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Kultur Männermagazin "Donald" bietet Lifestyle aus Entenhausen
Nachrichten Kultur Männermagazin "Donald" bietet Lifestyle aus Entenhausen
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10:13 12.08.2011
Von Imre Grimm
„Donald“ heißt das neue „Lifestylemagazin aus Entenhausen“
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Brüste! Echte Brüste. Bekleidet zwar, das dann doch lieber, aber immerhin vorhanden. Wenn das Mr. Walter Elias Disney noch erlebt hätte, der republikanisch-patriotische Hobbyeisenbahner und prüde Idylliker, der seine Leute lieber zarte Rehlein und töffelige Elefanten zeichnen ließ als echte Frauen. Jahrzehntelang waren Geschlechtsmerkmale bei Disneyfiguren verboten (schließlich läuft Donald ohne Hose herum). Und als es die Zeichner 1989 endlich wagten, „Arielle“, der Meerjungfrau, zwei zarte – und züchtig verhüllte – Knösplein zu verpassen, schrie die erzkonservative US-Kundschaft Zeter und Mordio. Das „Arielle“-Videocover wurde gar verboten, weil einer der Türme des Schlosses im Hintergrund bei ganz genauem Hinsehen (und ungünstiger Sozialisierung) mit einem ­Penis verwechselt werden konnte. Disney – das war der sexloseste, „sauberste“, unsinnlichste Entertainmentkonzern der Welt.

Und jetzt das. „Donald“ heißt das neue „Lifestylemagazin aus Entenhausen“ (Untertitel), das seit Donnerstag an den deutschen Kiosken liegt. Es feiert den immerhin auch schon 77-jährigen Superstar Donald Duck auf 132 Seiten als Ikone der Popkultur von enternationalem Ruf – frech, witzig und mit einer Selbstironie, die das Entenhausen-Imperium bisher zumeist vermissen ließ. Sex inklusive. Ein bisschen wenigstens.

„Bettina Zimmermann zeigt Bein und Bürzel“, heißt es auf dem Hochglanzcover – neben Donalds weit aufgerissenen Augen. Im Innern posiert die 36-jährige Schauspielerin aus Großburgwedel dann als Daisy (mit Schleife) und als Minnie (mit Pünktchen). Dazu gibt’s brisante „Ducki-­Leaks“-Enthüllungen („Donald heißt mit zweitem Vornamen Fauntleroy“), und Daisy Duck als (bekleidetes) Centerfold-Girl. So mutig wie die „Simpsons“-Macher war man dann doch nicht, die Marge Simpson einst nackt und gelb, wie Matt Groening sie schuf, im „Playboy“ zeigten. Lechz!, glucks!

„Donald“ ist eine Parodie auf Männermagazine – und als solche weitaus lesenswerter als „Maxim“, „GQ“, „Men’s Health“, „FHM“ & Co. Auch in der Zielgruppe der männlichen Über-Achtjährigen sind Entenhausen-Fans schließlich zahlreich. Es ist der Versuch, die Nostalgiker und die Spaßfraktion gleichermaßen zu bedienen. Nicht alles ist neckisch (die Uhren-und-Schmuck-Strecke ist überflüssig), aber vieles ist gelungen.

Im Heftinnern darf sich Donald als Musikjournalist versuchen und interviewt die „über die Grenzen Entenhausens hinweg bekannte Band Die Ärzte“. Derlei gerät oft krampfig, aber diesmal sitzt es (Donald: „Wann tretet ihr endlich in Entenhausen auf?“ – Farin Urlaub: „Sobald eure Zeichner Tourplakate in Entenhausen aufhängen“). Dazu gibt’s eine Galerie roter Cabrio-Alternativen zu Donalds angejahrtem „313“, Modedesigner Michael Michalsky lobt den Entenhausen-Style („Gundel Gaukeley finde ich klasse ... ein bisschen Gothic!“). Und eine Bildstrecke würdigt Klassiker der ganz großen Kultur im Disney-Look, keine taufrische Idee, aber nett umgesetzt: Auf dem berühmten Nirvana-Cover „Nevermind“ schwimmt der kleine Dagobert als Baby im Pool hinter einem Talerschein her (den winzigen Penis hat man aber weggelassen – warum eigentlich?). Einziger Ausfall im Blatt: die (echten) Rezepte für „Ente im Schmortopf“ und „Duck Burger“. Ein Skandal! Wir sollen unseresgleichen zubereiten und essen. Ein Aufruf zum Kannibalismus!

Ansonsten aber ist „Donald“ der gelungene Versuch, die intellektuelle Sphäre der Donaldisten, die sich der Sprache und Kultur des Enten-Kosmos mit pseudowissenschaftlichem Eifer nähern, und die ganz normalen Donald-Sympathisanten und Comic-Konsumenten miteinander zu versöhnen. Im Heftinneren gibt’s dann auch eine 25-Seiten-Comic. Die Auflage umfasst 120.000 Druckexemplare. Die Idee stammt von ähnlichen Titeln aus Finnland, Norwegen und den Niederlanden. Das fünf Euro teure Magazin ist als sogenannter „One Shot“ (Einzelausgabe) des Egmont Ehepa Verlags zum 60. Geburtstag des „Micky-Maus-Magazins“ gedacht. Falls die Zahlen stimmen, könnte aber eine Reihe daraus werden. Die „Donald“-Männermagazin-Idee trägt wohl kaum mehr als eine Ausgabe. Aber warum nicht mal eine „Brigitte“-Parodie mit Minnie und Daisy? Oder das „P.M.“-Magazin mit Daniel Düsentrieb? Oder das „Manager Magazin“ mit Dagobert? 0der gar eine „Emma“-Satire mit Gundel Gaukeley?

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