Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 8 ° Regen

Navigation:
Sebastian Krumbiegel beweist Glaubwürdigkeit

Lesung bei Hugendubel Sebastian Krumbiegel beweist Glaubwürdigkeit

"Prinzen"-Sänger Sebastian Krumbiegel hat in der Buchhandlung Hugendubel sein Buch "Courage zeigen" vorgestellt – und dabei nicht nur Episoden seiner musikalischen Anfangszeit, der Wende, der Besonderheiten des Ostens und den neuen Rechten vorgelesen. Seine Direktheit bekam auch das Publikum zu spüren.

Voriger Artikel
Bei Till Brönner vergeht die Zeit wie im Flug
Nächster Artikel
Fatih Akin im Rennen um die Goldene Palme

Las aus seinem Buch "Courage zeigen" bei Hugendubel: Sebastian Krumbiegel – bekannt als Sänger der "Prinzen".

Quelle: Franson

Der ältere Herr in Sebstian Krumbiegels Publikum bei Hugendubel ist unzufrieden. "Ich dachte, hier ginge es um das Thema Courage", beklagt er sich lautstark. Tatsächlich ist das der Titel des Buches, das Krumbiegel vorstellt: "Courage zeigen - warum ein Leben mit Haltung gut tut". Eine Sammlung von Lebenserinnerungen mit losem rotem Faden sei es, sagt der Popsänger, der mit der Band Die Prinzen bekannt wurde. Und tatsächlich beginnt er den Abend mit den weniger offensichtlichen Geschichten. Vielleicht hätte der Zwischenrufer gerne sofort die nachdenklichen Kommentare gehört, die Krumbiegel später zu seinen Erlebnissen mit den Leipziger Montagsdemonstrationen oder rechtsradikaler Gewalt vorträgt.

Der Autor bleibt jedenfalls ruhig - demonstriert jedoch, dass er sich nicht alles gefallen lässt. "Ich habe hier meinen eigenen Fahrplan", erklärt er. Und fügt hinzu: "Sie können ja so lange rausgehen." Tatsächlich verlässt der Unzufriedene die Lesung - und verpasst die subtileren Zusammenhänge in Krumbiegels Dramaturgie. Dass es zunächst um die eigenen musikalischen Anfänge in der DDR und den späteren gesamtdeutschen Erfolg der Prinzen geht, zeigt zum einen, dass Krumbiegel sich nicht als Helden oder Revolutionär überhöhen möchte. Dass er jedoch seiner Haltung als mündiger, engagierter Bürger hohen Wert beimisst. Zum anderen wird deutlich, dass die Bewertung politischer Widerständigkeit eine Frage des Systems ist, aus dem heraus jemand schaut. "Das DDR-Publikum hatte ganz feine Antennen," erzählt Krumbiegel, "die Politik fand zwischen den Zeilen statt."

Das erklärt auch, warum ausgerechnet Udo Lindenberg bis heute nicht nur sein großer Held geblieben ist. Mit dessen beiläufig unterhaltsamer Art, die Dinge beim Namen zu nennen, traf er den Nerv eines Publikums, das auf jedes Wort achtete. Krumbiegel singt als Beispiel Lindenbergs "Rock'n'Roll Arena in Jena" und ergänzt: "Im Osten hat jeder gedacht, der singt das nur für ihn." Der Blick aus dem Westen wiederum musste sich erst langsam schärfen. Als Annette Humpe nach der Wende auf Die Prinzen aufmerksam wurde und nach Leipzig kam, weil sie wissen wollte, "wie ihr da drüben so tickt", hatte sie auf die Demo-Kassette nur ein Wort notiert: "Ost-Band". In Krumbiegels Geschichten über die friedliche Revolution in Leipzig geht es schließlich um kollektive Courage und um die Bereitschaft, sich trotz unabsehbarer Konsequenzen zu bekennen. Er sei 1989 "politisch angeknipst" worden, bekennt der Musiker.

Seither nimmt er sich mit seiner Meinung nicht zurück, eckt notfalls auch mit Bekenntnissen oder Kommentaren an - gerade in seiner Heimat Sachsen, wo er inzwischen auch als Nestbeschmutzer beschimpft wird. Mit dem Lied "Mein rechter, rechter Platz" demonstriert er, worum es dabei oft geht: um seine offene Kritik an der neuen Salonfähigkeit von Faschisten. Er ist sich aber sicher: "Wir müssen uns selbst um die Welt kümmern, in der wir leben wollen." Krumbiegel hat damit nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Aber trotz seiner Zweifel ist er nahbar geblieben. Als er mit seiner Zugabe eine ältere Dame überrumpelt, die gerade dabei ist, den Raum an der Bühne vorbei zu verlassen, hält er sie zurück und bietet ihr seinen Stuhl an: "Nimm nochmal Platz hier." Dann singt er den Lindenberg-Song "Das Leben". Den rauen Charme seines Idols erreicht er dabei nicht. Aber es geht ihm ja um die Sache. Und darin hat er gerade zwei Stunden lang Glaubwürdigkeit bewiesen.

Von Thomas Kaestle

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Marius Müller-Westernhagen in der Tui-Arena

Marius Müller-Westernhagen spielt vor 10.000 Menschen in der ausverkauften Tui-Arena.