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Zu viel Theater von Katja Riemann

Lesung im Pavillon Zu viel Theater von Katja Riemann

Katja Riemann und Jazzgitarrist Arne Jansen haben ein gemeinsames Projekt: "Winter. Ein Roadmovie". Darin bringen sie Heines "Deutschland, ein Wintermärchen" und Schuberts "Winterreise" zusammen. Warum die Lesung dazu im Pavillon doch zu viel Theater war.

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Dick aufgetragen: Katja Riemann und Arne Jansen.Foto: Schaarschmidt

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Die Idee ist so naheliegend wie vielversprechend. Nur knapp 30 Jahre liegen zwischen Heinrich Heines Gedicht „Deutschland, ein Wintermärchen“ und Franz Schuberts Liederzyklus „Winterreise“. Zweimal Winter, zweimal Reise. Zwei kritische, freie Geister, die heute oft genug außerhalb ihrer politischen Zusammenhänge betrachtet werden. Sie müssten sich doch endlich einmal auf einer Bühne begegnen, mit ihren jeweiligen Perspektiven auf Heimat, Patriotismus, Sehnsucht und Verbundenheit.

„Warum das noch keiner gemacht hat, weiß ich jetzt nicht genau“, schreibt Katja Riemann über ihr Projekt „Winter. Ein Roadmovie“. Sie entwickelte es gemeinsam mit dem Jazzgitarristen Arne Jansen im Jahr 2012 für die Ruhrfestspiele. Nun gastierten beide damit im gut besuchten Pavillon.

Katja Riemann will zu viel gleichzeitig

Das Problem in der Umsetzung liegt nicht darin, dass Katja Riemann viel mehr Schauspielerin ist als Sängerin. Sie zeigt ausreichend Musikalität und Einfühlungsvermögen, auch als Musikerin an einem halben Dutzend Instrumenten, von der Melodica über Xylofon und Blockflöte bis zum Harmonium. Zudem sorgt Arne Jansen an der Gitarre für Ruhe und Konstanz. Er erdet den Abend mit warmen, präzisen Klängen. Die Arrangements sind mutig und konsequent zeitgenössisch. Schubert erscheint nicht als Widerspruch zu Chanson, Sprechgesang, Jazz oder gar Rock. Das Problem liegt vielmehr darin, dass Katja Riemann zu viel gleichzeitig will.

Katja Riemann und Jazzgitarrist Arne Jansen haben im Pavillon Hannover eine Lesung zu ihrem Projekt "Winter. Ein Roadmovie" vorgetragen - und dabei Heinrich Heine und Franz Schubert in Zusammenhang gebracht. 

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Da ist zu viel Theater, sind zu viele Haltungen, Stimmen, Stimmungen, Posen und Brüche. Riemann rezitiert Heine und Schubert (beziehungsweise Wilhelm Müller, dessen Texte dieser vertonte) mal als kehlige Revoluzzerin, mal als Mutter Courage, mal als kleine Kokette. Sie brüllt, lispelt, lallt, fällt von einem Dialekt in den anderen. Sicherlich: Heinrich Heine hat das „Wintermärchen“ als Satire verfasst, mit teils wunderbarem Sprachwitz und böser Komik. Doch in Riemanns dick aufgetragener Interpretation haben seine Worte oft keine Chance. Sie gehen unter in einer zu lauten Personality-Show.

Entharmlosung täte den Worten gute

Das ist umso bedauerlicher, da diesen Worten ihre Entharmlosung sehr gut täte. So leicht es fällt, Versatzstücke aus „Winterreise“ und „Wintermärchen“ wiederzuerkennen, so schwierig scheint es, diese in ihren ursprünglich ernsthaften Zusammenhängen wahrzunehmen. Zu rekonstruieren, welche Ansichten über Deutschland Heine ins Exil trieben, während seine Texte in der Heimat verboten wurden. Und welche Schubert zwangen, Razzien zu entkommen und sich Müllers Texte illegal zu besorgen. Katja Riemann setzt eher auf assoziative Bezüge zum heutigen Erleben. Bei Sätzen wie diesen liegen sie nahe: „Fatal ist mir das Lumpenpack, das, um die Herzen zu rühren, den Patriotismus trägt zur Schau mit allen seinen Geschwüren.“

Von Thomas Kaestle

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