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Wo der Applaus tröpfelt

Sommertheater Wo der Applaus tröpfelt

Alter Schwede: Jonas Jonassons Bestseller "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" als Sommertheater im Hof des Schauspielhauses. Die Inszenierung ist langweilig und albern, aber alle Vorstellungen sind bereits ausverkauft.

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"Der Hundertjährige..." im Hof des Schauspiels"Der Hundertjährige... " mit Dieter Hufschmidt

Quelle: Karl-Bernd Karwasz

Hannover. Theaterkritik ist sinnvoll. Sie warnt und sie empfiehlt. Die Leser von Theaterkritiken können eine Menge Zeit und Geld sparen.

Was hätte eine Theaterkritik zu „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ zu sagen, der Sommertheaterproduktion im Hof des hannoverschen Schauspielhauses? Sie würde von dem unglaublichen Erfolg des Debutromans von Jonas Jonasson berichten, sie würde erwähnen, dass das Buch bereits mehr als sechs Millionen Mal verkauft und in 35 Sprachen übersetzt worden sei. Dass es Hörbuchproduktionen, Verfilmungen und eine Theaterversion gebe – und dass es nicht so ganz einfach sei, den Stoff auf die Bühne zu bringen.

Sie würde den Innenhof des hannoverschen Schauspiels beschreiben mit dem aufgemalten Straßenrundkurs. Sie würde erwähnen, dass das Publikum schon eine Stunde vor Vorstellungsbeginn den Hof betreten und den Schlagerklängen der Begleitband lauschen könne. Sie würde sich ein bisschen der Restaurantkritik anverwandeln und die schwedischen Buden beschreiben, an denen man Heringssalat, Lachs, Köttbullar und Fika, das typische schwedische Kaffeegedeck, erwerben könne. Sie würde erwähnen, dass es sich bei dieser Premiere nicht um die Spielzeiteröffnung handele, sondern um eine Art vorgeschaltete Sommerbespielung. Sie würde darauf hinweisen, dass Dieter Hufschmidt als Hundertjähriger auf der Bühne stehe und dass Philippe Goos die junge Ausgabe des Helden spiele – und dass diese beiden zusammen mit Janko Kahle die besten Schauspieler dieser Inszenierung seien. Sie würde kurz die Handlung skizzieren: Dass der alte Mann aus dem Seniorenheim fliehe, in den Besitz eines Koffers gerate, der viel Geld enthält, dass er Freunde fände, von Gangstern gejagt werde und immer wieder auf sein bewegtes Leben zurückblicke, das ihn, den Sprengstoffexperten mit Franco, Truman, Stalin und anderen wichtigen Personen des explosiven 20. Jahrhunderts in Verbindung gebracht hatte.

Und sie würde sagen, dass in der Inszenierung von Malte C. Lachmann nicht nur die Explosionen auf der Bühne sehr schwach gewesen seien. Möglicherweise würde die Kritik Wörter wie heißgelaufen, grob, unpoetisch, klamaukhaft, eindimensional, albern und langweilig enthalten. Sie würde vielleicht verzweifelt fragen, wie das sein könne, dass man sich so wenig Mühe gegeben habe, den Stoff zu Schweben zu bringen. Sie würde sagen, dass die Inszenierung mit zweieinhalb Stunden Spieldauer viel zu lang geraten sei. Und dass man es nach mehr als zehn Runden kaum noch ertragen könne, wieder ein Tretauto durch den Rundkurs brettern zu sehen. Vielleicht würde sie mit der Bemerkung enden, dass der Schlussapplaus nur spärlich ausgefallen sei.

Das alles würde eine Theaterkritik wohl erwähnen. Menschen, die sie läsen, könnten die Warnung ernst nehmen und würden so Zeit und Geld sparen. Aber eine Theaterkritik ist hier ja ganz unnötig. Zu der Angelegenheit muss nichts mehr gesagt werden. Schließlich waren schon weit vor dem Premierentermin alle Vorstellungen ausgebucht. Der Hof ist attraktiv, die angebotenen Speisen munden, der Wein ist nicht ganz billig, aber in Ordnung und mit Glück erwischt man einen lauschigen Sommerabend. Alter Schwede, was will man mehr?

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"Der Hundertjährige..." im Hof des Schauspiels

"Der Hundertjährige... " mit Dieter Hufschmidt

Quelle: Karl-Bernd Karwasz
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