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Leonard Cohen in der TUI Arena in Hannover

Der tiefere Sinn Leonard Cohen in der TUI Arena in Hannover

Etwas Warmes braucht der Mensch: Leonard Cohen ist am Montagabend in der TUI Arena in Hannover aufgetreten.

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Leonard Cohen am Montagabend in der TUI Arena.

Quelle: Martin Steiner

Die äußeren Umstände – perfekt. Draußen ist genau das Wetter, um drinnen Leonard Cohen zu hören. Von der CD oder am besten von der alten LP inklusive eingebautem Kaminfeuerknacken, mit weichen Kissen auf dem Sofa, mit Tropfkerze, Regen an der Scheibe, Rotwein im Glas und allen anderen Klischees der jüngeren Melancholiegeschichte.

Was nun aber, wenn der alte Mann mit der Kellerstimme höchstpersönlich in der Stadt erscheint? Funktioniert das große Kuscheln auch im Kollektiv? Zu wärmen gibt es genug. Rund 5500 Menschen haben sich durch das Novemberwetter in die TUI Arena aufgemacht, eine Mehrzweckhalle mit kühler Architektur, unter deren Bodenplatten sich bezeichnenderweise das ewige Eis für die Punktspiele der Hannover Scorpions befindet. Der Bühnenhintergrund ist mit einem warm angeleuchteten Vorhang so gemütlich gestaltet, wie es hier eben geht, die Restwärme müssen an diesem Abend die Musik und die Poesie erzeugen. Der Hauptverantwortliche für Letzteres erscheint kurz nach 20 Uhr, er trägt Anzug und einen tief ins Gesicht gezogenen Hut, ein Outfit, das nur für ihn erfunden worden zu sein scheint. Er ist der Prototyp des geheimnisvollen Fremden in jedem Schattenfilm der fünfziger Jahre.

Erstmals ertönt seine unglaubliche Stimme, die Geheimnis und Geborgenheit birgt, Weisheit und Würde, und die das Publikum nun mehrere Stunden wie eine Flauschdecke einhüllen wird. „Dance me to the End of Love“ ist ein 25 Jahre altes Stück, das in seinen flehenden Zeilen wie ein Liebeslied daher kommt, aber vom Holocaust handelt, von Musikern, die in den Vernichtungslagern der Nazis zum Spielen gezwungen wurden, während ihre Mitgefangenen ermordet wurden. Doch dieser Abend soll nicht von düsterer Lyrik bestimmt sein, es ist ein so gemächliches wie stimmungsvolles Fest, das der seit vergangener Woche 76-Jährige mit den Menschen feiern will. Viel redet er nicht mit dem Publikum, doch er sagt: „Ich weiß nicht, wann wir hier mal wieder vorbei kommen, aber ich verspreche euch, wir werden euch heute alles geben, was wir haben.“

Leonard Cohen ist am Montagabend in der TUI Arena in Hannover aufgetreten.

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Er geht beim Singen immer wieder auf die Knie, und er verbeugt sich fast demütig für den Applaus, er bedankt sich für die Dankbarkeit, die in dem Jubel seiner Zuhörer mitschwingt. Dann erhebt er wieder die Stimme, wobei erheben für diesen Brummbass wahrlich kein gutes Wort ist. Er scheint noch tiefer geworden zu sein, wenn Cohen so weiter macht, ist er mit 80 der erste Mensch, der sich über große Entfernungen mit Elefanten unterhalten kann. Mit „Bird on a Wire“, „Ain’t no Cure for Love“, dem nach den ersten Tönen freudig mit Applaus begrüßten „Chelsea Hotel No. 2“ oder auch dem neueren „Born in Chains“ streift er durch seine gut 40-jährige Musikerkarriere, erzählt seine bittersüßen Geschichten, zelebriert oft mehr beschwörend als singend seine Dichtkunst, Sätze, die für Fans seit den siebziger Jahren in Stein gemeißelt sind: Mit den Zeilen „There’s a Crack in everything, that’s how the Light get’s in“ läutet er „Anthem“ ein, dann gibt es auch in der Halle nach anderthalb Stunden einen Bruch, und das Licht geht an. Nicht, weil Schluss ist. Sondern Pause.

Cohen hat eine große und großartige Band. Unaufgeregte Typen, die ihr Handwerk beherrschen und das in den luftig und wunderbar entspannt, aber immer mit pfiffigen details gespickten arrangierten Songs auch in ausgiebigen Soloeinlagen zeigen dürfen. Allen voran der spanische Gitarrist Javier Mas. Er liefert auf diversen Gitarren elegant fließende Tonfolgen. Dino Soldo flicht auf dem Saxofon butterweiche Läufe in die Songs. Und die beiden Sängerinnen, die Schwestern Hattie und Charley Webb, bringen den Bandsound vollends zum Schweben. Aber keine Angst: Der Herr mit Hut am Mikrofon erdet die Sache dann schon wieder.

Dass die 5500 Menschen im Saal auf der Nostalgiewolke dahinschwelgen, kann er indes nicht verhindern, er forciert das nach der Pause sogar noch: Zu „Suzanne“ und „So long Marianne“, die den kanadischen Newcomer 1967 zu einem der einflussreichsten und stilprägendsten Vertreter der noch jungen Singer/Songwriterszene machten, hat wohl jeder im Saal ein Bild, ein Erlebnis, eine Stimmung oder sonst irgendeine Erinnerung im Kopf. Dazu „I’m your Man“, „Tower of Song“, „The Partizan“ und der so oft interpretierte Walzer „Hallelujah“. Und dann, nach so vielen Geschichten, nach so vielen kleinen Erleuchtungen in den dunklen Ecken des Lebens, nach einigen Zugaben und langem Jubel, geht’s nicht weit von der Mitternachtsstunde entfernt wieder zurück in die hannoversche Wirklichkeit. Draußen ist Novemberwetter. Aber das ist schon okay.

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