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Liao Yiwu über das Grauen chinesischer Gefängnisse

Buch zum Peking-Massaker Liao Yiwu über das Grauen chinesischer Gefängnisse

Liao Yiwus ergreifender Bericht über das Grauen chinesischer Gefängnisse ist am Donnerstag in Deutschland erschienen. Die Veröffentlichung des Buches „Für ein Lied und hundert Lieder“ grenzt an ein kleines Wunder: Die chinesische Polizei hatte mehrmals seine Manuskripte beschlagnahmt. Der Autor flüchtete vor zwei Wochen ins deutsche Exil.

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Liao Yiwu hat für die Veröffentlichung seines Buches viel in Kauf genommen.

Quelle: dpa

Ein Drama dieses Buches ist in einem kleinen Nachsatz nachzulesen: „Erstes Manuskript 10. Oktober 1995 bis 31. Dezember 1997“ heißt es dort. Der Autor verweist an dieser Stelle auch auf ein drittes Manuskript, das in den Jahren 2000 und 2001 entstand, und auf eine sechste Überarbeitung vom Herbst 2009.

Am Donnerstag erscheint in Deutschland, als weltweit erste Übersetzung, Liao Yiwus Buch „Für ein Lied und hundert Lieder“. Dass der, wie es im Untertitel heißt, „Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen“ überhaupt veröffentlicht wird, ist fast schon ein Wunder. Mehrmals war die Wohnung des Autors von der chinesischen Polizei durchsucht worden. Jedes Mal hatten die Beamten alle Manuskripte des Schriftstellers konfisziert, und jedes Mal hat er bald darauf aufs Neue angefangen, seine Erinnerungen an die Haft aufzuschreiben.

Vier Jahre lang, von 1990 bis 1994, saß der Dichter in verschiedenen Gefängnissen. Wenige Stunden vor dem tatsächlichen Massaker am Pekinger Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989 hatte er das Prosagedicht „Massaker“ geschrieben. Es beginnt so: „Das nächste Massaker geschieht in der Zentrale der Utopie / der Präsident ist erkältet und das Volk hustet, der Ausnahmezustand wird verhängt / der zahnlose Staatsapparat drückt auf die Kranken, die Widerstand wagen ...“ Das Gedicht verbreitete sich schnell in China; es machte Liao Yiwu erst berühmt und dann zum Gefangenen.

Im ersten Teil von „Für ein Lied und hundert Lieder“ schildert der Autor, geboren 1958 in der südchinesischen Provinz Sichuan, sein Leben vor dem Massaker. Er schlägt sich als Underground- Dichter und Musiker durch, ist von den Herrschenden zwar angewidert, doch politisch kaum interessiert. „Ehrlich gesagt, bevor ich im Knast gesessen habe, hatte ich im Grunde keine Ahnung von Politik, bis heute habe ich keine nennenswerten reiferen politischen Ansichten. Ich bin ein Individualist, das Vagabundentum steckt mir noch im Blut ...“, schreibt er.

Dieser Individualist durchsteht in den Jahren in Haft Hunderte von Verhören, er erlebt Demütigung und Misshandlung. Detailliert beschreibt Liao Yiwu den Alltag und die jeweiligen Hierarchien in den Zellen, in denen 20, 30 Männer auf engem Raum eingesperrt sind. Eine „ständisch streng gegliederte ­moderne Sklavengesellschaft“ findet er im Untersuchungsgefängnis vor. Dort gibt es das „Handtuch-Gesindel“, das für saubere Tücher für die „Oberen“ sorgen muss, ebenso wie das „Vergnügungs-“ und das „Latrinen-Gesindel“.

Noch genauer gefasst ist die sogenannte Speisekarte der Zelle. Auf der sind 108 Strafaktionen verzeichnet; Nummer 13, „Geschmorte Weichschildkröte“ („Das Gesäß wird mit kochendem Wasser verbrüht“), ist eine der harmloseren Arten, mit der Gefangene ihre Mitinsassen bestrafen.

Liao Yiwus Buch ist harter Lesestoff, doch reiht der Autor nicht Gräueltaten aneinander, sondern erzählt auch von einzelnen Mitgefangenen, von Versuchen, aus dem Gefängnis Kontakt zu Familie und Freunden zu halten. Darüber hinaus macht der Bericht das System des Strafvollzugs deutlich. Wie politische Gefangene durch immer neue Verhöre zu absurden Geständnissen getrieben werden sollen. Wie politische Häftlinge allein dadurch eingeschüchtert werden sollen, dass sie mit mehrfachen Mördern in eine Zelle gesperrt werden. Wie das Wachpersonal die Hierarchien in den Zellen gutheißt und selbst dann wegschaut, wenn Mitgefangene fast zu Tode geprügelt werden.

„Für ein Lied und hundert Lieder“ erinnert an zahlreiche Lagerberichte aus dem 20. Jahrhundert; das Buch ist eine moderne Variante der literarischen Zeugnisse über stalinistische Gulags und deutsche Lager. Liao Yiwu selbst bezieht sich in seinem Text mehrmals auf Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“.

Stilistisch hat Liao Yiwus Bericht durchaus Schwächen. Das Buch ist etwas weitschweifig geraten, es gibt zahlreiche Wiederholungen, der Wechsel zwischen beschreibenden und reflektierenden Passagen fällt mitunter sehr abrupt aus. Dass der Leser manchmal nicht mehr auseinanderhalten kann, in welcher Zelle sich der Autor gerade befindet und mit welchem Mitgefangenen er im Streit liegt oder sich versöhnt, passt indes zur Erfahrung des Autors: Die Jahre in Haft, die bei aller Gewalttätigkeit auch ungeheuer monoton sind, verschwimmen in der Rückschau manchmal selbst für ihn.

Für dieses Buch, dessen Veröffentlichung die chinesische Regierung mit allen Mitteln zu verhindern versucht hat, hat Liao Yiwu viel in Kauf genommen – auch die Ausreise aus seiner Heimat, wo alle seine Bücher verboten sind. Erst jetzt, da er selbst im Ausland ist, kann sein Zeugenbericht immerhin außerhalb Chinas erscheinen. Am 17. August will er, wie berichtet, „Für ein Lied und hundert Lieder“ beim Internationalen Literaturfestival in Berlin vorstellen. Im September wird er in die USA und nach Australien reisen. Eine englische Übersetzung des Buches, an dem der Autor und nicht etwa ein Verlag die weltweiten Rechte hält, ist laut S. Fischer Verlag in Vorbereitung.

Seit eineinhalb Jahrzehnten ist Liao Yiwu mit dem Buch beziehungsweise der Rekonstruktion der konfiszierten Manuskripte beschäftigt. „Bin ich im Gefängnis, oder bin ich draußen?“, fragt er sich denn auch. Wirklich frei sei er nicht, weil er dem Schatten der Haft nicht entfliehen könne. Und er will es wohl auch nicht, denn er möchte die Erinnerung an jene Zeit bewahren, auch wenn er befürchtet, dass ausländische Leser sich wohl mehr für seine Erfahrungen interessieren als die Chinesen. In China seien die Menschen „so pragmatisch geworden, so einig in ihrer Liebe zum Geld“. Die Erinnerungen an den 4. Juni seien dort verblasst.

Liao Yiwu: „Für ein Lied und hundert Lieder“. Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann. S. Fischer. 585 Seiten, 24,95 Euro.

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