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Aber, Oskar!

Literarischer Salon Aber, Oskar!

Volles Haus, reichlich Proteste: Günter Grass trifft Oskar Negt in Hannover. Es kamen allerdings nicht nur Freunde der beiden Intellektuellen. Vor dem Universitätsgebäude standen Demonstranten, die – mit Israel-Fahne und Flugblättern ausgestattet – gegen Grass protestierten.

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Viele Worte und in der Mitte eine Flasche Rotwein: Günter Grass (l.) und Oskar Negt beim Literarischen Salon im voll besetzten Audimax.

Quelle: Heusel

Hannover. Der Andrang war gewaltig: Bei dieser verspäteten Geburtstagsfeier wollten Hunderte von Hannoveranern dabei sein. Der hannoversche Sozialphilosoph Oskar Negt, seit einigen Wochen 80 Jahre alt, hat sich Montagabend mit Günter Grass zum Gespräch getroffen. „Generationsgenossen“ lautete der Titel des Treffens, das der Literarische Salon im Audimax der Universität veranstaltet hatte.

Es kamen allerdings nicht nur Freunde der beiden Intellektuellen. Vor dem Universitätsgebäude standen Demonstranten, die – mit Israel-Fahne und Flugblättern ausgestattet – gegen Grass protestierten. Schon vor Wochen hatte es Kritik an der Veranstaltung gegeben. Ein Aktionsbündnis namens „Association Bellevie“ hatte im Internet gegen den Auftritt des Literaturnobelpreisträgers protestiert. Unter der Überschrift „Halt die Fresse, alter Mann!“ kursiert ein Brief, in dem Grass Antisemitismus vorgeworfen wird. Die „Association“ bezieht sich dabei auf Grass’ Mitwirken in der Waffen-SS und, vor allem, auf sein vor zwei Jahren veröffentlichtes Gedicht „Was gesagt werden muss“. Darin wirft der Autor Israel vor, mit seinen Kernwaffen den Weltfrieden zu gefährden. Vor dem Universitätsgebäude standen Polizeiwagen, und im Gebäude wachten Security-Mitarbeiter.

Am Montag haben sich Oskar Negt und Günter Grass im Literarischen Salon zu einem Gespräch getroffen. Die Veranstaltung wurde von Protesten begleitet.

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Im vollbesetzten Audimax hingegen begrüßte das Publikum die beiden Herren mit großem Applaus. Als ein junger Mann einen Flugzettel der „Association Bellevie“ vor Grass auf den Tisch legt, bedankt dieser sich mit einem überfreundlichen, sarkastischen „Danke schön“. Ansonsten ignorieren die Gesprächspartner diesen Protestierer ebenso wie den Demonstranten, der mit einem quietschenden Plastikungetüm, auf dem eine Israel-Flagge abgebildet ist, im Saal steht. Nach ein paar Minuten verlässt auch er den Saal – und die Männer tauschen, souverän und kundig moderiert von Stephan Lohr, ihre Positionen aus. Da geht es gleich zur Sache. „Heißt denn die Hoffnung Sozialismus?“, fragt der Moderator den Sozialphilosophen gleich zu Beginn. Und schon ist man mittendrin im Gespräch über den demokratischen Sozialismus, über die „Alltagsutopien der Menschen“ (Negt) und den „revolutionären Reformismus“, den Negt mal an den Gewerkschaften geschätzt hat. „Aber, Oskar!“, sagt der 87-jährige Grass zu dem Jüngeren, als der etwas zu lange und beseelt von Alltagsutopien redet. Die Hölle sei doch – wie man aus der Literatur und der Bildenden Kunst wisse – viel interessanter.

Knapp 90 Minuten lang tauschen die beiden ihre Positionen zur SPD gestern und heute, zu den Studenten 1965 und 2014 (unpolitisch), zur Ukraine und dem Irak („heute sind wir im Dritten Weltkrieg“, so Grass) aus. Keinen Zweifel lassen sie daran, dass sie eine entsolidarisierte Gesellschaft verabscheuen. Zwischendurch geht es auch mal um ihre Kindheit, um Kriegs- und Fluchterfahrungen: Alles in allem hat man das Gefühl, eine Art Kurzdurchlauf durch das Leben der beiden „intellektuellen Schwerarbeiter“, wie Lohr sie nennt, zu erleben. Die Stimmung ist gelöst und heiter. Später kommt Lohr auf das umstrittene Israel-Gedicht zu sprechen – und Grass sagt: „Wenn man Israel helfen will, muss man seine Politik kritisieren dürfen. Israel ist ein unkontrollierter Atomstaat, wie Pakistan.“ Der Beifall ist gewaltig. Zumindest innerhalb des Saals.

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