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Textiles Misstrauen

Tanztheater International Textiles Misstrauen

Textilkritik als Tanztheater: Mit „Made in Bangladesh“ zeigt Tanzregisseurin Helena Waldmann beim Tanztheater International in der Orangerie in Herrenhausen wie unter schwersten Bedingungen Kleidungsstücke für den europäischen Markt entstehen. 

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Am Puls der Zeit: Die indischen Protagonisten von Waldmanns Tanztheater.

Quelle: Ammerpohl

Hannover. Diese Arbeit tut weh: Die neun Frauen und drei Männer stampfen mit bloßen Füßen rhythmisch auf den Bühnenboden der Orangerie in Herrenhausen. Hart und schonungslos klatschen die Fußsohlen auf den PVC-Belag. Ein bisschen ist der Effekt wie beim Irish Dance: Das synchrone Steppen wird kontinuierlich lauter, formiert sich zu einer eigenen Melodie. Diese entführt den Zuschauer jedoch nicht in die Mythenwelt der Grünen Insel, sondern konfrontiert ihn mit der Realität in den Textilfabriken von Bangladesch. Der Rhythmus des Fußgetrappels entspricht dem Takt der ratternden Nähmaschinen, die an die Wand projiziert werden.

„Made in Bangladesh“ hat die Tanzregisseurin Helena Waldmann ihre Produktion genannt, mit der sie nach vielen Stationen weltweit nun auch beim hannoverschen Festival Tanztheater International zu Gast war. Mit der Etikettierung können auch junge „Primark“-Kunden etwas anfangen: billige Klamotten, hergestellt zu unfairen Lohn- und Arbeitsbedingungen, oft verbunden mit Risiken für Leib oder gar Leben der Beschäftigten, die zu 90 Prozent Frauen sind.

All die kritischen Medienberichte zu diesem Thema, die vor allem nach dem Einsturz einer dieser Turbo-Nähwerkstätten in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka vor zwei Jahren regelmäßig auf die Zustände aufmerksam machen, haben jedoch bis heute kaum verhindern können, dass immer noch T-Shirts für 3 Euro gekauft werden. Und das zuhauf. Wer allerdings Waldmanns eindrückliches Tanzstück gesehen hat, dürfte der Versuchung künftig womöglich endgültig widerstehen.

Ihre in Dhaka gecastete Truppe aus Tänzern und Tänzerinnen des indischen Kathak wirkt so authentisch, als handele es sich tatsächlich um Näherinnen und Fabrikarbeiter, die ultraschnelle monotone Bewegungen machen müssen. In regenbogenfarbenen Langhemden und Jodhpurhosen nehmen sie Aufstellung, um ihrer fast schon mechanischen Fußarbeit nachzugehen. Später kommen minimalistische Arm- und Handbewegungen dazu.

Der Rücken ist dabei stets durchgedrückt, die Schultern sind gerade, und das Kinn ist leicht nach oben gereckt. Die Arbeiterinnen machen sich nach außen hin nicht krumm. Fast tragen sie die Bürde, tausend Kleidungsstücke am Tag zu fertigen, mit Stolz – eine Erfahrung, die Waldmann eigenem Bekunden nach tatsächlich bei ihren Vor-Ort-Recherchen gemacht hat: Die Frauen verdienen Geld, um ihre Kinder zur Schule schicken zu können, damit die eines Tages nicht ihr Schicksal teilen müssen. Stolz auf 34 Cent in einer Stunde – das macht das Gewissen beim Kauf von Billigshirts aus Bangladesch nicht besser.

In der zweiten Hälfte zieht Waldmann, unterstützt von dem Kathak-Choreografen Vikram Iyengar, die Parallele zwischen Arbeiter- und Kultursklaven und vergleicht die körperliche Schinderei unterbezahlter Näherinnen mit denen von Tänzern, die sich oftmals auch für einen Hungerlohn ausbeuten lassen. Überzeugend ist das jedoch nicht, steht doch auf der einen Seite der Überlebenszwang und auf der anderen Seite die Freiheit der Kunst.

Von Kerstin Hergt

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