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Die Krokodile sind los
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Wagner-Festspiele Die Krokodile sind los

Frank Castorfs nächster Streich: In Bayreuth hatte jetzt seine Inszenierung von "Siegfried" Premiere - der Abend hatte musikalischen Glanz, die Regie war eher einfallslos.

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Sister Act

Resolut und strahlkräftig: Catherine Foster als Brünnhilde, Lance Ryan als Siegfried.dpa

Quelle: Enrico Nawrath

Bayreuth. Am dritten Abend lässt es Regisseur Frank Castorf krachen. Und zwar wortwörtlich. Zwar werden die Zuschauer auf dem Besetzungszettel gewarnt, dass es im zweiten Aufzug von „Siegfried“ bei den Bayreuther Festspielen zu einer Gewehrsalve kommen werde, die aber gesundheitlich ungefährlich sei. Vielleicht für die Ohren.

Castorf hat deutlich aufgerüstet: Zu Nothung, dem Schwert, und Wotans Speer kommen hier noch zwei Kalaschnikows, die Siegfried zusammenbaut. Aber er hämmert lieber nicht darauf herum, wenn Richard Wagners Partitur das verlangt, sondern greift zum Schwert.

Der neue Bayreuther „Ring“ wird immer mehr von Aleksandar Denics Bühnenbildern bestimmt, über die Regisseur Castorf seinen Zettelkasten ausschüttet. Diesmal sehen wir eine marxistische Variante des amerikanischen Monuments von Mount Rushmore: Hier sind nicht vier US-Präsidenten in Stein gemeißelt, sondern Marx, Lenin, Stalin und Mao. Davor kampiert Mime in jenem Wohnwagen, der im „Rheingold“ für Nibelheim stand. Immer wieder legt Castorf solche Spuren, die sich oft als falsche Fährten erweisen. Siegfried bringt von der Jagd keinen Bären mit, sondern einen Menschen, der dann in Mimes Haushalt Handlangerdienste verrichtet. Unter den vielen Büchern in Mimes Caravan scheint kein Do-it-yourself-Ratgeber gewesen zu sein, denn was Mime, Siegfried und der Diener handwerklich anstellen, ist eher bizarr als hilfreich. Aber immerhin hat Siegfried am Ende genug Waffen, um gegen den Lindwurm zu ziehen. Am Wort-Duell zwischen dem Wanderer (Wolfgang Koch wird immer besser) und Mime (souverän: Burkhard Ulrich) scheint der Regisseur leidlich Interesse gehabt zu haben. Das ist bei ihm nicht selbstverständlich.

Wenn die Bühne sich dreht, sind wir auf dem Berliner Alexanderplatz. Die erste Begegnung zwischen Wotan/Wanderer und Enkel Siegfried sehen wir mit den Augen einer Überwachungskamera. Das Waldvögelein (nicht nur stimmlich agil: Mirella Hagen) ist eine Mischung aus Showgirl und Bordsteinschwalbe, die Siegfried so den Kopf verdreht, dass er der später beiläufig entdeckten Brünnhilde wenig Interesse entgegenbringt. Wenn Fafner (sonor und solide: Sorin Coliban) von Konsum-Girlies umringt wird, hat auch ein Krokodil einen Auftritt. Noch sinnfrei, aber man wird ja sehen ...

Zwischen der Felswand und dem Alex liegt die Neidhöhle, die Mime vorsichtshalber per GPS-System sucht. Es gibt keinen Kampf mit dem Lindwurm, denn bei den dramaturgisch wesentlichen Stellen tritt Castorf auf die Verweigerungsbremse. Siegfried schießt Fafner über den Haufen; wie das alles mit Tarnhelm, Ring und dem unverwundbar machenden Blutbad geht, darf sich der wackere Wagnerianer selbst in Gedanken zurechtbasteln.

Castorf interessiert sich viel mehr für das Milieu: billiger Sex, Drugs (viel Rotwein) und Rock ’n’ Roll: Das macht es der Musik leicht, hier die Dominanz zu behalten. Dirigent Kirill Petrenko wird so erneut zum Helden des Abends. Im ersten Vorspiel frönt er noch seinem Hobby, möglichst noch ein Detail, noch eine Phrase herauszustellen, findet aber zur Geschlossenheit Wenn das Wälsungen-Motiv aufscheint, glüht und blüht die Musik. Dass Castorf mit dem Liebespaar Siegfried und Brünnhilde so wenig anfangen kann oder mag, gibt der Musik allen Raum der Welt zur Entfaltung. Da mögen die resolute Catherine Foster und der höhensichere, strahlkräftige, aber im Dauerforte auch etwas einfarbige Lance Ryan noch so kraftvoll singen, das Wort hat doch das Festspielorchester.

Natürlich gibt es kein Feuer, das durchschritten wird, wird keine Rüstung gelöst. Ein Blick aus der Ferne genügt, und schon weiß Siegfried, „dies ist kein Mann“. Wer die nächste halbe Stunde auf der Sinnsuche nach einem der üblichen Videofilme lugt, wird auch nicht schlauer, weil dort außer dem Gaul Grane wenig zu erkennen ist.

Es gibt komische Momente an diesem Abend, etwa Siegfrieds Versuche, durch Blechdosenmusik mit dem Waldvögelein zu kommunizieren. Und viele beliebige Assoziationsangebote. Ach ja, und was ist mit dem Leitmotiv Öl? Eine Spur im Gesicht des Bären/Handlangers und eine Reklame für die DDR-Tankstellen Minol, das muss diesmal reichen.

Am Ende gibt es noch einmal Castorfsches Volksbühnen-Kasperltheater. Postmeister Siegfried und seine Postmeisterin Brünnhilde haben sich doch gefunden und reden und singen. Da marschieren zwei große Krokodile auf und kopulieren. Das eine lässt sich von Siegfried füttern, das andere verfuttert das Waldvögelein. Aber wenn Siegfried und Brünnhilde unter gegenseitigem Jubel abziehen, zieht der Held im Vorbeigehen dem Krokodil das Vögelein aus dem Schlund. Der Vogel lebt!

Am Ende liefen sich etliche Buhrufer schon für den heutigen Abend warm, an dem sich Castorf wohl erstmals vor dem Vorhang zeigen wird. Jubel für die Sänger, Ovationen für Kirill Petrenko.

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