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Kultur „Lies“ bei den Theaterformen in Braunschweig
Nachrichten Kultur „Lies“ bei den Theaterformen in Braunschweig
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00:19 13.06.2018
Das Spiel ist eröffnet: "Lies" von der belgischen Gruppe Ontroerend Goed. Quelle: Thomas Dhanens
Braunschweig

Das Leben ist ein Spiel. Wo wüsste man das besser als am Theater? Darum war es wohl nur eine Frage der Zeit, dass jemand Spiele auf die Bühne bringt. Beim Festival Theaterformen hat nun die belgische Gruppe Ontroerend Goed im Staatstheater Braunschweig ein nobles Casino eröffnet, in dem die Besucher globale Geldströme in Fluss bringen können. Aufgeteilt an einzelne Spieltische aus Nussholz erwürfeln sie unter der behutsam fordernden Anleitung eines Croupiers die Erträge ihres Kapitals, das aufgestapelt vor ihnen liegt. Statt zuzuschauen wird der Besucher hier zum Akteur, er spekuliert mit Rohstoffe und Finanzprodukten, er handelt mit Optionsscheinen und Staatsanleihen und folgt dabei überwiegend bereitwillig den immer neuen Verlockungen von immer schnelleren und größeren Erträgen.

Natürlich ahnt man bald die Dramaturgie des Abends: Am Ende wird das hier am Spieltisch simulierte Wirtschaftssystem zusammenbrechen. Der Crash soll die Katharsis dieses Theaterabends sein: der reinigende Erkenntnisgewinn, dass das Streben nach leichtem Profit zumindest fragwürdig ist. Tatsächlich kommt es auch so: Einige Spieltische, die hier Staaten darstellen, werden zahlungsunfähig, ihre Papiere und Währungen werden wertlos. Allerdings treibt das nicht alle in den Ruin: Die Krise kennt Profiteure. Kein Grund also, um nicht gleich wieder eine neue Runde zu riskieren.

Das Theaterkollektiv von Ontroerend Goed macht all dies Erwartbare erstaunliche interessant. Gern lässt man sich auf die sinnlichen Reize des Spiels ein, zu dem die Gruppe einlädt. Man freut sich über den goldenen Würfel, den man bekommt, wenn man sein Geschäft expandiert, über die Atmosphäre des Vertrauens und der Bedeutung, die die guten Schauspieler hier als Spielleiter schaffen, über den Nervenkitzel beim Würfelwerfen.

Dass der Abend so durchschaubar erscheint, eröffnet letztlich eine erschreckende Einsicht: Wahrscheinlich ist manches in der hochkomplexen Wirklichkeit nicht weit entfernt von den verstörend einfachen und verlockenden Mechanismen dieses Spiels. Gesprächsthemen gehen den Besuchern jedenfalls auch lange nach Ende der Vorstellung nicht aus.

Neben einer so ungewöhnlichen und aufwendigen Form des Theaters wirken die ruhigen Erzählungen des Kenianers Ogutu Muraya zunächst unspektakulär. In „Because I always Feel like Running“ erzählt er beim Festival begleitet von sparsamsten Bühnenaktionen vom politischen und sozialen Kontext einiger großer Rennen, die westafrikanische Langstreckenläufer absolviert haben. Ein erhellend unaufgeregter, anregender Theaterabend.

Das Festival Theaterformen findet in diesem Jahr in Braunschweig statt und dauert noch bis zum 17. Juni.

Von Stefan Arndt

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