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Kult und Konvention

"Literaturpalast" im Künstlerhaus Kult und Konvention

Mit dem Kultstatus einer Kulturreihe wächst auch das Maß an Masochismus, welchen das Publikum aufbringt, um sagen zu können, es sei dabei gewesen. Etwa bei der Fitzoblongshow. Dietrich zur Nedden hat diesmal sogar in einen „Literaturpalast“ eingeladen. W

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Ungewöhnlich, wie gewohnt: Dietrich zur Nedden, Monika Rinck, Max Wallenhorst.

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Hannover. Wie üblich zur Ukulele singt und klampft der Gastgeber zum Auftakt sein „Oblong, Parole Oblong“. Und das, wie stets, demonstrativ dilettantisch, um jeden Verdacht konventionellen Künstlertums zurückzuweisen. Worin auch längst eine Konvention liegt. Als umso unkonventioneller präsentiert er seine Gäste Monika Rinck und Max Wallenhorst.

Rinck veröffentlicht Texte unter Buchtiteln, die recht kategorisch klingen, „Risiko und Idiotie“ etwa oder auch „Begriffsstudio“. Dabei operiert sie eher assoziativ als begrifflich, interessiert sich oft mehr für den Klang von Worten als ihren kategorialen Gehalt. Die Komik, die entsteht, wenn man etwa den schwedischen Dichter Magnus William-Olsson bewusst unbeholfen zu übersetzen vorgibt und dies mit schwedischem Zungenschlag vorträgt, ist indes freiwillig von jener Sorte, die Giovanni Trappatoni einst unfreiwillig mit seiner FC-Bayern-Bilanz („Ich habe fertig“) erzeugt hat.

Überhaupt, die Zitate. Max Wallenhorst greift auf Morning Glory Zell-Ravenheart (1948-2014) zurück, die an der US-Westküste als Kommunardin diversen Sekten und der freien Liebe huldigte, um sein Verständnis von Offenheit, pardon: „Openness“ zu illustrieren. Zur Nedden nennt Wallenhorst „Oblong, next Generation“. Sicher ist, dass der 23-jährige Student der Theaterwissenschaft im hessischen Gießen der Generation Powerpoint angehört. „Polyamory“, seine Variante von Ravenhearts Liebesneologismus „Poly-amorous“, präsentiert er mit Beamer- und Soundbegleitung. Er weiß, dass man für den „poly-amourous life style“ als der „avant-garde of the 21st century“ im Netz „socializen“ muss und gibt, gleich auf Englisch, eine Art Glaubensbekenntnis ab: „There was internet, before I was born, and there will be internet after I die.“ Ist das ironisch, parodistisch, irgendwie kritisch? Gleichviel, das Publikum im nur zur Hälfte bestuhlten und doch nicht vollbesetzten Literaturhaus applaudiert danach erleichtert. „Moderne Kunst versteht man ja nicht“, sagt ein Gast in der folgenden Pause, nach der sich der Saal nur unmerklich geleert hat.

Nur wenigen bleibt daher vorenthalten, dass der Beifall dieses Abends nicht immer dem Ende eines Vortrags, sondern bisweilen auch diesem selbst gilt. Etwa den Heine-Variationen, mit denen Monika Rinck den Wortschatz des Dichters sinnzerstörerisch dekonstruiert, was erst ein verblüfftes „Ja!“ aus dem Publikum und dann Applaus hervorruft. Bei Wallenhorst bleibt indes rätselhaft, ob er nur zitiert, was er den „Bad-Mail-Jargon“ nennt, der „ein bisschen too much außen“ sei - oder damit genau seine eigene Attitüde beschreibt.

Zeichnet sich da die Avantgarde des 21. Jahrhunderts ab? Oder nur eine neue Kunstkonvention? „Niemand wird nach Hause rebooten“, sagt Wallenhorst ganz zum Schluss. Das dürften die meisten Gäste dieses Abends zwar anders ausgedrückt, aber wohl doch versucht haben.

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Von Redakteur Daniel Alexander Schacht

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