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Langenscheidt-Senior wird 90

Wörterbuch-Verleger Langenscheidt-Senior wird 90

Fast täglich kommt er noch immer ins Büro: Karl Ernst Tielebier-Langenscheidt, Urenkel des Verlagsgründers, wird 90 Jahre alt. Smartphone und Internet gehören längst zu seinem Alltag. Bei Sachbüchern hält er sogar eine papierfreie Zukunft für denkbar.

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Karl Ernst Tielebier-Langenscheidt wird 90 Jahre alt.

Quelle: dpa

München. Er hat das blaue L auf knallgelbem Grund erfunden. Karl Ernst Tielebier-Langenscheidt, Urenkel des Verlagsgründers, hat in gut 40 Jahren an der Verlagsspitze Themen aufgespürt und Trends gesetzt. Generationen von Sprachschülern haben aus Wörterbüchern mit dem L etwa Englisch und Französisch, Griechisch oder Latein gepaukt. Am Mittwoch (27. Juli) wird der Verleger, der stets bescheiden im Hintergrund blieb, 90 Jahre alt.

Mit seiner Familie, drei Kindern, Enkeln und Urenkeln wird er feiern - aber auch mit den Mitarbeitern. Noch immer ist er fast täglich im Verlag. Die rund 160 Angestellten in München, die ihn „TL“ nennen, bekommen zu ihren runden Geburtstagen bis heute einen persönlichen Glückwunsch vom Senior-Chef.

1956 führte Tielebier-Langenscheidt zum 100-jährigen Bestehen des Verlages das Logo ein. Vielleicht war es sein Gespür für Formen, das den gelernten Betriebswirtschaftler und Ingenieur, der ursprünglich Architekt werden wollte, das Markenzeichen wählen ließ. Das L, so hofft er, werde den Verlag auch künftig durch immer schwierigere, vom Internet und kostenlosen Angeboten geprägte Zeiten tragen. „Das blaue L auf gelbem Grund ist ein Anker in der heutigen Angebotsfülle.“

Der gebürtige Berliner hatte das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Unternehmen wieder aufgebaut. Nach dem Mauerbau 1961 gründete er eine Niederlassung in München und trug zur Entwicklung der internationalen Verlagsstadt bei. Seinen Weitblick bewies Tielebier-Langenscheidt schon Ende der 1950er Jahre, als er den Massentourismus voraussah und Reise- und Sprachführer verlegte. In den 1970er Jahren brachte er angesichts zunehmender Migration frühzeitig Werke für Deutsch als Fremdsprache heraus. Internationale Kooperationen machten den Verlag, der stets Familienbetrieb blieb, im europäischen Raum bekannt.

Bei den damals neuen Medien Fernsehen und Computer war Langenscheidt als einer der ersten dabei. 1960 startete er in Zusammenarbeit mit der BBC und dem Bayerischen Rundfunk die ersten Fernsehsprachkurse. „Da hatten wir überall die Nase vorne“, sagt er, nicht ganz ohne Stolz.

"Wir werden im digitalen Bereich landen"

Als die ersten Taschenrechner auf den Markt kamen, hatte er sofort den Gedanken, die Technik für ein elektronisches Wörterbuch zu nutzen. „Diese Entwicklung hatte ja damals niemand für möglich gehalten.“ Seine Vorstöße bei Firmen in den USA und Deutschland waren ohne Erfolg, es fehlte das nötige Wissen. In Japan endlich fand er in dem Elektronikkonzern Sharp einen Partner. 1983 stellte er mit „alpha 8“ das erste elektronische Wörterbuch der Welt vor.

Neue Techniken zu entwickeln hat Tradition in der Familie. Urgroßvater Gustav Langenscheidt, mit 18 Jahren quer durch Europa unterwegs, schrieb sich zum Lernen französische Wörter so auf, wie man sie spricht - und erfand damit Mitte des 19. Jahrhunderts die erste praktikable Lautschrift. Als er dafür keinen Verlag fand, gründete er kurzerhand selbst einen. Sein Sohn Carl Langenscheidt brachte 1905 die ersten Sprachkurse auf Grammophonplatten heraus.

Für Tielebier-Langenscheidt gehören Smartphone, Navigationsgerät und Internet längst zum Alltag. Sein Leben hat er den Büchern gewidmet - doch ohne Bedauern kann er sich gar eine Zukunft ohne gedrucktes Buch vorstellen. „Wenn man langfristig denkt, ist vorauszusehen, dass wir im digitalen Bereich landen.“

Die Möglichkeit, Information kostenlos abzurufen, sei kulturell eine riesige Chance. „Es ist eine Möglichkeit, Wissen in das breite Volk zu bringen, die es nie vorher gab“, sagt der 90-Jährige, der unter anderem den Bayerischen Verdienstorden und den Chevalier des Arts et des Lettres (Orden des Ritters für Kunst und Literatur) bekam.

Das elektronische Wörterbuch hat seiner Meinung nach schon wieder ausgedient. Niemand wolle mehrere elektronische Geräte mit sich herumtragen. Die Entwicklung gehe zu Apps für Smartphones, die der Verlag auch schon für alle gängigen Plattformen auf den Markt gebracht hat. „Das sind aus meiner Sicht wichtige Wege der Zukunft.“

dpa

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