Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Textiles Misstrauen
Nachrichten Kultur Textiles Misstrauen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:19 17.09.2015
Am Puls der Zeit: Die indischen Protagonisten von Waldmanns Tanztheater. Quelle: Ammerpohl
Anzeige
Hannover

Diese Arbeit tut weh: Die neun Frauen und drei Männer stampfen mit bloßen Füßen rhythmisch auf den Bühnenboden der Orangerie in Herrenhausen. Hart und schonungslos klatschen die Fußsohlen auf den PVC-Belag. Ein bisschen ist der Effekt wie beim Irish Dance: Das synchrone Steppen wird kontinuierlich lauter, formiert sich zu einer eigenen Melodie. Diese entführt den Zuschauer jedoch nicht in die Mythenwelt der Grünen Insel, sondern konfrontiert ihn mit der Realität in den Textilfabriken von Bangladesch. Der Rhythmus des Fußgetrappels entspricht dem Takt der ratternden Nähmaschinen, die an die Wand projiziert werden.

„Made in Bangladesh“ hat die Tanzregisseurin Helena Waldmann ihre Produktion genannt, mit der sie nach vielen Stationen weltweit nun auch beim hannoverschen Festival Tanztheater International zu Gast war. Mit der Etikettierung können auch junge „Primark“-Kunden etwas anfangen: billige Klamotten, hergestellt zu unfairen Lohn- und Arbeitsbedingungen, oft verbunden mit Risiken für Leib oder gar Leben der Beschäftigten, die zu 90 Prozent Frauen sind.

All die kritischen Medienberichte zu diesem Thema, die vor allem nach dem Einsturz einer dieser Turbo-Nähwerkstätten in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka vor zwei Jahren regelmäßig auf die Zustände aufmerksam machen, haben jedoch bis heute kaum verhindern können, dass immer noch T-Shirts für 3 Euro gekauft werden. Und das zuhauf. Wer allerdings Waldmanns eindrückliches Tanzstück gesehen hat, dürfte der Versuchung künftig womöglich endgültig widerstehen.

Ihre in Dhaka gecastete Truppe aus Tänzern und Tänzerinnen des indischen Kathak wirkt so authentisch, als handele es sich tatsächlich um Näherinnen und Fabrikarbeiter, die ultraschnelle monotone Bewegungen machen müssen. In regenbogenfarbenen Langhemden und Jodhpurhosen nehmen sie Aufstellung, um ihrer fast schon mechanischen Fußarbeit nachzugehen. Später kommen minimalistische Arm- und Handbewegungen dazu.

Der Rücken ist dabei stets durchgedrückt, die Schultern sind gerade, und das Kinn ist leicht nach oben gereckt. Die Arbeiterinnen machen sich nach außen hin nicht krumm. Fast tragen sie die Bürde, tausend Kleidungsstücke am Tag zu fertigen, mit Stolz – eine Erfahrung, die Waldmann eigenem Bekunden nach tatsächlich bei ihren Vor-Ort-Recherchen gemacht hat: Die Frauen verdienen Geld, um ihre Kinder zur Schule schicken zu können, damit die eines Tages nicht ihr Schicksal teilen müssen. Stolz auf 34 Cent in einer Stunde – das macht das Gewissen beim Kauf von Billigshirts aus Bangladesch nicht besser.

In der zweiten Hälfte zieht Waldmann, unterstützt von dem Kathak-Choreografen Vikram Iyengar, die Parallele zwischen Arbeiter- und Kultursklaven und vergleicht die körperliche Schinderei unterbezahlter Näherinnen mit denen von Tänzern, die sich oftmals auch für einen Hungerlohn ausbeuten lassen. Überzeugend ist das jedoch nicht, steht doch auf der einen Seite der Überlebenszwang und auf der anderen Seite die Freiheit der Kunst.

Von Kerstin Hergt

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen. Weshalb die NDR Radiophilharmonie ihre aktuelle Konzertsaison mit den ersten Abonnementkonzerten eröffnete und am Tag danach zu einem „Meet & Greet“-Konzert einlud.

Rainer Wagner 13.09.2015
Kultur Festkonzert für Staatsoper-Stiftung - Dieser Kuss der ganzen Stadt

Premiere für das neue Konzertzimmer: Die Staatsoper Hannover startet mit Starsopranistin Simone Kermes in die Saison.

Stefan Arndt 16.09.2015
Kultur „Der Auftrag“ am Schauspiel Hannover - Die Revolution verlacht ihre Kinder

Mit Heiner Müllers „Der Auftrag“ wurde am Freitagabend die Spielzeit am Schauspiel Hannover eröffnet. Eine Kritik von unserem Kulturchef Ronald Meyer-Arlt.

14.09.2015
Anzeige