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Nachrichten Kultur Lucinda Williams überarbeitet ihre süße Welt
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12:32 21.11.2017
Eine Stimme wie Reifen auf dem Kiesweg: Lucinda Williams hat mit „This Sweet Old World“ eine bewegende Songsammlung vorgelegt – zum zweiten Mal nach 25 Jahren. Quelle: David McClister Photography, LLC.
Hannover

„This Sweet Old World“ heißt ihr neues Album. Lucinda Williams sitzt auf dem Beifahrersitz einer großen amerikanischen Limousine und schaut auf dem Cover mit diesem „Erzähl-keinen-Scheiß“-Blick abgeklärter Frauen zum Fahrer rüber, den wir nicht erkennen können. Sieht nach Stress aus, Beziehungsentzug, man muss den Blick abwenden, sonst fühlt man sich noch angesprochen. Vor 25 Jahren hatte die 64-jährige Sängerin schon mal ein Album namens „Sweet Old World“ aufgenommen. Damals stand sie selbstumschlungen an einer Bretterfassade, den Blick mit etwas dezenterer Skepsis auf den Betrachter gerichtet. Auch kein richtiges Lächeln. Schon damals schien die Welt nicht wirklich süß zu sein.

Williams fühlte sich den alten Liedern entwachsen

Es war ein Album, das sich ihr später nicht mehr so recht öffnen wollte, sie fühlte sich den Liedern entwachsen. Die Sessions waren nervig gewesen, Plattenfirmenwechsel, A&R-Leute die nicht mal Dylans „Blonde on Blonde“ kannten – das verriet sie jüngst der US-Ausgabe des Rolling Stone. Auf Konzerten spielte die Frau aus dem Süden deshalb bald nur noch zwei, drei Stücke, darunter „Pineola“, die Geschichte eines Selbstmords und der danach herrschenden Fassungslosigkeit.

So unterzog sie „Sweet Old World“ jetzt also einer Revision und spielte es mit ihrer Tourband noch einmal komplett neu ein. Von Ehemann (und Manager) Tom Overby kam der Vorschlag. Williams selbst war anfangs zögerlich, bekam dann aber im Studio immer mehr Lust auf das ungewöhnliche Projekt. Und binnen zehn Tagen war es im Kasten.

Und so gibt es jetzt zwölf alte neue Songs der Americana-Meisterin und vier Neuzugänge, die es damals nicht aufs Album geschafft hatten – die alte Reihenfolge wurde dabei nicht eingehalten.

Die Neuauflage ist rock’n’rolliger, bluesiger, sumpfiger

Wer Original-Updates braucht? Eigentlich niemand. Aber - das muss man zugeben, die Songs sind fesselnder geraten, rock’n’rolliger, bluesiger, was auch Resultat der Neuzugänge ist – des zunächst trockenen, dann swingenden „Factory Blues“ oder von „What You Don’t Know“, das träge wie aus den Rock’n’Roll-Sümpfen von Creedence Clearwater Revival twangt.

Die Stimme ist kräftiger, reifer, zugleich brüchiger und harscher, klingt wie Autoreifen auf einem Kiesweg (um den Titel von Williams‘ Meisterwerks von 1998 unterzubringen). Man hört die Narben des Lebens. In der neuen Version des Openers „Six Blocks Away“ lässt Williams den Jingle-Jangle-Sound der Rickenbacker-Gitarre orangerot erstrahlen, und das Ganze klingt jetzt wie eine Hommage an den jüngst verstorbenen Tom Petty, der zu ihren frühen Fans zählte. Da ist jemand in dem Song, der den Herzschlag seiner Geliebten sechs Straßenblocks weit entfernt hören kann, der dorthin läuft und wieder zurück, zu ihr rein möchte und weiß, dass er das nicht kann und darf und er das doch unbedingt muss. Ein Gefühl, das jeder schon mal hatte.

Lieder für die Verschwundenen

Warum Williams das alte Album nicht mehr mochte, erschließt sich nicht, wenn man es noch einmal auflegt. Die Lieder über Versäumtes, zu früh Vergangenes, traurige Liebesenden, müde gewordene Träume, eingeschlafene Wünsche, über die Armut in Amerika und die Leute, die das Leben nicht mehr aushalten, waren im ersten Durchgang allesamt von einer dunstigen Schönheit, hatten einen klaren Countryrockeinschlag. Manche sind in den neuen Versionen relativ ähnlich geblieben - wie „Little Angel, Little Brother“, noch so ein Lied über Suizid, in dem Williams den Toten mit all seinen Gesten und Vorlieben wachruft, oder der wehmütige Titelsong, indem sich zur Trauer die Wut gesellt: „Schau, was du verloren hast, als du weg bist aus dieser süßen alten Welt.“

Andere Songs sind ziemlich weit weg vom Original. „Driving Down A Dead End Street“ hieß in der 92er Version noch „He Never Got Enough Love“, weil Williams Respekt hatte vor Bob Dylans (indes nicht sonderlich eindrucksvollem) „Ninety Miles An Hour (Down A Dead End Street)“ von dessen 1988er Album „Down In The Groove“. Jetzt hat der Song den ursprünglichen Titel zurück bekommen, eine überarbeitete Melodie dazu und mit zwei zusätzlichen Strophen einen Hoffnungsschimmer für den Protagonisten, auf den Williams einst durch einen Zeitungsartikel über einen kaltblütigen Mord kam. „Something About What Happens When We Talk“ ist dann ein tieftrauriger Song über die Liebe. Selbstverständlich ist sie vorbei. Selbstverständlich herrscht Bedauern über verpasste Chancen. Nie geküsst, oh Gott! Warum erinnert das Stück einen nur so sehr an Dylans „Knockin‘ On Heaven’s Door“?

Viele Künstler und Bands spielen neue Studioversionen ein

Das mit den zweiten Originalversionen ist kein Einzelfall. Vor ein paar Jahren füllten beispielsweise die Scorpions das Coverversionenalbum „Comeblack“ mit Neueinspielungen von Hits wie „The Zoo“ oder „Rock You Like A Hurricane“ auf. Wolfgang Niedecken spannt auf seinem neuen Werk „Das Familienalbum – Reinrassije Strooßekööter“ Familiengeschichte von den frühen Fünfzigerjahren bis heute in ein paar neue und viele alte, umarrangierte Songs. Das Bap-Stück „Weißte noch …?“ von 1983 wurde in New Orleans mit einer Pedal-Steel-Gitarre eingespielt und scheint damit tatsächlich erst 34 Jahre später sein eigentliches „Gewand“ gefunden zu haben.

Und Mike Love, Gründungsmitglied der Beach Boys, hat vorigen Freitag (17. November) das Doppelalbum „Unleash The Love“ veröffentlicht, 13 neue Stücke und ein Best-of aus erneut aufgenommenen Bandklassikern – von „Fun, Fun, Fun“ bis „Good Vibrations“. Hier herrscht der Eindruck: Völlig überflüssig. Wahrscheinlich herrscht das Kalkül, dass sich Unbekanntes viel besser verkauft, wenn man Vertrautes dranhängt.

Die Rückeroberung eines verlorenen Albums

Lucinda Williams dagegen hat sich mit der Methode ein verlorenes Album zurück erobert. Und sagt nun, es sei ein neues. Da möchte man glatt seinen „Erzähl-keinen-Scheiß“-Blick aufsetzen, wäre das Ergebnis nicht so traumhaft.

Lucinda Williams: „This Sweet Old World“ (Highway 20 Records)

Von Matthias Halbig / RND

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