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Theater zwischen Comedy und Kabarett

"Känguru-Chroniken" Ballhof Theater zwischen Comedy und Kabarett

Im Ballhof werden Marc-Uwe Klings „Känguru-Chroniken“ zum Theaterstück zwischen Comedy und Kabarett. Mit Schwung und Leichtigkeit kommt das Duo aus Beuteltier und Künstler in Hannover auf die Bühne.

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Flammende Zumutung: Jonas Steglich (rechts) brennt als Känguru ein Deutschland-Fläggchen vor Daniel Nerlich, hier als deutschnationaler Fußballfan, ab. Foto: Karl-Bernd Karwasz

Hannover. Gerade noch hat dieser auf den Zug wartende Bundeswehrsoldat entspannt zur Musik aus dem Headset gewippt. Jetzt aber rennt er hektisch und wirr herum, in Panik von lauter Zugverlegungsansagen. Die sind zwar alle fingiert, klingen aber durch verzerrten Lautsprechersound ziemlich echt, obwohl sie ein seltsames Wesen mit Kippohr und Beutel in seinen Schwanz hineinspricht.

Verstecktes Theater zur offenen Freude des Publikums über die Störung der alltäglichen Ordnung - solche Konfusion ist die als Mission verstandene Passion dieses Kängurus. Es setzt der Datensaugerei der sogenannten „sozialen Medien“ sein eigenes „asoziales Netzwerk“ - und dem „Terror des Schweinesystems“ seine „Antiterroranschläge“ entgegen.

Das Beuteltier hat sich bei einem Künstler einquartiert, futtert dessen Schnapspralinen und übt doch Konsum- und Kapitalismuskritik, als hätte es lange in einer WG der Siebzigerjahre gelebt. Sein Gastgeber Marc-Uwe Kling ist Jahrgang ‘82: Er kann also die teils ganz aktuelle, teils aber recht wohlfeile Gesellschaftskritik jener Jahre nicht aus erster Hand kennen. Und hat den eher duldsamen Part im Dialog mit dem ideologisch irgendwo zwischen K-Gruppen und Anarcho­szene flottierenden Känguru.

Seit Jahren füllt dieses Duo Bücher und Säle, nun bringt das Schauspiel erstmals eine Theaterversion von Klings „Känguru-Chroniken“ auf die Bühne. Der Ballhof mit seinen 248 Plätzen ist lange vor der Premiere ausverkauft. Das ist durch das Inszenierungsergebnis durchaus gerechtfertigt, ebenso wie durch den Einsatz der Akteure: vom langjährigen Fury-Bassisten Christian Decker, der gut ein halbes Dutzend Songs - wirklich stark: der „Zug der Opportunisten“ - beisteuert. Bis zu Jonas Steglich, der als Känguru bisweilen geradezu sportlich durch die etwas zerklüftete Bühnenlandschaft hüpft.

Die „Känguru-Chroniken“ kommen damit voller Schwung und Leichtigkeit aufs Theater. Ein Stoff also, mit dem sich Kling bislang allein an die Rampe gestellt hat. Als einer jener kreativen Köpfe, die sich ganz lautstark das große Ganze vornehmen - und ganz still darunter leiden, nur Kleinkünstler genannt zu werden.

„Sie sind also Kleinkünstler“, konstatiert ein Polizist in dieser Inszenierung - was bei dem Kleinkünstler (Silvester von Hösslin) ein schmerzverzerrtes Gesicht auslöst. Den Polizisten spielt übrigens, wie schon den Soldaten, Daniel Nerlich, der später noch viel mehr, tja: Nebenfiguren? verkörpert. „Irgendwer muss ja die Nebenfiguren spielen“, sagt von Hösslin irgendwann. Nun, schauspielerisch ist der wandlungsfähige Nerlich der Star - und erntet als islamhassende Nachbarin, frustrierter Psychiater oder deutschnationaler Fußballfan bisweilen Zwischenapplaus.

Regisseur Malte Lachmann und Dramaturgin Kerstin Behrens haben den in Klings Audioversion mehrere Stunden füllenden Stoff auf gut 100 Minuten eingedampft. Kenner mögen manchen Gag vermissen, sie werden aber durch die liebevolle Inszenierung vieler anderer entschädigt. Alle können hier erleben, dass zwischen kritischem Kabarett und witziger Comedy viel Platz für gutes Theater ist. Und sich etwa an der Känguru-Idee erfreuen, subversive Klingeltöne zu verkaufen. Oder auch am Zitatenspiel des Beuteltiers. Dabei weist es bekannte Sentenzen neuen Urhebern zu und verleiht ihnen damit einen anderen, subversiven Sinn. „Wenn Wahlen etwas verändern würden, wären sie verboten“, wird da dem Diktator Lukaschenko zugeordnet - und dem SPD-Chef Sigmar Gabriel der Satz: „Willst du etwas über Menschen wissen, so gib ihnen Macht.“ Solche Sprüche sind am Ende über das Bühnenbild verteilt - ebenso wie das aus Konzernlogos gebildete Wort „Exploitation“.

So wird der Ausbeutungsvorwurf plakativ - und die Känguru-Sicht der Welt zum Thesenstück. Dabei ist Marc-Uwe Kling durchaus raffinierter. Er lässt neben dem Wahn, dass die Welt sich dem Willen und der Vorstellung intellektueller Sprachgewalt zu fügen hat, auch Sprachzweifel anklingen: Ausgerechnet am Kommunikationsort Kneipe gibt es statt Verständigung nur Floskelaustausch.

Der wird auch im Ballhof lustvoll präsentiert, wobei als berlinernde Kneipieuse „Herta“ wiederum Daniel Nerlich brilliert - ebenso wie als jener Offizier, der am Ende das Känguru, es ist ja ein Ausländer, in Abschiebehaft steckt. „Die Welt“, singt dann das Tier zum Schluss, „das ist ein Scheißverein.“

Minutenlanger Applaus. Und neuerlicher Beifall nach dem Appell von Jonas Steglich, im Foyer des Ballhofs die Spendenbox zugunsten des niedersächsischen Flüchtlingsrats zu füllen.

  • Am 24. und 31. Oktober sowie am 15., 19. und 25. November nur noch Restkarten. Reservierungen möglich für 16. November, 11 Uhr, und 31. Dezember, 19.30 Uhr.
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