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00:15 04.09.2017
Von Ronald Meyer-Arlt
Abgefahrene Geschichten? Autorin Katja Brunner beschreibt das Treiben auf dem Bahnsteig. Foto: Heidrich Quelle: Clemens Heidrich
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Hannover

Plötzlich erkennt der Mann mit der Mütze und dem „fast orangefarbenen“ T-Shirt, dass er Teil eines Kunstwerks ist. Er ist im Fernsehen. Jedenfalls fast. Er hat sich auf einem der Bildschirme des Fahrgastfernsehens der Üstra am Bahnsteig unten in der Kröpcke-Station wiederentdeckt. Der Autor Jakob Nolte (dessen neuer Roman „Schreckliche Gewalten“ es auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis geschafft hat) hat über den jungen Mann im „fast orangefarbenen T-Shirt“ geschrieben, und weil Nolte an diesem Abend ein Echtzeitschreiber ist, hat sich der Mann im „fast orangefarbenen T-Shirt“ gleich entdeckt. Er zeigt auf den Bildschirm und lacht.

Andere Wartende lachen auch. Jemand ist Kunst geworden. Jeder könnte hier Kunst werden. Das hat etwas Erhebendes. Und etwas Komisches. Man weiß nicht so genau. Ein Lächeln fliegt über den Bahnsteig.

Die drei Tage währende Poetisierung der Haltestelle ist Teil der Ausstellung „Made in Germany 3“, für die sich die großen Kunsthäuser der Stadt zusammengeschlossen haben. Auch das Schauspiel Hannover macht mit. Es hat - mithilfe der Üstra - die U-Bahnhof-Schreiberei von Mariano Pensotti beigesteuert. Pensotti, der bereits mehrfach beim Festival Theaterformen zu sehen war, fährt für seine Performance groß auf. Nur ein Autor für die Passantenbeschreibung reicht ihm nicht, es müssen gleich vier sein. Jeweils zwei sitzen an einem Bahnsteig: Hartmut El Kurdi und Katja Brunner haben dort Platz genommen, wo die Linien 4, 5 und 6 Richtung Steintor fahren, Jakob Nolte und Franziska vom Heede sitzen gegenüber; dort, wo die Linien Richtung Anderten, Bemerode und Roderbruch unterwegs sind. Es ist ein recht unterschiedliches Publikum auf den beiden Bahnsteigen: Partygänger auf der einen, Menschen mit Einkaufstaschen und Kinderwagen auf der anderen Seite.

Texte ohne Leser

Die vier Autoren schreiben simultan, kein Passant, und sei er noch so kulturbegeistert, kann alle Texte gleichzeitig lesen. Es geht immer etwas verloren. Die Performance spielt mit der Flüchtigkeit von Literatur - und auch mit dem Gedanken, dass es nichts Bleibendes gibt.

Texte müssen nicht zu Büchern werden. Ja, sie müssen vielleicht nicht einmal gelesen werden: Eine halbe Stunde nach Beginn versagen einige der Monitore ihren Dienst. Die Schrift wird unleserlich und friert ein. Und was machen die Autoren? Sie tippen emsig weiter. Texte entstehen, ohne auch nur einen einzigen Leser zu finden. Ist das ein Sinnbild für das Scheitern der Kunst?

Vielleicht haben die vier Autoren auch einfach nicht mitbekommen, dass ihre Textarbeit zumindest temporär vollkommen sinnlos ist. Nicht alle können das, was sie schreiben, auch auf dem Bildschirm sehen. Außerdem wirken sie merkwürdig in ihre eigene Autorenwelt eingekapselt. Die Ohren sind mit Kopfhörern verstöpselt (damit sie nicht von Passanten angesprochen werden), die Blicke schweifen nur kurz auf den Bahnsteigen umher, dann sind die Augen wieder starr auf die Monitore gerichtet.

Merkwürdig eingekapselt

So entgehen ihnen einige Szenen des Stationendramas: der Asiate mit den bunten Flipflops, der in sein Handy spricht, dessen Bildschirm ein Mandala zeigt, die Rothaarige, die nicht aufhört, ihren Freundinnen von den Fehlern ihres Freundes zu erzählen ...

Selbst hier, in diesem abgegrenzten unterirdischen Raum, den die meisten Menschen nur eilig durchqueren, lässt sich die Fülle möglicher Geschichten, denen man ganz nahe ist, nur erahnen.

Weitere Stationsbeschreibungen: Heute von 20 bis 22 Uhr, morgen von 17 bis 19 Uhr, U-Bahn-Station Kröpcke, untere Ebene, Abfahrt der Linien 4, 5 ,6, 11 und 16.

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