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"Leinen los!": Herbstausstellung der „Niedersachsen Biennale“

Installation "Leinen los!": Herbstausstellung der „Niedersachsen Biennale“

Bereits zum 85. Mal eröffnet der altehrwürdige hannoversche Kunstverein seine Herbstausstellung – die wichtigste Schau der heimischen Kunstszene. Seit den ersten Ausstellungen, die ihre Inspiration wohl vom legendären „Salon de Paris“ erfahren haben, hat die Kunst ihr Aussehen radikal gewandelt.

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Glasgebirge: Hügel aus zwei Tonnen zerschmetterter Champagnerflaschen der Künstlerin Alicja Kwade im Kunstverein Hannover.

Quelle: Nico Herzog

Hätten die Herbstausstellungsbesucher von anno dazumal die Möglichkeit, heute an den Kunstwerken vorbeizuflanieren, wüssten sie womöglich nicht so recht, ob diese überhaupt vom Planeten Erde stammen.

Nicht nur Videoarbeiten und technische Spielereien wie Laserprojektionen könnten Staunen und Verblüffung auslösen, sondern auch skulpturenähnliche Aufschichtungen von Billigmaterialien, unfertig aussehende Malerei oder kryptische „Installationen“. Wir Heutigen sind freilich abgeklärt. Gerade die krude, flüchtige Ästhetik hat man in den vergangenen Jahren häufig gesehen – und meist weit weniger geistreich als bei Thomas Hirschhorn. Das Prinzip hat sich abgenutzt. Es ist ein bisschen wie mit den Blumenstillleben oder Historien­panoramen vergangener Epochen: Irgendwann sind Schemen durchgespielt.

Die niedersächsische und Bremer Kunstszene aber ist reichhaltig, bietet neben akademisch Glattgebürstetem und Repetitivem auch Überraschungen und Glanzpunkte. In der diesjährigen Herbstausstellung mit dem Titel „Leinen los!“ sind 68 Künstler mit 101 Werken an fünf Orten präsent. Die „Niedersachsen Biennale“, wie der Kunstsalon auch manchmal genannt wird, findet im Kunstverein Hannover, der Nord/LB art gallery, dem Kubus und erstmals auch in der Zufallsgalerie und im Kunstverein Langenhagen statt.

Ein ganz eigener Zauber wohnt einer ungewöhnlich präsentierten Filmarbeit der 1980 geborenen Künstlerin Franziska Carolina Metzger inne, die an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig Meisterschülerin bei Thomas Virnich war. In einer dunkel gebeizten Märchenhütte entführt die Künstlerin in ein magisches Dickicht aus Bildern und Stimmen, Komplexität und Klarheit, Lichtungen und Abgründen in alpiner Kulisse. Sie schafft mit ihrer auf lustvolle Weise bodenlosen Arbeit einen ganz eigenen hypnotischen Kunstraum.

Der Kochkünstler und Rezeptarchäologe Dieter Froelich hat eine Vorliebe für „Gemengsel und Gehexel“ wie Würste, Pasteten, Eingemachtes. Er hat eine wundersam verschrobene Küche in den Kunstverein gestellt. Da lagert in Regalen Butterschmalz und Weizenschnaps. Auf Wandtafeln werden Zusammenhänge aufgezeigt, etwa zwischen Tier und Opfer. Die froelichsche Kochkunst ist eine ganz eigenwillige Spielart der Eat Art. Während des Herbstsalons wird der hannoversche Künstler zweimal Speise-„Archetypen“ vor Publikum zubereiten und servieren.

Witz und eine starke skulpturale Qualität verbinden sich in einem knapp zwei Tonnen schweren, grünlichen Hügel. Er besteht aus 1000 pulverisierten Champagnerflaschen, die die Künstlerin Alicja Kwade, die kürzlich eine Einzelpräsentation in der Kestnergesellschaft hatte, zermahlen ließ. Von großer Zartheit und Einprägsamkeit sind die Zeichnungen von Fränze Hoppe und Julia Schmid. Andreas Eschment lässt in einer Radierung den Nachbau des Braunschweiger Schlosses in Flammen aufgehen: „Der Brand des großen Kaufhauses zu Braunschweig am 13. März 2017“ steht unter dem Beitrag zur Schlösserdebatte.

Von Thomas Dillmanns anämischer Landschaftsmalerei geht eine starke Sogkraft aus. Dennis Feser baut sich in seiner suggestiven Körperkunst vor laufender Kamera aus Hygieneartikeln Prothesen zwischen Körpererweiterung und Selbstbehinderung. Das ungemein schöpferische Künstlerpaar Lotte Lindner und Till Steinbrenner hat für den Kunstverein Langenhagen eine Fotografie maßgeschneidert, die den langgezogenen Ausstellungsraum auf verblüffende Weise ins Unendliche spiegelt, während der „Made in Germany“-Künstler ­Michael Beutler einen 22 Meter langen Flickenteppich für den Kunstverein gewebt hat.

Eine der wenigen politischen Arbeiten steuert Christoph Faulhaber bei. Er hat sich als selbsternannter „Mister Security“ Botschaften und anderen abgeschirmten Einrichtungen zu nähern versucht und sich sogar mit dem US-Geheimdienst FBI Ärger eingehandelt. Seine Arbeit besteht aus der Dokumentation der kafkaesken Erlebnisse.

Der Filmkünstler Christoph Girardet, er ist Träger des bei der Herbstausstellung vergebenen Kunstpreises der Sparkasse 2010, hat in seiner großartigen filmanalytischen Arbeit „Silberwald“ rund 70 Heimatfilme mit röhrenden Hirschen und schmusenden Paaren so lange verdichtet, bis hinter der Dramaturgie ein emotionales Grundmuster sichtbar wurde: Es geht im Kern um das Urmenschenpaar in paradiesischer Natur. Wie der Hollywoodfilm ist auch der deutsche Heimatfilm der Nachkriegszeit letztlich eine Maschine zur Produktion von Paaren.

Selbstverständlich fehlt auch Altmeister Timm Ulrichs nicht bei der 85. Herbstausstellung. Er ist seit Mitte der sechziger Jahre ohne Unterbrechung vertreten gewesen – und stolz, Platzhirsch zu sein.

Herbstausstellung in verschiedenen Orten Hannovers und in Langenhagen, bis 15. August, Katalog 15 Euro. Informationen im Internet unter www.kunstverein-hannover.de oder Telefon (05 11) 16 99 27 80.

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