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00:22 25.09.2015
Drei Blickrichtungen auf Fußball und Gesellschaft: Moritz Rinke (von links), Katja Kraus und Andreas Bergmann.  Quelle: Alexander Körner
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Hannover

Moritz Rinke hätte es schaffen können. Er spielte in der A-Jugend von Werder Bremen, die Bundesliga in Sichtweite. Doch sein Vater war es irgendwann leid, den Sohn fünfmal die Woche aus Worpswede nach Bremen zu fahren. Also sagte er dem Trainer, dass Moritz nur noch dreimal pro Woche kommen würde. Rinke junior saß fortan auf der Bank – ihm blieb einiges erspart.

Der Dramatiker und Autor Moritz Rinke war einer von drei Gästen im Literarischen Salon. „Da krieg’ ich so den Ball und das ist ja immer mein Problem.“ Mit diesem Zitat des früheren Hannover-96-Spielers Gerald Asamoah war die Gesprächsrunde überschrieben. Es sollte um Sport gehen, aber auch um die Kehrseiten der Fußballmaschinerie. Darüber berichtete Katja Kraus, Autorin, Unternehmerin, einst Nationaltorhüterin und vor ein paar Jahren erste Frau im Vorstand eines Bundesligaclubs. Den Alltag in der Bundesliga kennt Andreas Bergmann, der Hannover 96 durch die schwierigste Phase der letzten Jahrzehnte führte.

Der Abend muss ohne Moderation auskommen, also gibt Organisator Joachim Otte den Ball an Moritz Rinke und hofft, dass das Trio sich mit Stafetten durch die mehr als 90 Minuten arbeiten würde. Es geht um Druck, diesen ewigen Begleiter des Fußballs. Rinke hat mit Kollegen von der Autoren-Nationalmannschaft ein Buch über die abgelaufene Saison von Borussia Dortmund geschrieben. In „Man muss ein Spiel auch lesen können“ wird eine Saison gezeigt, die die Mechanismen des Sports offenlegte: Was gestern gut war, ist heute nichts. Heute, nach dem erfolgreichen Start von Klopp-Nachfolger Thomas Tuchel, sagt Kraus, habe sie beim Blick in Zeitung und Fernsehen manchmal das Gefühl, Klopp sei nie da gewesen. „Leistung zählt nicht mehr, sondern nur Erfolg.“

Katja Kraus war geradezu schockiert, als sie 2003 in den Vorstand des Hamburger Sportvereins aufrückte und bald auch die Profis besuchte. „Ich dachte, die Kabine ist die Insel der Glückseligkeit“, sagt sie. Sie hatte junge Männer erwartet, die glücklich sind, ihren Traum zu leben. „Es gibt da keine Begeisterung“, sagt sie. Stattdessen herrsche Wettkampf auf allen Ebenen: Wer ist der beste Spieler, wer hat die meisten Fans, die coolsten Tattoos, die schlankeste Freundin. Rinke berichtet von Reisen mit Werder Bremen. Alle beschallen sich mit Kopfhörern. „Mesut Özil hat nicht einmal mit seinen Mitspielern gesprochen“, sagt Rinke, dafür aber im Stundentakt Online-Netzwerke bespielt.

Wie sich solches Verhalten mit einem Mannschaftssport verträgt? Darauf weiß niemand eine Antwort. Daher geht es um die Gründe. „Wir haben in Deutschland keine Fehlerkultur“, sagt Katja Kraus. Das gelte auch für den Fußball, Spieler zeigten voreinander keine Schwäche. Sie hätten Angst vor den Konkurrenten und der Öffentlichkeit. Andreas Bergmann erzählt von seiner Zeit beim FC St. Pauli, als Spieler den homosexuellen Präsidenten Corny Littmann fragten, wie sie denn jubeln können, um nicht schwul zu wirken. Die Angst vor Schwäche ist größer als die des Tormanns beim Elfmeter. „Die Angst vor Schwäche betrifft uns ja alle“, sagt Bergmann. Menschen müssten heute funktionieren. Fußball ist dann ein Blitzableiter für die Emotionen, die überall im Alltag aufgestaut werden. Ein weiterer Schuss Treibstoff für die Fußballmaschinerie.

Diese Maschine blieb 2009 in Hannover kurz stehen – das dachten damals zumindest einige. Rinke, Kraus und Bergmann sprechen lange über den Tod von Robert Enke. Rinke erinnert sich daran, wie manche den Tod zum Event machten. Bergmann schildert das Innenleben der Mannschaft. Er kann sich auch genau an die Spiele danach erinnern, in denen die Mannschaft auch gute Momente hatte. Aber: „Alles wurde darauf reduziert.“ Jede Aktion, jede Reaktion wurde in Verbindung gesetzt, bis, so sieht es Bergmann, die Spieler selbst glaubten, dass sie nicht mehr Fußball spielen können. Wut hat er bis heute auf Journalisten, die schon kurz danach Spieler wie Konstantin Rausch, damals Anfang 20, als Versager einstuften. „Gesellschaftlich hat sich nichts getan, gar nichts“, sagt Bergmann.

Andreas Bergmann ist bemüht, den Tod von Robert Enke, die Folgen für die Mannschaft und schließlich auch für sich, nicht zu benutzen. Bergmann, der lange auch mit Jugendspielern und an der Schnittstelle zu den Profis gearbeitet hat, wünscht sich zumindest eine bessere Vorbereitung auf den Wahnsinn Bundesliga mit dem gnadenlosen Selektionsprozess. Man müsse den jungen Menschen klarmachen: „Heute wirst du von allen bewundert – aber du bist austauschbar.“

Beim Fußball gebe es ja noch Parameter wie das Ergebnis oder die Laufleistung, sagt Rinke. „Literaturkritiker sind noch gnadenloser als Sportjournalisten.“ Sie bewerteten uneingeschränkt subjektiv. Er selbst sei früh hochgejazzt und dann gnadenlos verrissen worden. „Es gibt Literaten, die wissen gar nicht mehr, ob sie gut oder schlecht spielen.“

Von Gerd Schild

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