Volltextsuche über das Angebot:

20°/ 15° Regenschauer

Navigation:
Fluchtgeschichten stehen im Zentrum

Leipziger Buchmesse Fluchtgeschichten stehen im Zentrum

Demo gegen Assad statt Abitur: Fluchtgeschichten stehen in diesem Jahr im Zentrum der Leipziger Buchmesse, die gestern eröffnet wurde. Außerdem zeigt sich, wie sehr Lesehappenings Trend sind und wie Technologien und Social Media die Buchbranche beeinflussen.

Voriger Artikel
Kochen mit Künstlern
Nächster Artikel
„Ich habe gefluchtet“

Bücher sind groß, aber wer hat schon Zeit, nur die wichtigsten zu lesen? Besucher eilen auf der Leipziger Buchmesse an einer Wand vorüber, die mit Buchrücken bedruckt ist.

Quelle: Hendrik Schmidt/dpa

Leipzig. in tätowierter Matrose, eine 80-Jährige mit einer warmen Stimme, ein pickliger Teenager und eine Mitarbeiterin der Weltbank: Sie alle haben ein Buch von Charles Dickens in der Hand, lesen reihum daraus vor. Sie teilen ihre spontanen Eindrücke, beim Vorlesen werden ihre Stimmen Teil des Kunstwerks. So beschrieben die Gründer der Berliner Agentur Böhm & Sommerfeld gestern Morgen bei der Leipziger Buchmesse ihre Erfahrungen mit dem Prinzip des „Shared Reading“.

Sie wollen das „geteilte Lesen“ nach Deutschland bringen. Vorbild ist die Liverpooler Organisation The Reader, deren mehr als 100 Mitarbeiter Lesehappenings in Schulen, Altenheimen, Gefängnissen und Unternehmen organisieren. Die Gründerin Jane Davis erzählt in Leipzig von einem Gefängnisinsassen, der sich mit Rilkes Panther identifizierte, und von einem Afghanistan-Veteranen, aus dem es mitten in der Lektüre von „Im Westen nichts Neues“ plötzlich herausbrach: „Diese Angst. Dieser Soldat, das bin ich.“

Lesebrillen in „Neuland“? Zwei Besucher erleben das 360-Grad-Gedicht „Lockruf“ von Micha Hamel .

Lesebrillen in „Neuland“? Zwei Besucher erleben das 360-Grad-Gedicht „Lockruf“ von Micha Hamel.

Quelle: Jan Woitas/dpa

Die gemeinsame Lektüre als verbindende Kraft – welch schöne Botschaft zum Auftakt der Leipziger Buchmesse, die vor allem ein großes Lesefest ist. Bis Sonntag werden an 410 Leseorten 3000 Autoren und rund 250.000 Besucher erwartet. Zum 25. Geburtstag von „Leipzig liest“ dokumentieren Schriftsteller und Leser unter dem Twitter-Stichwort #25 ihr persönliches Lektüreerlebnis: vom Roman auf dem Nachttisch bis zum Flashmob auf dem Leipziger Marktplatz.
Im Zentrum der Messe steht die Debatte um Zuwanderung. 60 Lesungen und Diskussionsrunden widmen sich diesem Thema. Der Hueber-Verlag bringt in einem Crashkurs Ehrenamtlichen bei, wie sie Asylsuchenden die deutsche Sprache vermitteln können, an Hörstationen in der Glashalle erzählen Flüchtlinge aus Leipzig ihre Geschichte. So wie der 20-jährige Aladdin. In Syrien ist der Sohn eines Professors mit Stromstößen gefoltert worden, seit sechs Monaten lebt er in Leipzig und organisiert mit seinen Freunden deutsch-arabische Partys. In fast akzentfreiem Deutsch berichtet er, wie er lieber auf Demonstrationen gegen Assad gegangen ist, statt für das Abitur zu lernen: „Meine Eltern wollten mich abhalten. Aber ich habe gesagt: Das Abitur kann ich auch nächstes Jahr machen. Freiheit brauche ich jetzt.“ Aladdin will in Deutschland studieren, aber irgendwann wieder in seine Heimat zurückkehren. „Die meisten Syrier sind zu arm, um sich die Reise zu leisten. Das fühlt sich falsch an: Ich bin hier in Freiheit. Und sie nicht.“

Die aktuelle Politik kommentiert der frisch gekürte Träger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung, Heinrich August Winkler, im ARD-Forum. Der Historiker sagt: „Wenn wir die Sicherung der europäischen Außengrenzen anstreben, und das sollten wir, kommen wir um Gespräche mit sehr schwierigen Partnern wie der Türkei nicht herum.“ Seit dem Beginn der EU-Beitrittsverhandlungen sei in dem Land ein Abbau von Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit zu verzeichnen, deshalb solle Deutschland nicht den Eindruck vermitteln, dass die Türkei bald in die Europäische Union aufgenommen werde.

Auf die Rückwand des Forums „Traduki“ in Halle 4, das sich mit Flucht, Migration und Heimat beschäftigt, ist das Bild eines nackten Fußes gezeichnet, der im Gehen eine Wurzel aus dem Boden reißt. Sie bleibt am Fuß hängen und wird mitgenommen an den neuen Ort. Die rumänische Autorin Marina Vujcic stellt hier den Roman „Und dann fing Bozo wieder von vorne an“ vor, der von solch einer Wurzelverpflanzung erzählt, von einem Mann, der seine Frau und sein Leben in Split zurücklässt.

Fluchtgeschichten gibt es viele auf der Messe: Michael Köhlmeier stellt in Leipzig den Roman „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ vor. Christoph Hein, der Grand Seigneur der ostdeutschen Literatur, sagt in der Autorenarena der „Leipziger Volkszeitung“, Fremdenhass sei kein sächsisches Phänomen, auch wenn die Berichterstattung über Pegida das manchmal suggeriere. „Es gehört – leider – zur menschlichen Natur, sich im Rudel zusammenzurotten und nach außen abzugrenzen.“ Heins aktueller Roman „Glückskind mit Vater“ handelt von einer anderen Art von Flucht, der Flucht vor dem Vater.

Der vielleicht am kontroversesten diskutierte Roman der Saison stammt von Karen Duve. In „Macht“ entwirft sie eine apokalyptische Zukunft: Der Planet ist zerstört, Frauen regieren das Land, und der Protagonist hält seine Ex-Frau als Sexsklavin im Keller gefangen. Auf der Messe erzählt Duve, sie sei von Entführungsfällen wie Natascha Kampusch inspiriert worden. „Der Science-Fiction-Überbau kam erst durch die Frage: Was hat die Sache Kampusch mit uns allen zu tun? Ich wollte keinen Psychopathen zeigen, sondern jemanden, der im Angesicht des Weltuntergangs durchdreht.“

Mit der ersten Bloggerkonferenz möchte die Messe die Schreiber und Leser der digitalen Welt noch stärker einbinden. Erstmals eröffnet auch das Startup-Village „Neuland“. Dieser Titel spielt auf eine Zeit an, als die Bundeskanzlerin Angela Merkel noch vor allem wegen ihrer unglücklichen Sprachwahl in Bezug auf das Internet in der Kritik stand. Die Messe führt mit ihren Fluchtgeschichten eindrücklich vor Augen, dass wir heute in einer anderen Ära leben. Und sie zeigt, dass geteiltes Lesen und Leben bereichernd sein kann.

Von Nina May

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Ken Loach triumphiert in Cannes

Der britische Regisseur Ken Loach gewinnt die goldene Palme für sein Sozialdrama "I, Daniel Blake" bei den Filmfestspielen in Cannes.