Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 4 ° wolkig

Navigation:
Künstler im Zeitalter der Performance

Lotte Lindner und Till Steinbrenner Künstler im Zeitalter der Performance

Haben Sie mal bei einer Vernissage erlebt, dass einer den Revolver zückt und ein Loch in die Wand schießt? Mussten Sie sich in einer Ausstellungsinstallation durch einen so engen Gang zwängen, dass Körperkontakt mit Anderen unvermeidlich war? Dann waren Sie schon dem künstlerischen Treiben von Lotte Lindner und Till Steinbrenner ausgesetzt.

Voriger Artikel
Irgendetwas stört
Nächster Artikel
Helen Mirren wird 70

„Naherholung“ – eine Lichtinstallation zur Herbstausstellung am Trammplatz.

Quelle: Kunstverein

Hannover. Die beiden erhalten den mit 10.000 Euro dotierten Kunstpreis der Sparkasse Hannover – als erstes Künstlerduo in der Geschichte dieses Preises, der traditionell im Rahmen der Herbstausstellung des Kunstvereins vergeben wird. „Das ist eine Auszeichnung für Künstler im Zeitalter der Performance“, sagte dessen Direktorin Kathleen Rahn jetzt bei der Präsentation der Preisträger im Kunstverein. „Denn auf genaue Inszenierung kommt es heute mehr denn je an.“ Und die Kunstvereinsvorsitzende Ellen Lorenz hob hervor, dass die Auszeichnung von  Künstlern aus Hannover nichts mit Provinzialität zu tun hat. „Dies ist ein wichtiger Preis, der gute und wichtige Kunst aus Niedersachsen auszeichnet.“

Die Galerie für Fotografie in der Eisfabrik zeigt zurzeit kuriose Ansichten des Fotografn Tom Krausz über Deutschland.

Zur Bildergalerie

Tatsächlich haben Lindner und Steinbrenner nicht nur bei Marina Abramovic an der HBK Braunschweig studiert und sind wie diese Performancekünstler, sie sind auch schon in der New Yorker Moma-Dependance P. S. 1, in der Tate Modern in London, im renommierten ZKM Karlsruhe und in mehreren europäischen Ländern ausgestellt worden. Bei ihren Performances bieten sie ihrem Publikum stets eine Gewissheit: Irritation ist garantiert. Das Künstlerduo erkundet Orts-, Raum- und Körpererfahrungen und löst dabei in aller Regel Ungewissheit über deren Wahrnehmung aus. Die Verunsicherung beginnt schon damit, dass die von ihnen genutzten haptisch greifbaren Objekte – ein Revolver, eine Kiste oder eine Bierflasche – für beide nur Beiwerk sind, das auf ihre Kunstinszenierungen verweist. Bei denen kann sich der Betrachter nie sicher sein, ob er nur zuschaut oder Teil der Inszenierung ist. Und mancher Betrachter wird sogar zu aktiver Teilnahme aufgefordert. So lassen Lindner und Steinbrenner ihre Performance „Family“, die daraus besteht, dass beide gemeinsam einen Berg Kartoffeln schälen, durch einen Zeugen protokollieren und dieses Protokoll durch einen Nachrichtensprecher verlesen. Und fertigen selbst Radierungen, Aquarelle und Zeichnungen von der Kartoffelschälerei an. Andere Performancekünstler begegnen der Immaterialität und Vergänglichkeit ihrer Inszenierungen, indem sie diese per Foto oder Video dokumentieren. Doch das lehnt dieses Künstlerduo ab. „Das stört die Performance-Situation“, erläutert Lotte Lindner. Schon klar: Das über seine Rolle ohnehin verunsicherte Performance-Publikum wird durch Kamerapräsenz auf einer weiteren Ebene irritiert. Dem Künstlerduo ist die Performance offenbar Verstörung genug.

„Wir sind wirklich sehr dankbar“, sagt Till Steinbrenner, „dass mit diesem Preis eine Kunst gefördert wird, die nicht auf Verkäuflichkeit zielt, sondern auch Zumutungen enthält.“ Der Künstler greift damit ein Wort von Sparkassen-Vorstand Heinrich Jagau auf. Er zählt zum „öffentlichen Auftrag“ der Sparkasse bei der Preisvergabe ausdrücklich „die Horizonterweiterung, das Infragestellen und die Zumutung“.

Nun, von Lotte Lindner und Till Steinbrenner ist im September einiges an durchaus reizvollen Zumutungen zu erleben. Denn der Kunstverein bietet dem Träger des Sparkassen-Kunstpreises in seiner Herbstausstellung traditionell besonderen Raum. Zu hören sein wird da das „Family“-Protokoll. Zu sehen sein wird die Lichtinstallation „Zeugungsabsicht“, die einen fensterlosen Raum mit einer 36.000-Lumen-Lichtquelle so gleißend erhellt, dass dieses Licht blendend  – und damit unsehbar wird. Und eine Lichtinstallation am Ende der einstigen Trammplatz-Unterführung soll dann zu psychedelisch kreisenden Lichtringen beruhigende Worte und sanfte Klänge bieten – eben „Naherholung“, wie diese Installation heißt.

Das Beispiel zeigt: Auch international wahrgenommene Künstler können sich lokal gut verorten – und mit Ortskenntnis in Hannover umso besser.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Milow spielt im Capitol