macht.
Spätestens seit Kriegsende standen prunkvolle Kolonnaden, kolossale Freitreppen und mächtige Zentralportale auf dem Index verpönter Architekturformen. Man baute in Abgrenzung dazu modern. Dieser internationalen „Architectural Correctness“ waren die Parlamentsbauten in der deutschen Nachkriegszeit ausnahmslos verpflichtet, auch der Oesterlen-Anbau in Hannover, den die Kunsthistorikerin Anne Schmedding als „ein geschichtsträchtiges Symbol für die Demokratie“ des jungen Bundeslandes Niedersachsen sieht. Und noch der in den neunziger Jahren errichtete Plenarsaalanbau des Sächsischen Landtags duckt sich demütig, strahlt mehr Ehrlichkeit und Bescheidenheit aus als Grandeur.
Mit der Postmoderne kehrte die Säule in die Architektur zurück, und zwar zunächst in Form der ironischen Distanzierung - in Anführungszeichen. Man wollte wieder etwas mehr repräsentieren als in der repräsentationsskeptischen Nachkriegsmoderne. Gleichzeitig blieb man jeglicher Machtdemonstration abhold.
In diesem Spannungsfeld zeigt sich die sogenannte „Berliner Architektur“. Bei Axel Schultes Regierungsbauten an der Spree wurden architektonische Elemente rehabilitiert (Säulen, Freitreppen), die in Bonn als „nichtdemokratisch“ verpönt gewesen waren. Das geschah nicht ohne ironische Windungen: Das Bundeskanzleramtsgebäude zeigt verselbstständigte und verdrehte Säulen oder genauer Stelen. Aus manchen wachsen Bäume. Die Säule, die sich historisch vom Baumstamm ableitete, trägt dann nichts anderes als einen Baum - ein schöner Humor, der dem Bundeskanzleramt, bei aller Herrschaftlichkeit und Repräsentativität, das allzu Gestelzte austreibt.
Im benachbarten Paul-Löbe-Haus, einem Parlamentsgebäude von Stephan Braunfels aus dem Jahr 2001, geschah die Vertreibung böser Säulengeister durch endlos erscheinende und zerbrechlich wirkende Grissini-Säulen. Diese Filigranität nimmt ihnen das Einschüchternde, Massive und verleiht den Gebäuden zugleich eine transparente Leichtigkeit. Hier knüpft auch der Architekt Yi mit seiner schlanken und zugleich feierlichen Säulenordnung an. Dabei gelingt ihm der optische Brückenschlag zu gediegenen Moderne-Pavillons, etwa der Neuen Nationalgalerie in Berlin, einem Meisterwerk Mies van der Rohes mit Anklängen an antike Podiumstempel.
Nachdem die Resozialisierung der Säule im politischen Raum nun erfolgreich vollzogen erscheint, stellt sich eine neue, grundsätzlichere Frage: Ist der griechische Tempel überhaupt ein gutes Symbol für den Parlamentarismus? Zwar lässt sich mit etwas Schulwissen reflexhaft von Säulen und Architraven ein Bogen zu Perikles und der Wiege der Demokratie im antiken Athen und von dort zur Neoklassik der Aufklärungszeit schlagen. Doch schon ein flüchtiger Blick in die USA macht deutlich, dass Anleihen an die griechische und römische Republik - vom Kapitol in Washington bis zur Milliardärsvilla in Dallas - nicht unbedingt Ausdrucksformen der Demokraten sind, sondern eher der Republikaner.
Wer im 19. Jahrhundert authentischer demokratischer Gesinnung Ausdruck verleihen, sich jedoch von Washington und dem französischen Neoklassizismus abgrenzen wollte, und das konnten auch Anhänger der parlamentarischen Monarchie sein, orientierte sich an der monumentalen Neogotik des Londoner Westminster Palace: Gotisch galt als „christlich“ und „funktional“, zudem gewährte der Stil mehr Freiheiten als die gestrenge Klassik.
Außerdem gibt es auch zunehmend Beispiele für Parlamentsarchitekturen jenseits des Modernismus oder Neoklassizismus, und zwar verstärkt auch von deutschen Architekten, die im Ausland tätig sind. So verbindet das Hamburger Büro Gerkan, Marg und Partner in seinem Parlamentsentwurf für den indischen Bundesstaat Tamil Nadu Moderne und östliche Spiritualität: Der Baukomplex zitiert Mandala-Formen. Im libyschen Tripolis hat das Berliner Büro Léon Wohlhage Wernik das Regierungsareal „Tripoli Greens“ als Mischung moderner und exotischer Formen geplant.
Vor diesem Hintergrund erscheint auch das Zitieren einer griechischen Form durch den Koreaner Yi in anderem Licht. Vielleicht sollte man dies weniger als Hinweis auf die griechische Demokratie lesen, sondern wie Gerkans Mandala als vages Bekenntnis zu einer bestimmten - in diesem Fall: abendländischen - Tradition. In der globalisiert-vereinheitlichten Welt erscheinen solche identitätsstiftenden Zeichen überall begehrt, besonders dann, wenn sie gleichzeitig nicht allzu provinziell erscheinen. Man möchte eine gewisse kulturelle Identität haben, aber sie soll auch geräumig sein. Der Yi-Tempel als Synthese von griechischem Tempel und modernem Pavillon erfüllt solche Sehnsüchte nach Weite und kultureller Identität.
Daher liegen jene Kritiker falsch, die den Yi-Tempel („Schwimmhalle“, „Turnhalle“, „belanglos wie ein Shoppingcenter“) geißeln, vor allem, wenn sie zugleich auch noch das Oesterlen-Baudenkmal befürworten. Denn dieselben Argumente der Gesichtslosigkeit, Beliebigkeit und Austauschbarkeit wurden einst auch gegen Oesterlen - und mit mehr Recht - ins Feld geführt. Vor 50 Jahren handelte es sich dabei um angestrebte Qualitäten. Es war geradezu das Ziel des modernen Bauens, Nationalismen hinter sich zu lassen und mit den Attributen international, ?liberal und modern assoziiert zu werden. Es war Absicht, wenn diese Bauten in aller Welt gleich aussahen.
So wie man den Yi-Tempel also nicht ob seiner angeblichen Gesichtslosigkeit kritisieren sollte, so sollte man ihn umgekehrt auch nicht wegen seiner Transparenz loben - oder tadeln. Denn so transparent ist der Yi-Tempel gar nicht. In Zeiten ständigen Bedeutungsverlusts der nationalen wie der Landesparlamente zugunsten des Europäischen Parlaments erscheint der Entwurf als große Geste, die durchaus den realen Bedeutungsschwund des Landesparlaments verdeckt. Der Säulenschleier des Entwurfs von Yi erschwert nicht nur die Sicht nach innen und außen: Er verschleiert die realpolitische Ohnmacht des Landesparlaments. Und vielleicht ist das sein tieferer Sinn. Wie sagte es der Kulturtheoretiker Robert Hanulak: „Parlamente spiegeln die kulturellen, sozialen und ökonomischen Zustände und Befindlichkeiten einer Gesellschaft, allerdings tun sie dies in dem gleichen Maße, wie sie Teile dieser Realität verdecken.“
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Kommentare
Die Dreißiger Jahre für Hannover Bürger – 17.03.10
Ja, ich stimme Herrn Storch zu, es ist wie das Literaturmuseum in Marbach (Architekt Chipperfield), und ein „sehr flacher Entwurf“. Man sollte schon auch einen Überblick über die zeitgenössische Architektur haben, um Qualitäten und Differnzierungen beurteilen zu können. Die „Dreißiger Jahre“ kommen nach Hannover zurück. Es ist Historismus und eine Absage an die Moderne und hat nichts, aber auch gar nichts mit neuem Denken zu tunStyle Neo-Grec Bürger – 05.03.10
An die Abgeordneten. Das Architektur im öffentlichen Raum auch immer etwas mit Politik zu tun hat, gilt für jedes bauliche Vorhaben. Das jetzt jeder einzelne Entscheidungsträger auch die Verantwortung hat, auch und gerade gegenüber seinem eigenen Gewissen, begrüße ich. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal einige Argumente für die Enscheidungsfindung anhand des Siegerentwurfs in den Raum stellen, weil ich mir natürlich um die Bedeutung des Vorhabens bewusst bin. Unter dem Gesichtspunkt der Baukunst, und darum sollte es hier gehen, haben wir es bei dem „Siegerentwurf“ mit einer Aussage zu tun, die sich an die klassische griechische und römische Kunst anleht. Die Aufnahme des antiken Vorbildes, ein Rückgriff auf die Antike. Man spricht auch vom Neo-Klassizismus. Den Einzelbau kennzeichnet ein kubischer Charakter, der Baukörper ist statisch, unterstrichen durch die großen Säulenordnungen, streng und monumental in additiver Reihung gehalten. Es überrascht zunächst warum der Entwurf unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen beim Auslober des Wettbwerbs so viel Zuspruch erfährt. Da es ein Paralamentsgebäude mit einem Plenarsaal werden soll, sieht man in dem Entwurf scheinbar eine symbolische Idealität, die durch die Bautypen- und formen Schönheit und bürgerliche Demokratie verkörpern soll. Dabei evoziert er einen machtvollen Stil. Dieses Antikisierende gab es in allen Zeit-Phasen. Nach der Zeit der Romantik und der Aufklärung (als Reflex auf den Feudalabsolutismus), leben wir jedoch im 21. Jahrhundert, geprägt durch Rationalismus und einer antifeudalen Staatsauffassung in einer modernen bürgerlichen Demokratie. Auch haben wir eine industrielle Revolution durchlaufen, die Wissenschaft wurde bestimmend und das wirkte sich auch in der Architektur aus durch exakte Berechnungsmethoden und neue Materialien (z.B. Stahlbeton). Vorherrschend ist dieser Entwurf daher eine „Bildvorstellung“ von der Antike. Das Sein tritt hinter dem gesetzten Bild zurück. Dieses Bild ist jedoch losgelöst von der Entwicklung der Bürgerinnen und Bürger. Es ist elitär und wenig emanzipiert. Es ist Historismus, verbunden mit romantischen Erwägungen als „nationaler Stil.“ Es ist eine monumentale städtbauliche Gesinnung. Es bleibt eine Antikenbeschwörung, die ich aber als eine Selbsttäuschung betrachte. Man ist der Meinung in diesem Stil liegen die ewigen Gesetze architektonischen Gestaltens- vielleicht glaubt man, dass damit die Leidenschaft der Debatten im Landtag auf der Höhe der großen geschichtlichen Trägödien zu halten sind. Es ist immer wieder der Versuch, auch durch liberale und demokratische Kräfte des Bürgertums zu glauben, die sich verschärfenden gesellschaftlichen Widersprüche durch eine Beschwörung der Antike umgehen bzw. beheben zu können, selbst im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Betonung der Macht wurde dieser Neo-Klassizismus benutzt. Dieses ewige Streben nach Monumentalität bei besonderen Aufgaben. Stilgeschichtlich ist es ein äußerst widersprüchlicher Stil in der Architektur. Man sollte wissen, das mit diesem „Sieger-Entwurf“ nur noch die mythologische Ikonografie und einzelne Formelemente nachleben. Um produktiv richtig verstanden zu werden, alle Bahnbrecher der neuen Baukunst, haben in einer klärenden Frühphase ihres Schaffens diesen Neo-Klassizismus-Stil durchlaufen, und sind dann zu ganz neuen zeitgemäßen Formen gelangt.Parameter für eine Entscheidung und Empfehlung Bürger – 02.03.10
Sehr geehrter Herr McAllister,Erscheinungsbild: Norddeutsche Zurückhaltung wäre ein angemessener Ausdruck. B. Klarheit, Sachlichkeit, Rationalität sind weitere Leitlinien für die Architektur. C. Die Wirtschaftlichkeit des Gebäudes ist ein wichtiges Ziel, das mit dem Entwurf erreicht werden soll. Das beinhaltet mehrere Faktoren. 1. Die Baukosten, 2. die Flächenwirtschaftlichkeit, 3. ganz besonders die laufenden Betriebskosten. Kostenschätzungen nach DIN, sowie erste Kostenberechnungen sind von externen und unabhängigen Planungsbüros einzuholen.
An die HAZ-Redakteure: An die Redaktionen von „Kultur bis Politik“ der HAZ gerichtet: Was ist eigentlich eine Stadt? Zumindest: Sich nicht darauf zu beschränken eine komponierte Szenerie (hier die Tempelarchitektur) abgeben zu wollen. Stadt bedeutet nämlich nicht die Durchsetzung von Partikularinteressen, auch nicht durch die Politik, sondern die Etablierung tragfähiger Konzepte und Gleichgewichte. Was könnte dieses Gleichgewicht, in Zeiten der Wirtschaftskrise und der allgemeinen Verwerfungen wieder herstellen? An diesem Punkt fängt eigentlich die Diskussion an. Wenn sie Öffentlichkeit sein wollen, müssen sie sich diesen Fragen stellen.
Funktion und Nutzung Bürger – 02.03.10
Das Architektur im öffentlichen Raum auch immer etwas mit Politik zu hat, gilt für jedes bauliche Vorhaben. Das die Entscheidungsträger jetzt von Formfragen (Symbolik etc.) hin zu Funktionsfragen (baulicher Aufwand/Wirtschaftlichkeit) kommen, ist sehr zu begrüßen. Funktion und Nutzung sind das Thema, damit sollte man sich planerisch auseinandersetzen und Leistungsbilder ausschreiben. Erst aus diesen konkreten und präzise formulierten Ansprüchen sollten Konzepte entwickelt werden. Die Bürgerinnen und Bürger haben doch ganz hervorragend reagiert. Was ist denn der Ausgangspunkt einer Stadtgesellschaft? Sich nicht darauf zu beschränken eine komponierte Szenerie (hier die Tempelarchitektur) abgeben zu wollen. Stadt bedeutet nämlich nicht die Durchsetzung von Partikularinteressen, auch nicht von Politikern, sondern die Etablierung tragfähiger Konzepte und Gleichgewichte. Der planerische Umgang damit ist doch die eigenliche Fehlleistung, verursacht durch die Auslober dieser Wettbewerbe.An die Chefredaktion Bürger – 27.02.10
Wissen sie eigentlich was mich bedrückt macht, dass man die HAZ und den Journalismus nicht mehr ernst nehmen kann. Die Texterin Frau Di Blasi hat zu diesem Thema so viele ästhetische Spekulationen ohne Fundament von sich gegeben, dass einem als aufgeklärten Mitteleuropäer einfach nur noch schlecht wird. Wenn das ihre „Kulturdame“ für die hannöversche Öffentlichkeit ist, liebe HAZ, dann aber gute Nacht. Ziehen sie die Dame aus den Verkehr.Stilrichtung 1. Preis: Monumentalarchitektur Arch – 25.02.10
In diktatorisch regierten Staaten (im Deutschen Reich, in Italien und der Sowjetunion) wurde der Neo-Klassizismus in Anlehnung an die Bauweise griechischer Tempel, Renaissancepaläste und barocker Baukörper aufgrund des Monumentaldenkens seiner verantwortlichen Politiker und Städteplaner und Architekten als staatlich legitimierter Baustil bestimmend (Nazi- und Stalin-Klassizismus).1. Preis- nur eine Projektion Bürger – 24.02.10
@Rubber Duck: Ergebnis Analyse Architekturentwurf:Die „Säulen“ zitieren nur sich selbst, sie sind lediglich Symbol. Man kann das machen, wenn z.B. 12 Säulen im sakralen Bauen z.B. die 12 Apostel bedeuten. Für das Tragen der Lasten sind sie technisch nicht notwendig. Das Verhältnis von Form und Technik hat sich gewandelt. Die „Säulen“ sind nur eine „formale“ Würdigung einer technischen Notwendigkeit. Die „Säule“ wurde lediglich adaptiert und in einen neuen Zusammenhang gebracht, in eine Projektion, in ein Bild (ein teures Bild). Wir können heute jedoch ganz anders Bauen. Wir haben neue Techniken, die neue zeitgemäße Formen erzeugen.
@ Bürger Rubber Duck – 24.02.10
Warum unkomfortable Messehalle? Der ständige Umbau derselben zu einem Sitzungssaal dürfte recht teuer werden und Büro- sowie Besprechungsräume werden auch jede Menge benötigt.Seien wir also ruhig großzügig, schließlich ist es für unsere Staubsauger- äh Volksvertreter:
Eine dreitägige Tagung inkl. aller Tagungstechnik und bester Verpflegung dürfte, selbst im besten Luxushotel, für 500 - 600 € zu haben sein (Übernachtung geht extra, die wird jetzt ja auch sonst benötigt). Z. Z. haben wir 152 Parlamentarier im Landtag hocken (der ja bald sogar verkleinert werden soll), macht also rund 90.000 € je Parlamentssitzung. Davon gibt es 10 pro Jahr, macht also 900.000 € jährlich.
Gegenrechnung für einen Landtagsneubau:
geplant sind 45 Mio. €. Bei der bei öffentlichen Bauvorhaben üblichen Verdoppelung der Kosten werden es also 90 Mio. Dazu kommen über Jahrzehnte hinweg Zinsen, denn das bankrotte Land Niedersachsen muss alles komplett auf Pump kaufen. Bei einem Zinssatz von 4 % und einer Anfangstilgung von 1% jährlich werden da im Laufe von 40 Jahren 180 Mio daraus.
Dafür könnte der Landtag 200 Jahre lang in einem Luxushotel tagen, und das durfte die Nutzungsdauer eines Neubaus bei weitem übertreffen.
Herrschaftsarchitektur Bürger – 24.02.10
Selbstverständlich Herr Neumann, ich stimme Ihnen zu. Architektur tangiert auch immer den Bereich es Sittlichen. Baukunst kann auch Erzieher sein. Beim 1. Preis des Wettbewerbs, handelt es sich sogar nach meiner Stilanalyse modellhaft um Herrschaftsarchitektur, wie sie als Bedeutungsträger auch von den Nazis und Speer geplant wurden.Vorbildfunktion des Landtages? Arnulf Neumann – 24.02.10
der z w e i t e Preis ist mir sympathisch, weil er in seiner "Einfachheit" viele Vorteile auf sich vereint.Während einerseits die sog. Transparenz des Ganzen (durch Öffnen von Plenarsaal,Fassade und Dach) erheblich gesteigert wird, beweist dieses Konzept wie kein anderer Entwurf Respekt vor den gewachsenen Beziehungen. (Sicht-Verbindungen, Beziehungen von Wegen und Plätzen).
Die Würdigung des Urgesteins hannoverscher Architektur (Prof. Dieter Öesterlen) ergibt sich wie beiläufig aus der Sache heraus, nämlich durch gekonnten Umgang mit dem äußerlichen eher mauerhaften Eindruck.
Dabei kommt der 2. Preisträger im Wesentlichen mit der bisherigen Bausubstanz aus und dürfte deshalb bei den Realisierungskosten im unteren Bereich liegen.
Vom "minimalistischen" Umgang des Konzeptes mit Raum und Materiel, bezogen auf die Aufgabenstellung, bin ich geradezu faziniert (!)
Einer Landesregierung mit ihrer Vorbildfunktion beim Thema Werte und Tugenden, z.B. Bescheidenheit, sollte diese bauliche Lösung gut zu Gesicht stehen!
Postpolitisch Bürger – 24.02.10
Ein symbolischer Tempel als Architekturauffassung, wobei die Säulenordnung (das Volk) die Rolle der Dekoration in der architektonischen Aussage übernimmt-eine dekorative Entwertung, obwohl nur noch das Volk Kreditwürdigkeit besitzt, um das Projekt zu tragen und zu finanzieren. Noch einmal heißt es rückwärtsgewand, keine Experimente. Enthüllend für die Befindlichkeit der politischen Klasse. In der „spätrömischen“ Republik, versteht keiner mehr was Wille zur Gestaltung bedeutet, den Willen zur Fassade aber lässt man sich nicht nehmen, auf Kosten der Steuerzahler.Säulen an sich? Arnulf Neumann – 24.02.10
der Bezug zur Begründung, sowohl der des Wettbewerbes selbst, als auch der hinsichtlich der Auswahl der Preisträger durch das Preisgericht, findet nicht statt bzw. geht im Artikel verloren.Der 1. Preis traut sich selbst zwar städtebaulich durchaus etwas zu, beim näheren Hinsehen (z.B. gefordertes Programms) ist er allerdings viel zu opullent geraten und knüpft gestalterisch zudem an Zeiten an, die in nicht guter Erinnerung geblieben sind.
Er ignoriert neben dem Werk von Prof. Oesterlen - das ist für mich entscheidend - wichtige bestehende Sicht - und Wege - Verbindungen und löst mit seiner massiven und überflüssigen Kubatur den gesamten Vorplatz mit Baumkunst zur Karmarschstraße hin auf.
Wie die schlanken Säulen dabei am Ende konkret aussehen sollen, bleibt der Phantasie des Betrachters überlassen.
Eine vortäuschende Säulenordnung Ornament – 23.02.10
Die Alten stellten sich vor, dass die Welt auf Säulen ruht, oder sich um eine große Weltsäule dreht. Mehr als zweitausend Jahre lang war für die Architekten bestimmend, wie das Verhältnis der verschiedenen Teile einer Steinsäule festgelegt wird. Säulen waren damals auch keine Formphantasie, sondern es war Resultat des Fühlens und Vorstellens der Völker. Wir haben im 21. Jahrhundert inzwischen ein anders „aufgeklärtes“ Weltbild, dass auch in der Baukunst seinen Ausdruck finden muss. Von daher ist der Entwurf mit den „Säulen“ eine Lüge. Zynisch gesprochen, kann man auch von „spätrömischer Dekadenz“ sprechen.Eine vortäuschende Säulenordnung Arch – 23.02.10
Die Alten stellten sich vor, dass die Welt auf Säulen ruht, oder sich um eine große Weltsäule dreht. Mehr als zweitausend Jahre lang war für die Architekten bestimmend, wie das Verhältnis der verschiedenen Teile einer Steinsäule festgelegt wird. Säulen waren damals auch keine Formphantasie, sondern es war Resultat des Fühlens und Vorstellens der Völker. Wir haben im 21. Jahrhundert inzwischen ein anders „aufgeklärtes“ Weltbild, dass auch in der Baukunst seinen Ausdruck finden muss. Von daher ist der Entwurf mit den „Säulen“ eine Lüge. Zynisch gesprochen, könnte man auch von "spätrömischer Dekadenz" sprechen.Symbolarchitektur = Symbolpolitik? Bürger – 23.02.10
Die „Säule“ ist keine Darstellungsweise kollektivier Inhalte mehr, zumal wenn sie keine tragende Funktion hat. Die „Postmoderne“ war schon immer ganz groß im Täuschen. Auch die faschistische Architektur hat die „Säule“ kompromitiert. Man wird begreifen müssen, dass jede Baukunst an ihre Zeit gebunden bleibt. Der Entwurf ist bedeutungslos, mit welchem Elan auch das Falsche getan wird. Man kann nicht mit rückwärtsgewandetem Blick nach vorne schreiten und Träger eines Zeitwillens sein.Unsinn gebärt Unsinn.Kommentare zum Neubau des Landtages irgendwer – 23.02.10
Ich möchte an dieser Stelle den Kommentatoren meine höchste Anerkennung für die Qualität,- sowohl inhaltlich als auch stilistisch-, ihrer Beiträge aussprechen. Ich finde, dass man an dieser Stelle auch einmal darauf hinweisen muß, dass es "kluge Köpfe" nicht nur in den Räumen des Landtages, sondern eher ausserhalb dieses Gebäudes zu geben scheint.Fakt ist und bleibt, dass alle noch so begründeten Bedxenken und Hinweise in puncto Wirtschaftlichkeit, Notwendigkeit und Zeitgeist nichts an der Selbstherrlichkeit der Volksvertreter ändern wird.
Die Sache ist gelaufen. Leider!
Es gibt nur die Möglichkeit, diese "Prasser" auf legalem Weg zu entsorgen! Man darf sie nicht wählen.
Warum unterstützen wir nicht eine neue Initiative zur Gründung einer Partei, mit dem Ziel der Konsolidierung aller Haushalte? Das Hannoversche Problem ist ganz sicher kein Einzelfall und vielleicht wird ja ein republikweiter Flächenbrand daraus?
An die Repräsentanten Bürger – 22.02.10
Ich will nicht so tun, als wäre das Entwerfen eine einfache Sache- aber man darf schon mehr einfordern. Wir brauchen eine neue und starke deutsch/europäische Vision“, einen Zukunftsentwurf. Etwas, für das es sich lohnt, zusammenzuhalten und anderswo zu sparen. Dieses dringend erforderliche „Projekt“, wird durch den vorliegenden Entwurf nicht repräsentiert- (statisch und erstarrt) Es ist gut europäisch das Neue zu denken. In diesem Sinne.Inzenierte Banalität Bürger – 22.02.10
Antike Tempel, römische Basiliken und auch die Kathedralen des Mittelalters, sind Schöpfungen ganzer Epochen. Sie sind Träger eines Zeitwillens. Hierin liegt ihre Bedeutung. Nur so konnten sie Symbole ihrer Zeit werden. Man wird begreifen müssen, dass jede Baukunst an ihre Zeit gebunden bleibt. Von daher ist auch das „Zitieren“ in der „Postmoderne“ unter baukünstlerischen Gesichtspunkten einfach nur Kitsch. Wir finden diesen Kitsch in Disneyland und auch im neuen Madsack-Gebäude.@ Rubber Duck: Ich schlage vor, in eine der zahlreichen leerstehenden Messehallen zu gehen, ist wirtschaftlicher!Abreißen Rubber Duck – 22.02.10
Den ganzen Plenarsaal abreißen, wenn er unseren Volksvertretern nicht mehr gut genug ist.Für die 10 x 3 Tage im Jahr, die dieser Bau überhaupt nur genutzt wird, ist es allemal billiger einen entsprechend großen Saal in einem Nobelhotel zu mieten.
Sorry wg. dem uralten Witz, aber zu diesem Thema passt er halt:
Staubsaugervertreter verkaufen Staubsauger.
Versicherungsvertreter verkaufen Versicherungen.
Und was machen Volksvertreter?
Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen Bürger – 22.02.10
Es gibt in Ihrem Beitrag sehr viele ästhetische Spekulationen.Aufklärung: Jede Baukunst ist an ihre Zeit gebunden. Baukunst ist immer raumgefasster Zeitwille, nichts anderes. Deshalb ist es ein aussichtsloses Bemühen, Inhalt und Formen früherer Bauepochen unserer Zeit nutzbar zu machen.Fragen Sie sich, welche Zweckerfüllung liegt hier vor?Braucht man den nolimit – 22.02.10
Genau diese Säulen des 1. Preises sind doch das Problem: Die vorhandenen Säulen dürfen sich nicht- wenngleich in schlankerer Ausführung- in der Flucht fortsetzen. Diese markieren den Eingang des ursprünglich symmetrischen Schlosses und dürfen sich nicht inflationär fortsetzen.Überhaupt ist der 1. Preis viel zu sakral geraten. Die formelle Strenge wird nicht ein einziges Mal unterbrochen- schematisch, starr, humorlos...
Nach Besuch der Ausstellung kann man zusammenfassen, dass vor allem die Arbeiten, die weder Preis noch Anerkennung bekamen, zu den ernster zu nehmenden gehören.
Der unauffällige, aber deswegen umso intelligentere Entwurf des hannoverschen Büros Runge Architekten etwa. Er beließ den Altbau fast unverändert und brachte die geforderte Erweiterung in einem Neubau auf dem Standort der ehemaligen Wasserkunst unter. Einfach, überzeugend, klasse!
Wenn schon Abriss, dann doch gemäß des Entwurfes von Tschoban|Voss aus Berlin. Dieser stellt die ehemalige Symmetrie wieder her und ergänzt den Altbau ganz logisch. Zwar etwas historisierend, aber trotzdem sehr gekonnt.
Vor acht Jahren fand übrigens ein Wettbewerb statt, dessen 1. Preis von Koch|Panse belegte, wie man mit relativ einfachen Mitteln unter Wahrung der bestehenden Bausubstanz den Plenarsaal effizient natürlich belichten könnte. Leider wurde dieser sinnvolle Vorschlag ad acta gelegt, weil offensichtlich mit dem Neubau schon geliebäugelt wurde.
Der Oesterlen- Altbau ist tatsächlich nicht als gut zu bezeichnen- er ist nämlich hervorragend, von der klaren Ablesbarkeit des vorbildlich proportionierten Baukörpers, der eindeutigen Trennung von alt und neu sowie der unzähligen guten, teilweise überraschenden Details. Jeden Tag sollte man Architekturstudenten durchschicken, um zu demonstrieren, wie man ein Bauwerk unter ganzheitlichen Gesichtspunkten entwirft.
Und dieses beeindruckende Bauwerk soll nun zu Gunsten dieses bestenfalls als banal zu bezeichnenden "Tempels" weichen? Selbst wenn das Geld im Überfluss vorhanden wäre, rechtfertigte es nicht diese schädliche Maßnahme.
Die kleinmütig verzagte Haltung der Denkmalpflege kann ich mir überhaupt nicht erklären, immerhin ist es das zweitwichtigste Nachkriegsgebäude der Stadt (nach der Musikhochschule natürlich...). Jeder, der in Zukunft ein Denkmal abreißen will, hat hier den prominenten Berufungsfall. So geht man doch mit einem bedeutenden Denkmal nicht um! Oder wurde dem Landesamt für Denkmalpflege wieder mit dem Umzug nach Celle gedroht?
Man sollte bei dieser Gelegenheit nachdenken, ob dieses föderale System der Kleinstaaterei überhaupt noch zeitgemäß ist. Ist es sinnvoll, dass jedes Land sein eigenes Schulsüppchen kocht, dass das eine Studiengebühren erhebt, das andere nicht?
Vorschlag: Die Landtage auflösen, die Hundertschaften der dann vollständig überflüssigen MdLs zum Arbeiten schicken und die sinnvollen Bezirksregierungen wieder einführen. Dann wären bundeseinheitliche Standards gewährleistet, man hätte eine klare dreizügige Verwaltung mit sauberer Gewaltenteilung (also im Prinzip das französische System).
Dann bräuchte man den "Tempel" gar nicht...