Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 9 ° Regen

Navigation:
Das Publikum hat seinen Spaß am Sterben

„Lucky“ im Schauspielhaus Hannover Das Publikum hat seinen Spaß am Sterben

Ein echter Glücksfall: Felix Landerers Tanztheaterstück „Lucky“ feiert im Schauspielhaus Hannover Premiere. Ein Abend, bei dem das Publikum hörbar seinen Spaß am Sterben hat.

Voriger Artikel
Ist das die nackte Mona Lisa?
Nächster Artikel
"West Side Story" hat Premiere

Umwerfend: Jessica van Rueschen.

Quelle: Katrin Ribbe

Hannover. Der Tod steht ihr gut. Jessica van Rueschen, hellblond und hager, tiefschwarz geschminkte Augen, dunkler Pullover mit aufgedrucktem Skelett, stakst zwischen einem Rednerpult und einem Sarg hin und her. Mit gouvernantenhafter Strenge dirigiert sie eine fünfköpfige Beerdigungsgesellschaft. Oder sind es Wartende im Vorhof zur Hölle?

Felix Landerer, der seit sieben Jahren als freier Choreograf nicht nur die hannoversche Tanztheaterszene belebt, kooperiert nun erstmals mit dem Schauspiel Hannover. „Lucky“ ist ein Glücksfall. Das Stück zeigt, welch erzählerische Kraft Tanz und Theater zusammen entfalten können, wenn der Begriff Tanztheater wörtlich genommen wird, und die beiden Disziplinen zu gleichen Teilen eine Inszenierung bestimmen.

Comics ohne Sprechblasen

Landerers Akteure sind nicht nur technisch versierte Tänzer, die nebenbei noch einige theatralische Ausdruckselemente im Gepäck haben. Sie beherrschen auch die Kunst, ihrer jeweiligen Rolle mit facettenreicher Bewegungssprache Kontur und Tiefgang zu verleihen. Das erinnert oft weniger an Tanz als vielmehr an Stummfilmszenen, Gebärdensprache oder Pantomime, zuweilen auch an Comics ohne Sprechblasen. Die rein ästhetische Bewegungsabfolge ist Landerers Sache nicht. Seine Tanzsprache ist beredt, will stets etwas ausdrücken und anstoßen. Mit seinem eher minimalistischen Stil vermeidet er dabei Überfrachtung.

Für „Lucky“ hat sich Landerer von Samuel Becketts „Warten auf Godot“ inspirieren lassen. Er erzählt Becketts Werk keineswegs nach. „Lucky“ (titelgebend ist die gleichnamige Nebenfigur in Becketts Stück) ist eine abstrakte Choreografie. Nur die Motive erinnern an die literarische Vorlage: Verharren, Hoffen, Vergeblichkeit, Endlichkeit.

Eine stumme Band

Melanie Huke hat dafür einen viereckigen Raum mit Wänden aus hellgrauer Gaze geschaffen. Rechts und links befindet sich jeweils ein Türrahmen. Hinter dem leicht durchsichtigen Vorhang an der Längsseite sitzt eine alte Dame (Ingeborg Rindermann) mit einem Blumenstrauß in der Hand. Von Zeit zu Zeit lässt sie eine Blume auf den Boden fallen. In der Bühnenmitte stehen ein Rednerpult und ein sargförmiger Holzkasten. Im Verlauf des Stücks wird immer wieder jemand hinein- und hinausklettern.

Die erste Viertelstunde der rund 65-minütigen Vorstellung wird darauf verwendet, das Personal vorzustellen: Der Tod in Gestalt von Jessica van Rueschen fungiert als Platzanweiser für die nacheinander die Bühne betretenden Akteure. Dazu zählen ein Pärchen, eine Frau sowie zwei Männer (Karolina Szymura, Jean Gabriel Maury, Anila Mazhari, Simone Deriu und Ruben Garcia Arabit).

Schwarz gekleidet und gemessenen Schrittes gehen sie um den Sarg herum, formieren sich zwischendurch zu einer Band, die jedoch nicht spielt, sondern mit ihren Instrumenten stumm dasteht und wie für ein Foto posiert. Überhaupt gibt es über weite Strecken keine Musik in dem Stück.

Der Tod unterbricht die Stille manchmal mit kurzen Ansagen wie „wait“. Das Warten ist zentrales Thema. Die alte Dame wartet hinter dem Vorhang offenbar auf ihre Abberufung vom irdischen Dasein, die Akteure darauf, vom Tod Befehle entgegenzunehmen. Sie werden von ihm zum Tanz oder zum Stillstehen aufgefordert. Er spielt mit ihnen wie mit Marionetten und doch versuchen alle, ihn zu ignorieren, ihm nicht in die Augen zu sehen.

Unsichtbare Nägel

Für Jessica van Rueschen ist das die Gelegenheit, eine der besten Szenen des Abends zu liefern: Während Karolina Szymura hochnäsig über sie hinwegsieht, liegt van Rueschen ihr zu Füßen und parodiert auf slapstickhafte Weise allerlei gewaltsame Tötungsszenarien. Um Aufmerksamkeit oder gar Mitleid zu erregen, hält sie sich zwei Finger an den Kopf, wälzt sich in einer imaginären Blutlache, stöhnt, jammert, klemmt den Unterschenkel ein, als hätte sie ein amputiertes Bein oder jagt sich unsichtbare Nägel in die Hände. Verblüffend geschmeidig und temporeich reiht van Rueschen diese Horrorszenen aneinander. Auf der Bühne zeigen sich alle unbeeindruckt davon, während das Publikum hörbar seinen Spaß am Sterben hat. Lang anhaltender Beifall für einen trotz vieler Momente des Wartens kurzweiligen Abend.

Von Kerstin Hergt

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Die Debatte wurde beendet
Die Debatte zu diesem Artikel ist beendet. Auf HAZ.de können Sie die Themen des Tages diskutieren – hier finden Sie die aktuellen und vergangenen Themen im Überblick.
Mehr aus Kultur
Marius Müller-Westernhagen in der Tui-Arena

Marius Müller-Westernhagen spielt vor 10.000 Menschen in der ausverkauften Tui-Arena.