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"Leibniz ist in unserer Zeit gerade richtig"

Interview mit Wenchao Li "Leibniz ist in unserer Zeit gerade richtig"

In Hannover ist der größte Leibniz-Kongress gestartet, den es je gab. Organisator ist der Inhaber der Leibniz-Professur an der Leibniz Universität, Wenchao Li. Im Interview spricht er über Chaos, Glück und zeitlose Fragen.

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Professor Wenchao Li hat den Leibniz-Kongress organisiert.

Quelle: Rainer Dröse

Prof. Li, der von Ihnen organisierte Leibniz-Kongress, der kommende Woche beginnt, ist der wissenschaftliche Höhepunkt des Leibniz-Jahres ...
... und es ist der weltweit größte Leibniz-Kongress, den es je gab. Wir haben 440 Anmeldungen von Wissenschaftlern aus aller Welt. Im Hauptgebäude der Universität gibt es kaum genug Sitzungsräume für die vielen Veranstaltungen.

Allein das gedruckte Programm des Kongresses ist so dick wie bei gewöhnlichen Tagungen die kompletten Aufsatzbände ...
Beim ersten Leibniz-Kongress 1966 gab es fünf dünne Bände mit insgesamt gerade 1370 Seiten. Diesmal werden bereits vor dem Kongress fünf Bände zu je etwa 700 Seiten geliefert, und danach kommt mindestens ein weiterer Wälzer hinzu. Es ist schon faszinierend: Die Teilnehmer kommen aus 32 Ländern; aus Afrika und Indien, aus Costa Rica und aus Nepal – und jeder von ihnen kann mit Leibniz etwas anfangen. Oft sagt man, Leibniz sei seiner Zeit weit voraus gewesen. Vielleicht ist er in unserer Zeit gerade richtig!

Was hat Leibniz uns denn noch zu sagen?
Ein Thema, das ihm wichtig war, ist das Verhältnis von Macht und Weisheit. Macht braucht Weisheit, sagt Leibniz, sonst wird sie zu Willkür. Dabei darf der Mächtige nicht selbst definieren, was gerecht ist – ein zeitloser Gedanke. Japanische Kollegen beschäftigen sich beim Kongress mit der Frage, wie beispielsweise die Fukushima-Katastrophe zu Leibniz’ These passt, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben. Und in der Rechtsphilosophie unterscheidet Leibniz zwischen Recht und Gesetz – ein Unterschied, der bei Juristen in Europa in den vergangenen 100 Jahren leider etwas in Vergessenheit geraten ist.

Der Kongress steht unter dem Motto „Für unser Glück oder das Glück anderer“ ...
Es geht auf eine Leibniz-Schrift von 1678 zurück. Ein zentraler Gedanke bei Leibniz: Wir können nur glücklich sein, wenn unsere Mitmenschen glücklich sind. Er sagt, dass man das eigene Glück finden kann, indem man am Allgemeinwohl arbeitet.

Ist Glück überhaupt eine Kategorie, mit der Wissenschaftler etwas anfangen können?
Es gibt schon eine philosophische Tradition, nach der Glück das Ziel des Lebens ist; also das, wonach der Mensch sucht. Es wäre falsch, Glück allein aufs Besitzen zu reduzieren. Vor einiger Zeit war ich in dem einfachen Dorf in China zu Besuch, in dem ich aufgewachsen bin. Meine Spielkameraden von einst blickten auf den Gelben Fluss hinaus und fragten mich: „Ist Deutschland auch so schön?“. So zu leben ist Glück – doch eine allgemeingültige Antwort, was Glück ist, kann es wohl nicht geben.

Haben Forscher seit dem letzten Leibniz-Kongress vor fünf Jahren überhaupt noch etwas Neues zu Leibniz herausgefunden?
Sicher! Zum Prioritätsstreit zwischen Leibniz und Newton um die Frage, wer die Infinitesimalrechnung erfunden hat, gibt es jetzt klare Belege: Beide haben die Erfindung unabhängig voneinander gemacht – der Streit wäre eigentlich unnötig gewesen. Auch die Gründung der Berliner Akademie im Jahr 1700 ist inzwischen besser erforscht worden. Im Zusammenspiel mit anderen Akteuren erwies sich Leibniz dabei als ausgesprochener Teamplayer.

Dabei gilt er doch eigentlich als schrulliger, chaotischer Gelehrter, der sich mit seinen zahllosen Projekten ständig verzettelte.
Das stimmt aber nicht. Es ist nur so, dass er uns im Gegensatz zu vielen anderen Gelehrten nicht nur seine publizierten Schriften hinterlassen hat, sondern auch einen umfangreichen Nachlass, den wir als moderne Menschen nicht sofort durchdringen. Bislang ist nicht einmal die Hälfte seiner Schriften ediert. Die Edition seiner Schriften zu Sprache und Geschichte hat noch gar nicht begonnen. Da warten noch viele Überraschungen auf uns. Auch kommende Kongresse werden noch viel Stoff haben.

Sie selbst werden dann womöglich nicht mehr federführend dabei sein, Ihre Leibniz-Professur läuft voraussichtlich aus.
Die Professur, die von Land, Uni und Stadt finanziert wird, ist bis Juni 2017 befristet, sodass ich mich noch um die Dokumentation des Leibniz-Jahres kümmern kann. Ich hoffe jedoch, dass Leibniz auch danach in der Stadt präsent bleiben wird!

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