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Libertines veröffentlichen drittes Album

„Anthems For Doomed Youth“ Libertines veröffentlichen drittes Album

Die Libertines legen ihr drittes Album vor – nach mehr als zehn Jahren Pause. Was die Fans zu erwarten haben? Eine Plattenkritik von Lars Grote.

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Neustart der Libertines: Gary Powell, Carl Barat, Pete Doherty, Johnny Borrell (von links).

Man hatte an die neue Platte ja nicht mehr geglaubt, zu viel Gewitter gab es damals bei der Trennung, nach gerade mal zwei Alben. Seither gelten die Libertines als romantische Laune der Rockgeschichte, wahlweise auch als ihre genialische Fußnote. Sie haben eine Epoche geprägt, trotz ihres kurzen Atems und der langen Krankenakte von Pete Doherty, der Drogen wie Grundnahrungsmittel schluckte.

Nun gibt es das neue, dritte Album doch noch, nach elf Jahren Pause. „Anthems For Doomed Youth“ glänzt mit den Grobheiten der frühen Jahre, mit Hymnen, eher aus dem Ärmel geschüttelt als wirklich komponiert - sie riechen nach Dosenbier und lassen die Gitarre an der langen Leine. Vorab zu hören war die Single „Gunga Din“, wie ein Fiebertraum beginnt sie, in weiten Teilen aber ist sie frei von jenen Kanten und den mondsüchtigen Melodien, die den Charme der Libertines begründet haben.

Die komplizierte Freundschaft von Pete Doherty und Carl Barat stand einer berechenbaren Karriere im Weg, die Giftstoffe haben Doherty fast in die Frühverrentung geführt. Die ersten zwei Alben der Libertines, erschienen 2002 und 2004, waren Versprechen, wie sie früher auch der Punk in Aussicht stellte, der die Parameter des Popgeschäfts verschob und mit Pop aufräumen wollte - zugunsten eines waghalsigen Gitarrenspiels, gepaart mit Gesang, der wie ein atem- und gottloses Gebet klang.

Hält sich das neue Album an diese Tradition des sensibel-verhärmten, vor Sex strotzenden Geklimpers? Wenn man „Gunga Din“ abzieht, das für den Libertines-Kosmos zu sauber klingt, und wenn man auch das Auftaktstück „Barbarians“ links liegen lässt, das routiniert das Pathos von The Damned verwaltet, dann hält man ein starkes Album in Händen.

Aufgenommen wurde es in Thailand, wo Doherty gerade eine Entziehungskur abschloss. Barat singt tief und väterlich, Doherty durchweg wund, wie mit geweiteten Augen. Doherty ist das hochbegabte Kind, das immerzu Probleme macht, doch mit seinen verwirrenden Ideen den ganzen Laden unterhält. Barat kümmert sich darum, dass aus den Häppchen, die Doherty serviert, ein Ganzes wird, ein Album mit einem roten Faden. Sorgfältig sind die Temperamente verteilt, denn wo das Stück „You’re My Waterloo“ ein haderndes, herabgedimmtes Stück in Moll ist, ganz in der Tradition von Dohertys Soloalbum „Grace/Wastelands“, geben sie mit „Glasgow Coma Scale Blues“ die Kraftmeier: Bezwingender Refrain mit hingerotzten, angetrunkenen Strophen. Filigran und beseelt auf eine Art, wie man das vor den Libertines kaum kannte.

Die neue Platte ist kein PR-Gag, sondern ein relevantes Album - verschossen ins Unfertige und dennoch dem Anspruch verpflichtet, keinen müden Nachwasch der eigenen Bandgeschichte aufzutischen. Wem gelingt das schon nach mehr als zehn Jahren Pause? Blur! Auch denen ist in diesem Jahr ein Comeback geglückt, selbst wenn zwischen den Libertines und Blur mental mitunter Welten liegen. Wohl darum, weil sie beide britisch sind und hier der Klassenunterschied gefeiert wird: Blur sind die Studierten, gerade mit den späten Songs fühlen sie der Globalisierung und der Marktwirtschaft den Puls. Die Libertines zünden sich lieber in der Raucherecke eine an und schauen der Kellnerin auf den Po.

Von Lars Grote

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