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Kultur Liebe ist Jahresthema der Autostadt
Nachrichten Kultur Liebe ist Jahresthema der Autostadt
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00:19 27.11.2015
Von Ronald Meyer-Arlt
Und draußen in der Autostadt steh’n die Pingus sich die Füße platt: Skandal ...
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Wolfsburg

Im Foyer der Wolfsburger Autostadt liegen Globen unter Glas. Wer den Raum durchquert, schreitet über Welten. So hat sich der Weltkonzern VW früher gern präsentiert. Heute, angesichts der Krise, wirkt dieser Spaziergang ein bisschen überheblich. Zudem hat eine der Panzerglasplatten ein paar Risse bekommen, die Stelle ist abgesperrt. Oje: Hier liegt etwas in Scherben, vielleicht geht hier bald alles zu Bruch - gegen solche Assoziationen kann man kaum etwas tun.

Draußen wird die Eisbahn für das traditionelle „Wintervergnügen“ der Autostadt (vom 27. November bis zum 6. Januar) aufgebaut. Eine Wagenladung Plastikpinguine ist gerade eingetroffen. Wieso muss man jetzt an ein Begräbnis denken? Die Eisfläche ist größer als früher. Sie reicht jetzt fast bis an den Porsche-Pavillon. Wieder so eine ungewollte Symbolik. Eiszeit bei Porsche, Einbruch, Scherben - ist denn hier nichts mehr harmlos? Der VW-Skandal hat die Wahrnehmung verändert: Vieles in der Autostadt wird nun mit Krise, Krise, Krise in Verbindung gebracht. Selbst das, was absolut nichts damit zu tun hat. Sogar der Hinweis auf die „Lesewoche“ an der gigantischen LED-Wand am Parkplatz wirkt befremdlich: In meterhohen Buchstaben wird dort Werbung für „Die kleine Biene Bommel“ gemacht. Die kleine Biene Bommel - ja, haben die denn keine anderen Probleme?

Anscheinend nicht: Im Wintergarten des Ritz-Carlton spricht man über Liebe. Liebe, ja: Liebe. Das soll das „Jahresthema“ der Autostadt 2016 sein. Seit zehn Jahren gibt es jedes Jahr ein Thema, das sich wie ein Schutzdach über alle Veranstaltungen wölbt. Bereits abgehandelt wurden: Verantwortung, Glück, Toleranz und ähnliches. In diesem Jahr war der Frieden dran. Ausgerechnet.

Macho kommt von der Antibabypille zu Dating-Apps

Liebe aber ist größer als all das. Und deshalb soll’s mit der Liebe auch genug sein. Maria Schneider, Kreativdirektorin der Autostadt, kündigte an, dass nach der Liebe nichts mehr kommen werde, die Liebe wird das letzte Kunstmotto gewesen sein.

Und über Liebe wurde jetzt im Ritz-Carlton geredet. Die Autostadt hatte zu einer kleinen Podiumsdiskussion geladen: Maria Schneider, Bernd Kauffmann, der zusammen mit Schneider die Movimentos-Festwochen leitet, und der Philosoph Thomas Macho sprechen über Liebe, Kulturhistoriker Manfred Osten moderiert.

Große Worte, schöne Sätze fallen: „Wir sind hier in der Autostadt. Für uns ist Liebe ein Seinszustand“ sagt Maria Schneider, und ihr Kollege Bernd Kauffmann teilt mit: „Ich habe keinen Hang zu Prostituierten, aber wie Jesus Maria Magdalena die Füße wäscht, das hat mich sehr berührt.“

Der Philosoph Thomas Macho kommt von der Antibabypille auf Vermittlungsdienste im Netz. „Dating-Apps“, sagt er, „versuchen ein vollkommen neues System von Nähe und Ferne herzustellen.“ Personen mit ähnlichen Interessen, Vorlieben und Vorstellungen würden von den Algorithmen der Apps zueinander gebracht. Der Philosoph findet die Annahme interessant, dass Ähnlichkeit eine bessere Chance für die Liebe bedeuten soll als Unähnlichkeit. Jesus und Maria Magdalena jedenfalls würden durch eine Dating-App nicht zueinander finden. Durch ihre Ähnlichkeitsorientierung würden Dating-Apps eher eheänhliche Beziehungen befördern und gerade nicht die allesverbrennende Amour fou.

Aber Ehe? Kauffmann warnt: „Es gibt so viele kaputte Ehen. Da ist doch bald der Lack ab“. Und schon ist man wieder bei der Automarke.

Es ist recht kühl im Wintergarten des Ritz-Carlton. Zwar steht mitten im Raum ein Glaskamin. Aber der ist eher ein Zierobjekt. Nur eine Gasflamme tanzt in ihrem Käfig herum. Immerhin dürften hier die Abgaswerte in Ordnung sein.

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